Der Astrophysiker Harald Lesch, bekannter wissenschaftserklärender Fernsehmoderator und neben seiner Professur für Physik auch Lehrbeauftragter für Naturphilosophie, ist nach Angaben des Domradios der Ansicht, dass womöglich „die Menschen (…) die einzig intelligenten Wesen in der Milchstraße“ seien. Weiter heisst es: „Das Universum hat sich mit uns jedenfalls eine Menge Arbeit gemacht“ (Quelle). Das Domradio zitiert dabei aus einem Interview mit Lesch aus einer aktuellen Beilage der Süddeutschen Zeitung.

Ich weiss zwar nicht, ob Lesch sich mit seiner Erkenntnis nun auf religiöse, physikalische oder wie der Autor Hoffmann von „Tote Welten?“ (übrigens ein sehr lesenswertes Blog) auf biochemische Grundlagen bezieht. Zur Zeit scheint es jedenfalls auch in den Wissenschaften wieder einen Trend zur Annahme einer galaktischen oder gar universellen Einzigartigkeit des Homo sapiens bzw. des irdischen Lebens überhaupt zu geben. Vielleicht spielt dabei das immer wiederkehrende Verlangen nach einer Selbsterhöhung des intelligenten Menschen über das Universum oder die nach wie vor vorhandene Wunschvorstellung von einem erwählten (Gottes-) Volk unterschwellig eine Rolle, letzteres auch vor dem Hintergrund teleologischer oder fundamentalreligiöser Strömungen. Vielleicht liegt es aber auch schlichtweg an dem bis heute fehlendem wissenschaftlichen Verständnis über die genauen Umstände der Entstehung des Lebens aus toter Chemie bzw. der ungeheuren Komplexität des vermuteten chemischen Vorganges. Jedenfalls scheint es zu den Eigenarten der Menschen zu gehören, nicht nur die fundamentalen Fragen der eigenen Existenz erklären zu wollen, sondern dabei die vermeintlich intelligente Menschheit auch noch als das letztendliche Ziel eines Weltalls zu betrachten.

Solche Betrachtungsweisen waren und sind immer wieder Anlaß für religiöse bis kreationistische Offenbarungen sowie naturwissenschaftliche und naturphilosophische Diskussionen. Als Eckpunkte der Theorien des weit überschätzten Werts irdischen Lebens werden dann häufig neben allerlei merkwürdigen religiösen Wahrheitsdogmen auch die Naturgesetze herangezogen. Etwa der in sterbenden Sonnen stattfindende Drei-Alpha-Prozess, der in seinen Folgereaktionen aufgrund von Kernspinregeln vorwiegend große Mengen der für das Leben wichtigen Elemente Kohlenstoff und Sauerstoff erzeugt, während er gleichzeitig von der Herstellung schwererer und  lebensunwichtigeren Elemente abgehalten wird. Oder nehmen wir die von Arnold Sommerfeld 1916 eingeführte Feinstrukturkonstante α wie überhaupt die postulierte Feinabstimmung der Naturkonstanten, die im Verdacht stehen, bei geringster Abweichung von ihren derzeitigen mathematischen Werten das Universum in ein solches Chaos zu stürzen, dass Leben nicht mehr möglich sein soll.

Doch wer sagt eigentlich, dass unsere Naturgesetze aus all den Gründen die perfekte Konstellation haben, um Leben zu erzeugen? Zudem scheint sich niemand die Frage zu stellen, ob die von Lesch angedeutete angebliche „Arbeit des Universums für das Leben“ überhaupt ausreichend war. Nicht nur in ethischer Hinsicht gäbe es eine Menge an den Naturgesetzen zu bemängeln. Gerade aufgrund der Entstehung des Lebens mithilfe der Elemente Kohlenstoff und Sauerstoff sind die meisten Lebewesen dazu verdammt, andere Lebewesen wie Pflanzen und Tiere als Nahrung zu sich zu nehmen. Je zelldichter und somit intelligenter ihre Gehirne sind, umso mehr müssen diese Spezies andere Lebewesen jagen, züchten, versklaven und töten, um den eigenen Energiebedarf zu stillen und den Stoffwechsel zu befriedigen.
Doch nicht nur intelligentes Leben geht diesen Weg. Selbst kleinste Lebewesen wie Viren und Bakterien oder gar mutierte Zellen sind häufig darauf angelegt, ihren Wirt umzubringen, um den eigenen Fortbestand zu sichern. Das geht sogar so weit, dass mit dem Tod des Wirtes der Tod eines grossen Teils der eigenen Population in Kauf genommen wird.
Die Naturgesetze sind vor diesem Hintergrund tatsächlich so eingerichtet, dass Leben zum eigenen Überleben stets anderes Leben wieder vernichten muss. Und mit zunehmender Intelligenz der Lebewesen wird die Vernichtung von Leben sogar noch aufgrund von gesellschaftlichen oder kulturellen Entwicklungen gesteigert.

