Zeitungsleser – gemeinfrei

Seit einiger Zeit ist das Informieren in einschlägigen Nachrichtenblättern keine große Freude mehr. Während ich früher in diversen deutschen Onlinemagazinen regelmäßig und täglich mehr als eine halbe Stunde lang interessante Artikel habe lesen können, ist der Gesamtkonsum der Nachrichten aus den nicht fachspezifischen Verlagsangeboten inzwischen insgesamt auf etwa 10 Minuten geschrumpft. Das liegt sicher nicht an einem aufkeimenden Desinteresse meinerseits, sondern vielmehr an den zunehmend schlechter werdenden Artikeln. Oftmals fällt nach dem dritten Satz schon auf, dass der Journalist sich nicht einmal die Mühe gemacht hat, sein Artikelthema in eine Suchmaschine einzugeben. Das bestätigen auch hin und wieder Kommentare der Lesenden, die häufig recht abfällig den oder die AutorIn darauf hinweisen, dass alleine ein Blick in den entsprechenden Wikipedia-Artikel genügt hätte, um dem offenbarten Unwissen der Schreiberlinge auf die Sprünge zu helfen. Ganz zu schweigen von Reportagen aus Konfliktherden, bei denen stets nach dem völlig unkritischen Motto „Wir im Westen gut, alle anderen böse“ verfahren wird, wie ganz besonders im Ukrainekonflikt von unseren Medien vermittelt wurde.

In der Tat fällt auf, dass der viel beschworene Qualitätsjournalismus kaum noch existiert. Ausgiebige und fundierte Recherchen sind immer seltener zu lesen. Die Kosten dafür wollen die meisten Verlage nicht mehr im bisherigen Rahmen tragen. Das ist auch kein Wunder, denn die Kostenloskultur des Netzes mit eingeschaltetem Werbeblocker gräbt den Verlagen jegliche finanzielle Grundlage ab. Die Printmedien wiederum sind aufgrund der allumfassenden Verfügbarkeit kostenloser Informationen im Netz auf Umsatztalfahrt. Als Konsequenz werden ganze Redaktionen und Nachrichtenbüros gesund geschrumpft oder gar aufgelöst und Mitarbeitern gekündigt, um den Betrieb zu straffen und die Kosten zu senken. Zusätzlich liegen die Verlage zunehmend den PolitikerInnen in den Ohren, um neue Einnahmequellen mit nutzlosen Gesetzen durchzusetzen, welche nach deren Verabschiedung umgehend von der betroffenen Zielgruppe gleich wieder umgangen werden. Und da sich die Verlage damit nicht zufrieden geben, wollen sie nun auf dem Klageweg erreichen, dass Suchmaschinen nicht nur auf die Verlagsprodukte verweisen müssen, sondern für diesen Verweis auch noch bezahlen sollen.
Das ist genauso doof, als würde ein Restaurantbesitzer einen Taxifahrer nicht nur dazu verpflichten, Fahrgästen das entsprechende Restaurant zu empfehlen, sondern den Taxifahrer für diese Empfehlung auch noch zahlen lassen –  mit der Begründung, er sei im Ort der einzige Taxifahrer und habe deshalb eine marktbeherrschende Stellung. Und da die Verlage immer noch die Macht haben, aufstrebende Politikerkarrieren vorzeitig medial zu beenden, bekommen sie nun Unterstützung von der Partei, die als damalige Oppositionspartei sich noch massiv gegen das Leistungsschutzrecht für Presseverleger ausgesprochen hatte, wie an den Äußerungen des derzeitigen Bundesjustizministers oder  der Arbeitsministerin abgelesen werden kann.
Zu diesem eher widerlichen Thema findet sich im Übrigen ein lesenswerter Aufregerartikel von Muriel in seinem Blog Überschaubare Relevanz.

