Meine erste Begegnung mit euch ist schon lange her. Da war ich im Urlaub in Bayern. Wir Kinder standen am Strassenrand und winkten einer Truppe GIs zu, die auf der ungeteerten staubigen Strasse durch das Dorf marschierten. Dabei deutete ich auf ein Funkgerät, das einer der Soldaten bei sich trug, und wie selbstverständlich kam dieser auf mich zu und hielt mir das Funkgerät ans Ohr. Ich war erfreut, obwohl ich kein Wort verstand. Später, als ich nach Bayern umgezogen war, grüßte ich bei Fahrten aus dem Auto heraus jeden GI, die mir bei den damaligen Manövern in der Nähe meines neuen Wohnortes häufig begegneten. Da war ich mir bereits der Geschichte bewusst, die uns verbindet.

Ganz ehrlich, zu der Zeit war ich stolz auf euch. Wisst ihr, ich habe damals nicht nur in der Schule gelernt, dass ihr gemeinsam mit anderen Nationen meine Vorfahren von einem Psychopathen befreit habt. Alleine 300.000 amerikanische Soldaten haben dabei ihr Leben gelassen. Amerikaner, die für eure und vor allem für unsere Freiheit gefallen sind.  300.000 US-Bürger, die zu Hause Familien und Geschwister und manche von ihnen Frau und Kinder hatten und diese nie mehr wiedersehen konnten. Und trotz der erschreckenden Erkenntnis, dass Deutschland durch Hitler zu einem barbarischen Land herunter gekommen war und der Krieg 56 Mio. Opfer forderte, habt ihr keine Rache genommen, sondern Care-Pakete geschickt und mit politischem und wirtschaftlichem Geschick den Deutschen die Demokratie, den Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder ermöglicht. Und ihr habt uns im kalten Krieg die Sicherheit gegeben, ein relativ unbeschwertes Leben führen zu können.

Nein, ich bin nicht naiv. Ich weiss sehr wohl, dass vielfältige politische und wirtschaftliche Interessen dahinter standen und immer noch stehen, aber eben nicht nur. Es war auch eure Sehnsucht nach Frieden und Sicherheit und eure Menschlichkeit, die euch diesen Weg hat gehen lassen. Wir Kinder und Jugendlichen konnten im Nachkriegsdeutschland unbeschwert aufwachsen, weil ihr diese Sehnsucht nie aufgegeben habt. Dafür habe ich euch schon damals bewundert, selbst über die vielen Stellvertreterkriege hinweg, die ihr an anderen Stellen geführt habt. Echt jetzt. Und ich habe euch auch für euren American Way Of Life und dem Selbstverständnis einer sehr weit gefassten Meinungsfreiheit in eurem Land bewundert, zu der wir es in Deutschland bis heute immer noch nicht so richtig geschafft haben.

Das Verhältnis zu den Amerikanern empfand ich stets als durch und durch normal. Es hat mir gefallen, wenn der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl in die USA geflogen ist, um bei einem gemeinsamen Essen mit dem damaligen Präsidenten Bill Clinton Unstimmigkeiten zu klären. Gerüchten zufolge waren die Portionen enorm, die zur Sättigung und zu befriedigenden Problemlösungen geführt haben sollen. Das war eine freundschaftliche Verbundenheit, die mehr Normalität ausstrahlte als jeder diplomatische Vorgang. Und als ihr uns bei der Wiedervereinigung in die Selbstständigkeit entlassen habt, war es mir aus mehreren Gründen nicht so recht, dass ihr eure Truppen aus Deutschland abgezogen habt. Die hatten uns nämlich nicht nur Arbeitsplätze gebracht, sondern vielmehr das Gefühl von Sicherheit und Verbundenheit. Aber zu einer eigenen Souveränität gehört wohl auch, dass sich Freunde und Förderer in den Hintergrund zurückziehen.

Doch inzwischen ist das alles irgendwie anders geworden. Seit 911, dem Angriff auf das World Trade Center und dem damit verbundenen Tod vieler unschuldiger Zivilisten, hat eure Regierung nicht nur die amerikanische Souveränität vernachlässigt, sondern euren American Way Of Life in einen Weg der Angst verwandelt. Für eine gewisse Zeit hatte man dafür sicher Verständnis. Ich erinnere mich noch gut an die Nervosität, als ich mit meinem Kleinbus in einer deutschen Stadt versehentlich in eine falsche Strasse abbog und mich plötzlich auf der Zufahrtsstrasse zu einer amerikanischen Kaserne wiederfand. Die gesamte Strasse war mit Tonnen vollgestellt, auch auf den Mittelstreifenmarkierungen. Es blieb nur eine schmale Gasse. Da ich nicht gleich wenden konnte sah ich, wie die wachhabenden Soldaten hektisch und nervös wurden, als ich mit dem Bus auf die Kaserneneinfahrt zufahren musste. Glücklicherweise fand ich einen Durchlass zwischen den Tonnen, bei dem ich dann wenden konnte. Die Wachsoldaten hatten wohl echte Angst vor einem Anschlag, und das Gefühl, selbst als Bedrohung wahr genommen zu werden, hat mir überhaupt nicht gefallen. Aber ich hatte es verstanden und mitgefühlt.

