Für Torsten Albig, Ministerpräsident in Schleswig Holstein und Mitglied der SPD, ist eine Verfassung ohne Gottesbezug „undenkbar“. Jedenfalls schreibt das evangelisch.de in seiner aktuellen Rubrik. Das Land Schleswig-Holstein bräuchte nach Ansicht von Albig „eine Verfassung, die zu diesem Glaubens- und Wertegerüst passt“ (Quelle). Er bezieht sich dabei auf statistische Daten, nach denen rund 60% der schleswig-holsteinischen Bevölkerung noch Mitglied in einer christlichen Religionsgemeinschaft sein sollen.

Doch der für das alltägliche Leben völlig irrelevante Bezug auf nicht existierende überirdische Instanzen in Verfassungstexten birgt nichts weiter in sich als einen heftigen Modergeruch rückständiger Religionstraditionalisten. Es ist verwunderlich, dass im vermeintlich modernen 21. Jahrhundert noch immer in westlichen säkularisierten Staaten der völlig idiotische Bezug auf ominöse Götter in Verfassungen und Gesetzestexten Eingang findet oder finden soll. Ein solches Treiben läßt inzwischen vermehrt an einer ernsthaften demokratischen, also dem Volk dienenden Unabhängigkeit der Politiker zweifeln. Mit dem Gottesbezug wird die Verfassung nämlich zu einem Werk, welches zumindest in diesem Teil nicht mehr für alle Menschen Gültigkeit besitzt. Denn auch der in Schleswig-Holstein wachsenden Zahl von Religionslosen wäre es geschuldet, ihre Religionsfreiheit zu respektieren und ihnen eine Verfassung zu geben, die den einzelnen weder mit religiösem Kram belästigt noch dazu zwingt, den göttlichen Teil dieser Verfassung zu ignorieren oder zu missachten. Schliesslich hat ein jeder das Recht, Religion als Nonsens zu betrachten und göttliche Existenzen zu leugnen. Insofern werden nicht nur bewusst, sondern auch völlig automatisch durch die höher zu bewertende Religionsfreiheit religiöse Gottesbezüge in Verfassungen und damit Teile der Verfassung selbst einfach ignoriert.  Ein Fall für den Verfassungsschutz!

Witzig finde ich dabei jedoch die häufig angeführten Begründungen für solche Gottesbezüge. Über die immer wieder heftig strapazierte unterirdische christlich-abendländische Märchenkultur hatte ich mich schon an anderer Stelle ausgelassen. Aber selbst wenn man dieses Postulat der religiösverklärten Kulturtradition ernst nehmen müsste hätte sie in einem Verfassungtext schlichtweg nichts verloren, denn das widerspricht der Neutralitätspflicht des Staates.
Man wird das Gefühl nicht los, dass das Vorbeten dieses dahergelogenen Werte-Weltkulturerbes umso häufiger von Politikern verbreitet wird, je mehr ihnen der reale Verlust der religiösen Strukturen in Deutschland bewusst wird. Unter Leugnung der tatsächlich historischen Vorgänge werden die Argumente für einen heutigen christlichen Bezug zur abendländischen Kultur zurechtgebogen und -gelogen, was das Zeug hält. Oftmals noch gewürzt mit den zum großen Teil dem Grundgesetz widersprechenden zehn Geboten als angebliche Grundlage nicht nur unserer ethischen Werte, sondern allen Ernstes in anmaßender Vereinnahmung sämtlicher menschenrechtlicher Errungenschaften weltweit.

Doch tatsächlich haben die ursprünglichen und von Machterhalt geprägten christlichen „Werte“, die mit barbarischen und völlig unchristlichen Methoden lange Zeit von der Kirche mit Folter und Mord hart verteidigt wurden, glücklicherweise in den meisten Systemen schon lange keine Berechtigung mehr. Sämtliche demokratischen und menschenrechtlichen Errungenschaften wie Gleichberechtigung, Selbstbestimmung und Menschenwürde, ja sogar die Abschaffung der Todesstrafe, wurden stets gegen den Widerstand der christlichen Kirchen durchgesetzt. Das nicht totzukriegende Gerücht von den mosaischen zehn Geboten und den christlich-abendländischen Werten als Grundlage unseres Wertesystems ist eine der hartnäckigsten gebetsmühlenartig wiederholten Lügenfloskeln nicht nur christlicher Politiker.

Insofern soll dieser Blödsinn nun auch in die schleswig-holsteinische Verfassung einfließen, die bis jetzt frei von Gottesbezügen ist. Doch für die hätte ich einen ganz anderen Vorschlag, der dem Mehrheitsempfinden des Ministerpräsidenten sicherlich noch näher kommt als die angegebenen 60% Kirchgänger in der Bevölkerung. Laut einer Umfrage der BKK in 2010 liegt der Anteil der Homöopathiegläubigen im Bundesdurchschnitt bei etwa 83%. Der Glaube an die Wirkungsweise von homöopathischen Präparaten ist zwar genau so sinnlos wie der Glaube an einen Gott, aber immerhin sind 83% Homöopathiegläubige zahlenmäßig den 60% Gottgläubigen überlegen. Insofern wäre es, wenn schon ein Bezug  zu einer Glaubensgestalt in der Verfassung verankert werden soll, sicherlich auch vertretbar, Homöopathie und Globuli in die Verfassung aufzunehmen, etwa mit dem Satz: „“…in Verantwortung vor Homöopathie und Globuli und den Menschen…“. Das ist zwar genauso überflüssig und idiotisch wie eine mit einer überirdischen Fantasiegestalt verschandelte Verfassung, liegt aber einer eindeutigeren Mehrheit zugrunde. Und da es hier tatsächlich um eine Fantasiegestalt geht, könnte man im Kieler Landtag vielleicht noch darüber abstimmen, rosarote Einhörner, fliegende Elefanten oder sprechende Esel in die Verfassung mit aufzunehmen. Wenn schon imaginäre Fantasiebezüge, dann richtig, oder?