Kurfürst Jan Wellem gemeinfrei

Den von rheinischer Gelassenheit geprägten Düsseldorfern wird ja gerne nachgesagt, sie seien nicht nur gebildet und selbstbewusst, sondern auch hin und wieder arrogant. Bei letzterem handelt es sich jedoch vielmehr um ein Missverständnis, denn tatsächlich ist diese Form der Arroganz nicht wirklich eine, sondern eher eine besondere Form des Selbstbewusstseins. Manche würden dieses auch als „überhöht“ bezeichnen. Jedenfalls fehlt aus diesem Grund den Düsseldorfern häufig eine gehörige Portion Demut vor Autoritäten. Insbesondere vor solchen, die lediglich kraft ihres Amtes oder ihrer Position agieren und ansonsten wenig an Plausibilität für ihr Handeln liefern können. Das finden Düsseldorfer nicht nur lächerlich, sondern auch arrogant im Sinne von beschränkt. Denn auch wenn man ihnen selbst eine gewisse Arroganz nachsagt, können sie diese nur dann akzeptieren, wenn sie durch Kreativität und Intellektualität getragen ist. Insofern haben in Düsseldorf stets solche einen schweren Stand, die nicht nur mehr darstellen wollen als sie leisten können, sondern auch mehr versprechen als sie zu bieten haben. Deshalb sind lokale Politikerkarrieren zumeist schnell beendet, wenn sich nach einer gewissen Zeit heraus stellt, dass die entsprechende Person den intellektuellen Herausforderungen nicht gewachsen ist.

Vielleicht ist an dieser Mischung aus überhöhtem Selbstbewusstsein und fehlendem Autoritätsrespekt Johann Wilhelm Joseph Janaz von der Pfalz nicht ganz unschuldig, im Düsseldorfer Volksmund auch Jan Wellem genannt. Seine Zechabende mit Düsseldorfer Bürgern und die daraus resultierende dauerhafte Bürgernähe war über die Jahrhunderte hinweg Vorbild und ist unvergessen. Sein kulturelles und künstlerisches Vermächtnis hat in Düsseldorf bis heute breite Spuren hinterlassen. Vielleicht hat gerade Jan Wellems Nähe zum Volk deren Selbstbewusstsein besonders gefördert, vielleicht auch hat er die Düsseldorfer nachhaltig mit ein wenig Rationalität kontaminiert. Wir wissen es nicht. Sicher ist aber, dass unter den bronzenen Augen seines Standbilds alljährlich der aufmüpfigste Karnevalszug Deutschlands vorüber zieht, bei dem weder kirchliche noch politische Autoritäten vor dem Spott der Düsseldorfer verschont bleiben. Tatsächlich verwendet man gerade in Düsseldorf viel Energie darauf, mit allerlei Tricks die juristischen Klimmzüge der verspotteten Autoritäten schon im Vorfeld zu umgehen und die vom Gesetz verbriefte Meinungsfreiheit umfassend auszunutzen. Ganz besonders war dies neben dem Busenstreit der Düsseldorfer Narren auch im Kruzifixstreit der Fall, bei dem nach Protesten aus Kirchenkreisen und einer daraufhin getroffenen autoritären Entscheidung der Geldgeber ein mit Clowns und Kreuzen bestückter Motivwagen von Jacques Tilly nicht rollen sollte. Doch diese Rechnung ging nicht auf. Sowohl die freiheitlich orientierte Kreativität als auch das intellektuelle Selbstbewusstsein der Düsseldorfer Verantwortlichen war wie immer völlig unterschätzt worden. Der Wagen rollte nämlich trotz des Verbots in leicht veränderter Form, und ein jeder, der gegen diesen autoritätsmissachtenden Wagen Einspruch erhoben hatte und sich über das Verbot siegesgewiss freute, fühlte sich nun wortwörtlich „verarscht“ (O-Ton aus dem Video).