Bei all dem Eiertanz um die Rettungsversuche des niedergehenden deutschen Blätterwalds wird jedoch ziemlich deutlich, dass der Bedarf an qualitativ hochwertiger journalistischer Arbeit auch gar nicht mehr in dem Maße benötigt wird wie bisher. Wenn ich mein eigenes Verhalten als durchschnittlichen Maßstab anlege, dann gebe ich schon lange keinen Cent mehr für Nachrichten aus, schon gar nicht für gedruckte Zeitungen. Insofern nutze ich auch keine Bezahlmedien im Netz. Was hinter einer Paywall versteckt ist bleibt uninteressant. Warum sollte ich auch, denn das Netz hält so viele aktuelle und kostenlose Informationen für mich bereit, dass ich sogar auf die kostenlosen Onlinemagazine ganz verzichten könnte. Außerhalb der erwähnten 10 Minuten lese ich vielmehr in anderen Quellen, hauptsächlich Blogs quer durch alle Themenbereiche, die ich neben diversen Metablogs, in denen bestimmte Themen gebündelt erscheinen, ständig unter Beobachtung habe. Neuentdeckte Blogs mit guten Artikeln kommen ständig dazu, manch schlechter werdende oder verwaiste fallen heraus. Viele der Blogautoren veröffentlichen nur sporadisch einen Artikel (glücklicherweise, denn 100 Artikel am Tag könnte ich auch gar nicht lesen), aber die Mehrzahl der erschienenen Artikel ersetzen häufig das, was Journalisten inzwischen nicht mehr leisten, nämlich einen ausführlichen Hintergrund und eine gute Recherche.

Das gilt nicht nur für die wissenschaftlichen Seiten bloggender Wissenschaftler, deren Öffentlichkeitsarbeit nicht nur besser ist als ihr Ruf, sondern inzwischen auch den des Wissenschaftsjournalisten längst überholt hat. Viele der schreibefreudigen Wissenschaftler publizieren dabei nicht nur eigene Forschungsergebnisse aus ihrem Fachgebiet, sondern häufig auch ihre Gedanken zu Erkenntnissen aus anderen Forschungseinrichtungen. Und das zumeist fachlich so hochwertig, wie es Verlage ausserhalb fachspezifischer Redaktionen gar nicht leisten können. Dem gegenüber stehen die Artikel der großen (Online-) Magazine, die nicht nur schon immer wissenschaftliche Veröffentlichungen häufig falsch oder überinterpretiert haben, sondern mit ihrer Vielzahl an falsch interpretierten Erkenntnissen eher Verwirrung als Aufklärung betrieben. Denn nicht umsonst macht es in der Gesellschaft die Runde, dass die Ergebnisse der Wissenschaften angeblich zum Teil völlig widersprüchlich sind (bspw. Kaffee erzeugt Krebs, Kaffee erhöht den Blutdruck, Kaffee ist gesund, mehr als eine Tasse am Tag ist schädlich, eine große Kanne am Tag ist gesund, usw.). Solche verwirrende Meldungen über Jahre hinweg ist der eindeutige Verdienst eines dauerhaften journalistischen Versagens und hat sich bis heute nicht geändert. Im Gegenteil. Erfahrungsgemäß sind die Artikel in den üblichen Onlinemagazinen häufig entweder noch oberflächlicher geworden oder – was noch viel schlimmer ist – immer häufiger thematisch von den JournalistInnen noch schlechter bis gar nicht mehr verstanden.

Doch auch in anderen Themenbereichen hat die Qualität der Presseerzeugnisse erheblich nachgelassen, so dass ich auf verschiedene Blogs zurückgreifen muss. Gerade politisch sind die meisten Nachrichtenmagazine keineswegs mehr vertrauenswürdig. Die altgewohnte journalistische Unabhängigkeit war trotz der politischen Nähe mancher Verlage zu den Parteien im Normalfall dennoch kritisch, zumindest bei den renommierten Blättern. Heute jedoch scheint der Journalismus genauso wie das Politikerdasein zu einem Kampf um Pfründe, Karrieren und Umsätze verkommen zu sein. Medien und Politiker sind inzwischen auf eine Art und Weise voneinander abhängig, dass kaum noch eine unabhängige seriöse Politik oder distanzierte Berichterstattung möglich ist. Ganz auffällig war dies in der Sache „Schavans Doktorentzug“, bei dem ein Teil der Online- und Printmedien sich nicht zu schade waren, in offener Ignoranz der völlig korrekten Verfahrensweise der Uni Düsseldorf die letzte journalistische Seriosität zugunsten der entdoktorten Politikerin sausen zu lassen und diese als heroisches Opfer von universitären Verwaltungshyänen zu stilisieren.