Doch das nur am Rande. Viel merkwürdiger wird es nämlich, wenn man sich die Voraussetzungen für die eigentliche Entstehung des Lebens anschaut. Es reicht nämlich keineswegs aus, Planeten in der habitablen Zone eines Sterns kreisen zu lassen, um die chemische Basis für Leben eine Chance zur Entstehung zu geben. Vielmehr wird vermutet, dass nicht nur eine ungewöhnlich genaue Menge an Wasser auf dem Planeten vorhanden sein muss, sondern zudem notwendige ungewöhnliche Gravitationsereignisse. In Bezug auf die Erde werden diese vom Mond verursacht, der für durchschnittliche planetarische Verhältnisse eigentlich viel zu groß ist. Doch erst diese Kräfte ermöglichen nach bisherigen Erkenntnissen die Überwindung der „Unordnung“ chemischer Bauteile und können dazu führen, dass die nötigen chemischen Voraussetzungen für die Entstehung des Lebens geschaffen werden (eine ausführliche Beschreibung der Vorgänge kann auf Tote Welten? – Über den Zusammenhang zwischen Planetenentwicklung und Chemischer Evolution nachgelesen werden). Das bedeutet also, dass erst extreme Zufälle und aus dem durchschnittlichen Rahmen fallende Bedingungen überhaupt erst zu Leben führen können.

Doch damit nicht genug. Gerade dieser erwähnten extrem seltenen Wahrscheinlichkeit und einem zudem noch vermuteten zeitlich eng begrenzten Zeitfenster, in dem Leben in der Ursuppe überhaupt entstehen und komplexere Formen ausbilden kann, stehen zahlreiche auf Dauer angelegte universelle Gefahren gegenüber. Viele dieser möglichen Gefahren aus dem Weltall haben die komplette Auslöschung des gesamten Lebens auf einem Planeten zur Folge, sei es durch gewaltige Meteoriteneinschläge, Sternenexplosionen, Planetenzusammenstöße und dramatische Klimaveränderungen, auch durch heftige Vulkaneruptionen. Und letztendlich verschwindet jegliches Leben in der habitablen Zone eines Sonnensystems dann, wenn die Sonne explodiert oder sich im Sterbeprozess als roter Riese aufbläht und dabei die habitablen Planeten entweder verschluckt oder zu einem riesigen Lavaklumpen aufschmelzen läßt.

Doch auch das ist schon zeitlich gesehen für die Existenz von Leben viel zu optimistisch gedacht, denn am Beispiel der Erde wird deutlich, dass bei dem in etwa 7-8 Milliarden Jahren stattfindenden Tod unseres Zentralsterns schon längst kein Mensch mehr auf der Erde existiert. Bereits in geschätzten 150 -500 Millionen Jahren wird die Sonne durch Fusionsprozesse so stark strahlen, dass auf der Erde durch den enormen Temperaturanstieg kein Leben mehr möglich sein wird und jegliches Wasser verdampft.

Wenn also das Universum sich nach Lesch angeblich viel Arbeit gemacht hat, um Leben entstehen zu lassen, dann ist es gerade bei der Erstellung der universell gültigen Naturgesetze ziemlich stümperhaft vorgegangen. Und zwar so stümperhaft, dass die vom „Tote Welten?“-Autor vermutete Einmaligkeit irdischen Lebens gar nicht mal so abwegig erscheint. Aber selbst wenn dem nicht so wäre und Leben auf anderen Planeten entdeckt werden würde, ist in jedem Falle der Weg vom Einzeller zu einer intelligenten Lebensform von so vielen „glücklichen“ Zufällen und Voraussetzungen abhängig, dass dies noch wesentlich unwahrscheinlicher erscheint als die Lebensentstehung selbst.

Zyklisches Universum
Bild WillowW CC BY 3.0

Deshalb wäre unser derzeitiges Universum nach der umstrittenen Big-Bounce-Theorie, bei der das Universum zyklisch expandiert, zusammenfällt und mit zufällig entstandenen anderen Naturgesetzen erneut expandiert, wohl eher ein misslungenes Zwischenspiel, bei dem die Entstehung des Lebens in keinster Weise ausreichend berücksichtigt ist. Vielmehr könnte hier vom Leben als Zufallsprodukt gesprochen werden, das sich trotz der ausgesprochen lebensfeindlichen Bedingungen zumindest auf der Erde erkennbar durchgesetzt hat und ansonsten im Universum spekulativ nur extrem spärlich verteilt ist. Und zwar so spärlich, dass die Möglichkeit durchaus real erscheint, von der Erde aus nie andere Lebensformen auf anderen Planeten zu entdecken.

Doch selbst dann, wenn man das heute weitläufig akzeptierte Urknallmodell mit beschleunigter Expansion des Universums als reales Modell betrachtet, sind die Naturgesetze, die entweder schon immer vorhanden waren oder beim Urknall ebenso rein zufällig entstanden, genausowenig eine sichere Wiege des Lebens. Insofern bleibt im Prinzip keine andere Sichtweise übrig, als dass gerade in Bezug auf die Entstehung des Lebens das Universum mehr als lebensfeindlich ausgerichtet und aus unserer Sicht schlichtweg fehlerhaft konstruiert ist. Und wenn bei all diesen Aspekten manche noch meinen, das Universum könnte auch einen teleologischen Hintergrund haben und nur dafür gemacht worden sein, um Leben zu erschaffen, dann dürfte die dahinter vermutete „zwecksetzende Weltkraft“ in jedem Falle ein grauenhafter Dilettant sein.