Doch eure damalige Regierung machte dann plötzlich Dinge, die ich ihr niemals zuvor zugetraut hätte. Sie hat zugelassen, dass in eurem Namen gefoltert wurde und Gefängnisse geschaffen, in denen sich niemand an eure Verfassung gebunden fühlt. Eure Regierungen und deren Handlanger haben ein Überwachungssystem geschaffen, dass sich jeder staatlichen und bürgerlichen Kontrolle entzieht und sogar die Telefongespräche eurer Präsidenten abhört. Dieses System vertraut niemanden, nicht einmal euren PolitikerInnen. Von denen in anderen Staaten ganz zu schweigen. Auch nicht denjenigen, die euch bisher offen gegenüber standen und viel mehr als in anderen Ländern üblich mit Informationen versorgten. Für unser beider Sicherheit.  Es hat eurer Regierung aber nicht gereicht. Sie wollen ihre Angst noch mehr stillen, indem sie die halbe Welt überwachen lässt und eure Freunde ausspioniert werden, und das auch noch recht unprofessionell. Eure Regierung benimmt sich, als ob unsere Bundeskanzlerin aus einer Sektlaune heraus persönlich in den USA Amok laufen könnte. Und eure Behörden verfolgen und verurteilen eure eigenen Leute, wenn diese auf die Einhaltung der Rechte bestehen und die unrechtmäßigen Auswüchse der Behörden veröffentlichen.

Wisst ihr, ich finde es eigentlich schon ziemlich bescheuert, wenn die NSA mich als Extremist bezeichnet. Also nicht persönlich, aber ihr wisst schon, wegen des Anonymisierungsprogramms TOR. Das benutze ich nämlich manchmal, weil ich nicht unbedingt mit meiner IP auf eine merkwürdige Webseite geraten will. Vor allem dann, wenn ich im Blog von einen unbekannten Kommentator oder manchmal auch als Spam einen Link präsentiert bekomme und ich nicht abschätzen kann, was dahinter steckt. Dann rufe ich TOR auf und schaue nach. Und manchmal möchte ich mir einfach das in Good Old Germany gesperrte Musikvideo von „Massive Attack“ mit dem Titel „Unfinished Sympathy“ anschauen, weil mir nicht nur die Musik, sondern auch die darin enthaltenen amerikanischen Strassenszenen vom Pico Boulevard in Los Angeles gefallen. Ganz schön extremistisch, findet ihr nicht auch?

Sicher weiss ich genau, dass unsere Geheimdienste zusammen arbeiten müssen, wirklich. Das bringt uns allen ein wenig Sicherheit. Natürlich weiss ich auch, dass dabei häufig am Rande der gesetzlichen Legalität oder darüber hinaus hantiert wird. Und auch wenn das niemand so gerne sieht, haben wir es halbwegs akzeptiert. Weil ihr bisher mit uns zusammen gearbeitet habt, und nicht gegen uns.

Insofern ward ihr irgendwie mal souveräner und professioneller drauf. Inzwischen sind eure Regierungen jedoch so voller Misstrauen und Arroganz, dass der Blick für das Wesentliche verstellt ist und ihr euch selbst mehr als anderen schadet. Und die maßlose Überwachungswut läßt die Rechte der Menschen zu einer Farce verkommen. Wirklich, eure Regierungen benehmen sich wie ängstliche Elefanten, die sich vor Mäusen fürchten. Und die NSA sitzt wie in einem Hühnerstall auf der obersten Stange, überwacht alle anderen Hühner und pickt und hackt auf jedes Huhn, weil jeder und alles verdächtig ist, die Eier zu klauen.

Ganz im Ernst, ich vermisse derzeit eure typische amerikanische Gelassenheit. Ich vermisse die Vernunft und die Seriosität eurer Regierungen. Und im Moment vermisse ich das typische freundschaftlich-offene Verhältnis, welches wir seit unserer Befreiung mit euch teilen. Und auch nicht aufgeben wollen. Und ich würde auch heute noch jeden GI aus dem Auto heraus grüßen.

Es wäre schön, wenn ihr eure Regierung mal von der Hühnerstange runter holt. Oder von dem Trip, auf dem sie gerade ist. Oder am besten gleich beides.