Von unseren Universitäten, dem Hort wissenschaftlicher Kompetenz – zumindest glaube ich, dass sie das noch sind, also zumindest so halbwegs –  sind wir ja inzwischen einiges  an quacksalberischen Inhalten gewohnt. Nachzulesen ist das nach wie vor in der Liste des Skeptikerportals Psiram, in der die von pseudowissenschaftlichem Unsinn unterwanderten Hochschulen alphabetisch aufgeführt sind. Neuerdings jedoch wollen wohl auch Naturkundemuseen in dieser Hinsicht gleichziehen und öffnen ihre Pforten für den Bereich des kruden Blödsinns. Vielleicht auch deshalb, um die vermutlich schwächelnden Besucherzahlen in solchen Einrichtungen zu steigern. Insofern scheint sich auch hier die zunehmende Integration pseudowissenschaftlicher Themen jeglicher Art zu lohnen, um BesucherInnen in die Museen zu führen – und damit gleichzeitig hinters Licht. Dies ist derzeit nicht nur im Regensburger Naturkundemuseum zu beobachten, das in seinem Terminkalender eine „Sonderausstellung“ über Aurafotografie unter dem Titel „Energiebilder und ihre Interpretation“ bewirbt. Wer nun meint, dass das Naturkundemuseum lediglich mit einer technischen Ausstellung über die Entdeckung von Koronaentladungen durch die ursprüngliche Kirlianfotografie die Bildung der BesucherInnen fördern will, sieht sich jedoch schwer enttäuscht. Denn tatsächlich erfahren die erstaunten LeserInnen, dass ein Physiotherapeut die im Rahmen seiner beruflichen Tätigkeit angefertigten Aurafotografien in dem Naturkundemuseum ausstellt. Gleichzeitig möchte er mit dieser Ausstellung und den dazu gehörenden Vorträgen diese Art der vermeintlichen Diagnose „aus der esoterischen Ecke“ holen. (Quelle) Da bleibt einem doch irgendwie die Luft weg. Nicht wegen des esoterischen Unsinns. Den sind wir ja inzwischen gewohnt. Sondern vielmehr, dass unter dem Dach eines wissenschaftlichen Naturkundemuseums eine weitere esoterische Quacksalberei sozusagen wissenschaftlich geadelt wird. Auch den Betreibern des Museums hätte ein Blick in Wikipedia genügen müssen um zu erkennen, dass die Aurafotografie im Prinzip nichts weiter ist als der unter Esoterikern übliche Missbrauch wissenschaftlicher Vorgänge. Diese Art der Spezialfotografie wurde nämlich von dem sowjetischen Ehepaar Semjon Kirlian und Walentina Kirliana eher zufällig entdeckt und ab 1937 entwickelt. Dabei handelt sich hierbei lediglich um Koronaentladungen, also

„eine elektrische Entladung, die durch Ionisation eines elektrisch nichtleitenden Fluids (Gas oder Flüssigkeit) entsteht, das einen elektrischen Leiter umgibt“ (Quelle).

Esoteriker nutzen die sprachlich in „Aurafotografie“ abgewandelte Kirlianfotografie zur vermeintlichen Diagnose mentaler Zustände der PatientInnen. Die auf den Fotografien durch die Koronaentladungen sichtbar gewordenen Farben sollen angeblich durch körpereigene energetische Feldlinien entstehen. So sollen etwa dunkelgrüne Felder Angst bedeuten, hellgrün Heilung und dunkelrot Stress. Doch tatsächlich existieren keine solchen energetischen Felder, die auch Energiekörper genannt werden und mit mentalen Zuständen verbunden sein sollen. Ich hatte das bereits hier beschrieben. Insofern ist die vermeintliche Diagnose nach den abgebildeten Farben der Beliebigkeit des jeweiligen Interpreten preisgegeben. Das bestätigt auch der Eintrag in Wikipedia, der die esoterische Aurainterpretation als unwirksam entlarvt. Da heisst es nämlich kurz und bündig unter dem Absatz „Alternativmedizinische Anwendung„:

In einem Übersichtsartikel des Deutschen Ärzteblatts zu komplementärmedizinischen Diagnoseverfahren werden mehrere Untersuchungen zitiert, die keine diesem Zweck entsprechende Reproduzierbarkeit der Kirlianfotografie ergaben.[2]“ (Quelle)

Auch in einem weiteren Artikel auf dem Skeptikerportal Psiram wird das Verfahren als reine Pseudomedizin bezeichnet. Dort heisst es:

Die Aurafotografie spielt in der Pseudomedizin eine Rolle, um Scheindiagnosen und angebliche Behandlungserfolge zu visualisieren. Versuche von Journalisten, die auf einer Esoterikmesse die gleiche Person dreimal von verschiedenen Aurafotografen untersuchen ließen, schlugen eklatant fehl.[1] Ebenso schlug ein Test der Aurafotografie im RTL-Fernsehen im Jahre 2008 fehl.[2] (Quelle)

Esoterischer Blödsinn bleibt eben auch nach dem vermeintlichen Herausholen aus der esoterischen Ecke – auch innerhalb eines Naturkundemuseums – schlichtweg … äh …  esoterischer Blödsinn. Schlimmer jedoch als die alternativmedizinische Vereinnahmung von banalen physikalischen Vorgängen durch allerlei im Heilungswesen tätige Berufsgruppen ist allerdings, dass solchen esoterischen Auswüchsen in den ursprünglich den Naturwissenschaften vorbehaltenen Räumen eine Plattform geboten wird. So hat inzwischen auch das Naturkundemuseum in Kassel sich eines wissenschaftsfremden und in diesem Fall religiösen Themas unter dem Titel „Sintflut und Sündenfall“ angenommen und unter dem Aspekt des ominösen „Kulturvergleichs“ in Szene gesetzt:

„Unsere Ausstellung zeigt, wie sehr unser heutiger Umgang mit Haus- und Wildtieren von der Bibel geprägt wurde. Genauso wird aber auch deutlich, wie sehr sich die Tier-Mensch-Beziehung im Laufe der Zeit verändert hat.“ (Quelle)

Witzig wird das ganze dann, wenn man unter dem gleichen Aspekt auf der gleichen Seite die Vollendung des unwissenschaftlichen Nonsens zu lesen bekommt:

Zentrum der Ausstellung ist eine große begehbare Arche Noah mit ihrer unglaublichen Vielfalt des Lebens vom Eisbären bis zum Kaffernbüffel.“ (Quelle).

Äh … nun ja, das ist natürlich ganz wichtig, so´ne Arche Noah in einem Naturkundemuseum, vor allem im Vergleich zu unserem kulturellen Leben in einer Arche, mit vielen wilden Tieren und so, oder etwa nicht, oder was? Was also diese Ausstellung mit wissenschaftlicher Naturkunde zu tun hat entzieht sich irgendwie völlig meiner Kenntnis. Unter dem kulturellen oder alternativmedizinischen Deckmantel lassen sich anscheinend immer mehr naturwissenschaftliche Institutionen von ausgemachten pseudowissenschaftlichem Blödsinn bis hin zu religiösen Märchendarstellungen vereinnahmen und verdrängen. Es ist wirklich ein Witz, dass Naturkundemuseen und Universitäten dazu übergehen, esoterischen und religiösen Themen Raum zu bieten und damit ihre eigene Reputation erheblich und wissentlich beschädigen. Es wird sicherlich nicht mehr lange dauern, bis in irgendwelchen naturwissenschaftlichen Institutionen auch noch die Besonderheiten von Mondholz aufgezeigt und Anleitung gegeben wird, wie unter den Schwingungen der Mondphasen das Schneiden der Fußnägel am sinnvollsten ist. Oder man trifft sich, wie bereits an der LMU München, bei einer Tasse Kaffee zum wissenschaftlichen Häkeln von Voodoo-Puppen. Ich hätte dann auch gerne je eine dieser Puppen in Form eines Naturkundemuseums und eine in Form einer Universität. Aber bitte mit eingewebten Schlangenöl.

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