Überhaupt mögen die Düsseldorfer sich gerne mit trotzigen Aktionen zur Wehr setzen, wenn sie sich in ihren Freiheiten beschnitten und in ihrer Souveränität eingeschränkt fühlen. Insofern fallen die Reaktionen zumeist recht unerwartet aus. Je größer der vorherrschende Druck, umso beharrlicher verteidigen sie ihre Souveränität. Das ist nicht überall gerne gesehen, schon gar nicht bei willfährigen Kollektivmitläufern einschlägiger Interessenvertretungen. Ganz besonders deutlich und in völlig unerträglicher Art und Weise trat dies im Verfahren um Annette Schavans Dissertation zutage, bei der sich das Gutachtergremium der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf einer Zusammenrottung schavanistischer Wissenschaftsfunktionäre ausgesetzt sah. Doch die Düsseldorfer reagierten typisch düsseldorferisch, obwohl viele der an dem Verfahren Beteiligten gar nicht in Düsseldorf aufgewachsen sind. Trotzig auf die korrekten Verfahrensregeln pochend boten sie dem kollektiven Druck mächtiger und schavanistisch verfilzter Krähenstrukturen in seriöser Eintracht die Stirn und entzogen der ehemaligen Bundesministerin aufgrund ihrer Fehler den Doktorgrad. Doch damit nicht genug. Nach der für die Schavanisten blamablen kurzknappen Bestätigung der Aberkennung durch das Düsseldorfer Verwaltungsgericht tauchte ein interner “Abschlussbericht” des Dekans Bruno Bleckmann über die massiven versuchten  Einflussnahmen auf.

Dieser Vorgang hat durchaus Ähnlichkeiten mit der Reaktion der Karnevalisten im Kruzifixstreit. Denn nun hatten die Beschwerdeführer – wie damals dem Karnevalsverein – der Uni schon vermeintlich derart zugesetzt, dass erwartet wurde, sie würden ihre angeblichen Fehler eingestehen und von weiteren Aktionen Abstand nehmen. Doch dann erscheint in der Öffentlichkeit – gleich dem veränderten trotzigen Motivwagen Jacques Tillys – ein ebenso trotziger Abschlussbericht der Düsseldorfer Uni. Und damit nicht genug. Als Krönung der Frechheit gegenüber der krähenaugenschonenden Wissenschaftsfunktionärselite verleiht der Rektor der Heinrich-Heine-Universität, Professor Piper, den Dissertationsgutachtern auch noch die Universitätsmedaille mit den Worten, dass „sie die Freiheit zur Kritik fehlerhafter wissenschaftlicher Arbeiten in einem Fall großer öffentlicher Einflussnahme mutig verteidigt haben.„(1)

Für die Schavanisten und den Wissenschaftsfunktionären war dies ein Affront ohne Beispiel. Wurde nicht mit der Aktivierung prominenter Stimmen aus Politik und Wissenschaft sowie massiver persönlicher verbaler Übergriffe alles daran gesetzt, um den Düsseldorfern zu zeigen, wer hier die das Sagen hat? Tatsächlich jedoch hatte wieder einmal die unabhängige Düsseldorfer Souveränität zugeschlagen und dem DFG gezeigt, dass deren schavanistischen Vorstellungen von Verfahrensregeln nicht mehr wert sind als der übelriechende Rest in einer Mülltonne. Die DFG hat deshalb allen Grund, sich genauso wie die damaligen Beschwerdeführer im karnevalistischen Kruzifixstreit völlig „verarscht“ zu fühlen, und ich persönlich kann nicht verhehlen, dass mich das zutiefst erfreut.

Insofern sind die nun folgenden weiteren Einnordungsversuche aus Politik und Wissenschaft (Absage Lammert, Absage der Humboldt-Stiftung) nicht mehr als kindisch wirkende Racheaktionen der schavanistischen Funktionärselite, welche die Düsseldorfer kaum mehr dazu bewegen wird, überhaupt zu reagieren. Viel zu sehr sind sich die beteiligten Personen in der Uni ihrer korrekten Vorgehensweise bewusst, viel zu sehr betrachten sie sich als freiheitliche Wissenschaftler, die sich keiner korrumpierten Strömung unterwerfen werden. Selbst dann nicht, wenn dabei die gesamte Wissenschaftsfunktionärswelt um sie herum deswegen zusammenbrechen würde. Auch aus diesem Grund geht das Interesse der Düsseldorfer an der elitären Forschungsgemeinschaft inzwischen gegen Null.

Schavan hatte eben schlichtweg Pech, ausgerechnet an der Düsseldorfer Universität zu promovieren. In Bochum oder Gießen wäre ihr die Aberkennung womöglich unter dem Druck der Schavanisten erspart geblieben. Vor diesem Hintergrund ist es keineswegs abwegig, die Düsseldorfer Verantwortlichen als Jedi-Ritter der korrekten wissenschaftlichen Arbeitsweise zu bezeichnen. Wenigstens diese haben – ob mit oder ohne Einfluss des Düsseldorfer Selbstbewusstseins – der funktionärselitären Zerstörung wissenschaftlicher Seriosität die Stirn geboten. Danke, Uni Düsseldorf!