Ganz besonders auffällig überflüssig wird der Blätterwald-Journalismus jedoch in Bezug auf Esoterik- und Gesundheitsthemen, in der esoterischer und alternativmedizinischer Blödsinn zunehmend unkritisch als etwas völlig selbstverständliches beschrieben wird. Bisher hatte ich von JournalistInnen erwartet, dass sie zumindest in kritischer Distanz und auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse über solche gesellschaftliche Tendenzen schreiben. Weit gefehlt. So fanden sich zuletzt sogar zwei völlig unkritische Berichte über Wünschelrutengänger und Ayurveda in renommierten deutschen Magazinen – ohne jegliche kritische Anmerkung der JournalistInnen. In dieser Hinsicht stehen die Papier- und Onlinemagazine nicht alleine, denn auch in den öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten ist der esoterische und alternative Blödsinn bis in die Redaktionen vorgedrungen und wird dort häufig im Sinne der esoterischen Glaubensgemeinschaft redaktionell verarbeitet und völlig unkritisch veröffentlicht.

Doch damit nicht genug. Zusätzlich fällt es in letzter Zeit häufiger unangenehm auf, dass Rohmeldungen von Agenturen oftmals unkritisch und unbearbeitet übernommen werden und im Falle von zum Teil sogar recht offensichtlich falschen Fakten  genauso falsch in vielen Blättern wiederzufinden sind. Dabei gewinnt man schnell den Eindruck, dass sich in den Redaktionen niemand mehr die Mühe macht, die eingehenden Meldungen zu verifizieren oder zu hinterfragen. Wenn dann im dritten abgerufenen Onlinemagazin die gleiche falsche oder fehlerhafte Meldung auf dem Monitor erscheint, dann erhärtet sich der Verdacht, dass das ungelesene Durchreichen der Agenturmeldung zum Setzer tatsächlich kein Einzelfall mehr ist. Doch dafür braucht niemand wirklich einen ausgebildeten Journalisten.

Demzufolge reicht der eigene Zugriff auf die üblichen Nachrichtenmedien schon lange nicht mehr aus, um sich breitgefächert und mit möglichst vielen verschiedenen Sichtweisen über das Tagesgeschehen zu informieren.  Onlinemagazine sind bis auf wenige Ausnahmen kaum noch lesenswert, und die wenigen positiven Ausnahmen sind zumeist neue Magazine ohne Dinsoauriertradition mit junger Besetzung, welche die Zeichen der Zeit erkennen und demzufolge anders agieren. Da dieselben sich zumeist jedoch auf bestimmte Themen spezialisiert haben bleibt die Frage, ob sie es schaffen werden, mit der zaghaften Erweiterung ihrer Rubriken den investigativen Journalismus wiederzubeleben, denn der ist in Deutschland so gut wie mausetot und die Reste kurz vor der Mumifizierung.

Aus all den Gründen sehe ich den Journalismus in seiner bisherigen Form absterben. Das Recht eines jeden Netznutzers auf freie Information in Verbindung mit dem gleichen Recht, öffentlich eigene Informationen zu verbreiten wird noch stärker als bisher dazu führen, dass die Flut der Meldungen direkt im Netz ungefiltert zur Verfügung stehen werden. Die schon heute kaum noch intelligente Nachrichtenaufbereitung durch JournalistInnen wird von den Konsumenten selbst vorgenommen werden. Wir LeserInnen filtern schon heute längst selbst heraus, welche Nachrichten und Meinungen wir lesen wollen und als Blogger verbreiten möchten. Insofern wird die von JournalistInnen aufbereitete Nachricht vermehrt überflüssig und die entsprechenden Verlage entweder noch mehr gesund schrumpfen oder sterben wie die Fliegen. Denn nicht nur das Verlagswesen wird durch die massenhafte Verbreitung von Nachrichten und Meldungen über kurz oder lang genauso überflüssig werden wie die Milchläden in den 60er Jahren. Auch werden gleichzeitig ganze journalistischen Zweige wegbrechen, weil der Weg zwischen Meldungsverursacher und Nachrichtenkonsument über das Netz an den Verlagen und Redaktionen vorbei gehen wird. Der Verkauf von Nachrichten ist kein zukunftsträchtiges Geschäftsmodell mehr, denn dazu sind alle Meldungen inzwischen weltweit viel zu häufig und viel zu einfach – und vor allem kostenlos – verfügbar.