Bunkermentalität gemeinfrei

Über Konservative und ihre rückwärtsgewandte Mentalität habe ich mich ja bereits an mehreren anderen Stellen ausgelassen. Die moralischen Blockierer von Modernität, Freizügigkeit und sexueller Selbstbestimmung zeichnen sich bekanntlich dadurch aus, dass sie dem Trugschluss unterliegen, sie wüssten, was moralisch für Menschen in einer Gesellschaft vertretbar ist und was nicht. Vor allem und ganz besonders, was nicht. Mit dieser Anmaßung machen sie auch vor den Dingen nicht halt, die ihnen überhaupt nichts angehen. Das Schlafzimmer und die moralische Einstellung der anderen sind der Schwarzen liebstes Kind, die Küche und die Ernährung das der Grünen. Konservative lieben das Verbot und die Maßregelung anderer bei Verstößen. Bei sich selbst nehmen sie es dafür zumeist nicht so genau.

Doch den Konservativen weht ein harter Wind entgegen. Um die grüne Verbotspartei ist es nach dem letzten Sturm der Entrüstung aufgrund ihrer Steuerdebatte still geworden. So still, dass man sie als Partei gar nicht mehr wahr nimmt und der Eindruck entsteht, sie verstecken sich derzeit wie geprügelte Hunde vor Presse und Öffentlichkeit, um ja nicht unangenehm mit dem nächsten facepalmverdächtigen Statement aufzufallen.
Bei den tiefschwarzen und fundamentalistischen Erzkonservativen sieht das derzeit noch etwas anders aus. Sie kämpfen noch mit offenem Visier gegen all dem modernen Neuzeugs wie Atheismus, körperliche und sexuelle Selbstbestimmung, das Recht auf Selbsttötung und Sterbehilfe und all dem menschenrechtlichen Kram, bei dem Bürger eigene Entscheidungen ohne die Zustimmung konservativängstlicher Moralbewahrer treffen wollen. Wie etwa das Recht auf beliebige Kleidung. Oder gar das Recht darauf, nach einem lustigen Schäferstündchen sich die Pille danach besorgen zu können, ohne eine moralisch-monetäre Arztfilterinstanz durchlaufen zu müssen.

Doch wo kämen wir denn da hin, wenn jeder moralisch tun und lassen könnte, was er will, ohne sich nach den Vorgaben der konservativen Moralhüter zu richten. Die sehen sich schließlich als Garant, dass sich die Welt menschenrechtlich nicht zu weit freiheitlich entwickelt und somit den Untergang der moralischen und konservativen Werte fördert. Schliesslich ist der konservative Werteverfall seit der Aufklärung schon weit genug fortgeschritten. Und wo kämen wir denn da hin, wenn unsere Moralapostel nicht nach wie vor der Ansicht wären, sie müssten gerade im Falle der „Pille danach“ weiterhin die Frauen bevormunden, die einfach viel zu doof dazu sind, Levonorgestrel von Smarties zu unterscheiden und somit nicht selbst entscheiden dürfen, ob sie die Pille danach rezeptfrei in der Apotheke kaufen wollen oder nicht. Dafür ist man auch bereit, offen von den gefährlichen Nebenwirkungen zu lügen, die seit 43 Jahren bisher keine Probleme verursacht haben und mit denen von Hustensaft vergleichbar ist. Da kratzt es auch keinen deutschen Politiker, dass sich bereits 28 europäische Staaten für die Rezeptfreiheit ausgesprochen haben und österreichische, schweizerische und irländische Frauen die Notfallpille rezeptfrei kaufen dürfen. Aber die sind ja wahrscheinlich auch viel klüger als deutsche Frauen…

Auch das Thema Homosexualität ist bei konservativen Hardlinern noch nicht abgeschlossen. Am liebsten würden sie die Ehe zwischen Mann und Frau in Beton gießen. Insofern spricht der Evangelist und frühere ProChrist-Leiter Ulrich Parzany davon, dass der „intime sexuelle Verkehr (…)  in den Schutzraum der Ehe“ gehöre (Quelle). Diese Aussage ist schon alleine deshalb völliger Quatsch, weil weder der intime sexuelle Verkehr unter Männern oder unter Frauen, unter Mann und Frau ohne Trauschein oder gar ohne Beziehung, unter vielen Männern und Frauen kreuz und quer, noch der genüßlich-intimsexuelle Verkehr mit einer Torte das Sexualleben von Eheleuten überhaupt tangiert. Nee, wirklich nicht. Also rein gar nicht. Es sei denn, ich renne zum Nachbarn und sage ihm, dass er nicht mehr mit seiner Frau schlafen darf, weil drei Häuser weiter eine Frau Sex mit einer anderen Frau hat, sein Nachbar homosexuell ist und seine Untermieterin es mit einer Torte treibt.

Wie kommt der Mann also darauf, dass der Intimverkehr von Eheleuten eines besonderen Schutzes bedarf? Werden Horden von gleichgeschlechtlich veranlagten Menschen in deren Schlafzimmer einfallen? Oder haben Konservative einfach nur panische Angst davor, der Gedanke an den homosexuellen Nachbarn könnte sie davon abbringen, sich selbst fortzupflanzen? Obwohl – das wäre doch mal ´ne vernünftige evolutionäre Selektion…

Sowohl die nach wie vor gewollte Bevormundung der Frauen durch konservative Politiker als auch der von Parzany postulierte „Schutzraum der Ehe“ offenbaren jedoch eine ganz andere Mentalität fundamentalistischer und religiöser Erzkonservativer. Sie entwickelt sich zunehmend zu einer Bunkermentalität, in der Schutz vor den „feindlichen“ Angriffen durch die Liberalisierung der Gesellschaft und dem geforderten Recht auf eine von moralischen Richtlinien befreite Selbstbestimmung gesucht wird. Diese unaufhaltsame Verwirklichung der Menschenrechte, die auf eine umfassende Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung basieren, wird sich nicht mehr nach konservativen oder gar religiösen Werten richten. Doch das kommt für konservative oder gar fundamentalistische Menschen einem persönlichen Offenbarungseid gleich. Insofern wehren sie sich vehement dagegen, dass ihre moralischen Werte  schon jetzt zur Banalität verkommen und bis zur Überflüssigkeit verkommen werden. Den konservativen Werten steht das Wasser bis zum Hals.

Aus diesem Grund bunkern sie sich ein und suchen Schutzräume auf, in denen sie sich mit ihren überkommenen Moral einigeln und aus den Schießscharten dieselbe verschießen können. Doch die konservativen Moralwerte, die immer weniger die Gesellschaft beherrschen, werden letztendlich nur noch in solchen betonierten Schutzräumen weiterleben. Einige der Insassen werden über kurz oder lang ihr wahres Gesicht offenbaren, aber die meisten werden hoffentlich gemeinsam mit dem Märchen der christlich-abendländischen Tradition einfach verschwinden. Der Untergang der konservativen Werte ist längst eingeleitet. Glücklicherweise.

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