Lichtspektrum – gemeinfrei

Manche Theologen und manche religiösen Naturwissenschaftler schreiben oder sprechen in letzter Zeit immer wieder gerne von der ergänzenden Gemeinsamkeit zwischen Wissenschaft und Religion. Zumeist sind sie dabei der Meinung, dass die Naturwissenschaft lediglich die Vorgänge in der Natur abbildet, diese also möglichst genau beschreibt und falsifiziert, während die Religionen sich in Erklärungen üben, warum das Universum überhaupt existiert und dabei den Menschen hervorgebracht hat. Insofern wird in diesem Zusammenhang gerne postuliert, dass Wissenschaft und Religion weniger von Konkurrenz als vielmehr von Kooperation geprägt sei. Denn die Naturwissenschaften können bspw. keine Erklärung dafür leisten, warum die bestehenden Naturgesetze überhaupt existieren. Das übernehmen die Religionen mit dem postulierten Wirken eines ewigen Erschaffers des Universums und dessen Plan für das biologische Leben – mit uns Menschen als „Krone der Schöpfung“.

Eine ähnliche Ansicht vertritt auch immer wieder der medienwirksame und „vom Scheitel bis zur Sohle“ protestantische Wissenschaftler Harald Lesch, den ich hier lediglich stellvertretend als Beispiel anführe. Die Frage nach dem Widerspruch zwischen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und Religiosität beantwortet Lesch gerne mit dem Satz: „Mein Freund, Sie haben keine Ahnung von Wissenschaft.“ Damit scheint er verdeutlichen zu wollen, dass die angeblich ergänzende Gemeinsamkeit von Wissenschaft und Religion eine selbstverständliche Angelegenheit sei und sich bspw. im Verhalten der Elemente widerspiegelt (siehe hierzu: alpha-Centauri – Was ist die Beryllium-Barriere?). Andere wiederum schlussfolgern gar eine zwingende Kombination von Religion und Wissenschaft.

Nun ist die Aussage, dass die Naturwissenschaften nicht nach dem „Warum“ fragen bzw. gar nicht nach dem Sinn der Existenz suchen eigentlich ziemlicher Unsinn, der sich aber erst bei genauerem Hinsehen als solcher entpuppt.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Entdeckung der quantenphysikalischen Zustände durch Max Planck. Zu seiner Zeit war die klassische Physik trotz vieler ungelöster Rätsel scheinbar am Ende. Plancks Physiklehrer riet ihm gar von einem Physikstudium ab. Dieser war der Ansicht, es gäbe nichts neues mehr zu entdecken. Doch Planck ließ sich davon nicht abhalten und forschte schließlich am später genannten planckschen Strahler, einer idealisierten thermischen Strahlungsquelle, auch schwarzer Körper genannt. Das Phänomen, nach dem Planck forschte und ihn schließlich schon fast aus einer Verzweiflung heraus das gequantelte Licht postulieren ließ, war die Tatsache, dass erhitzte Körper trotz steigender Energiezufuhr nicht unsichtbar werden. Beispielsweise emittiert ein erhitzter Stahlblock  mit steigender Temperatur immer mehr Strahlung, zuerst in Form von Wärme bis hin zur Aussendung von Licht, welches wir als Glühen wahrnehmen. Nimmt die Temperatur weiter zu, verschiebt sich dabei das Frequenzspektrum des abgegebenen Lichts zunehmend in den höherfrequenten Bereich und wird demzufolge bläulich-weiß. Nach den Regeln der klassischen Physik hätte nun nach einer weiteren Erhöhung der Energiezufuhr die Strahlung in den für uns nicht sichtbaren Bereich der ultravioletten Strahlung übergehen müssen. Der Stahl wäre demzufolge für das menschliche Auge unsichtbar geworden.

Nicht nur Planck stellte sich die Frage, warum dies nicht der Fall ist und löste das Rätsel nach fünfjähriger gescheiterter Forschung auf der klassisch-physikalischen Ebene durch die Einführung des nach ihm benannten plankschen Wirkungsquantums. Mit seiner weitreichenden Erkenntnis, dass das Licht wie gleichmäßig tropfendes Wasser in Paketen, also „gequantelt“ ausgesendet wird, legte er den Grundstein für die Quantenphysik.
Damit wird deutlich, dass die Wissenschaft sich keineswegs mit den vorgefundenen Gesetzmäßigkeiten abfindet, sondern stets auch den Grund dafür zu erforschen bereit ist, warum etwas so ist wie es ist. Niemand der an der Erforschung des UV-Phänomens beteiligten Wissenschaftler bis hin zu Max Planck hätte sich je mit einem vermeintlich unerklärlichen „Naturgesetz“ abgefunden, dessen Grund wir in eine überirdische Instanz hätten legen müssen.

Hier wird umso mehr deutlich, dass die wiederholt postulierte Beschränkung der Naturwissenschaften durch Theologen und religiösen Naturwissenschaftlern auf die reine Beschreibung der Natur nichts weiter ist als eine völlig falsche Aussage, vielleicht sogar ein ziemlich übler religiöser Trick. Wenn nämlich weder Max Planck noch sonst jemand bis zum heutigen Tage die Quantenphysik entdeckt hätte, dann könnte statt der im Artikel beschriebenen Aussage des Biomathematikers Martin Nowak: „Dass die Schwerkraft einen Apfel zu Boden fallen lässt, ist unbestritten – warum es sie gibt, könne aber kein Physiker erklären„(Quelle) auch ohne weiteres stehen: „Dass Stahl nicht unsichtbar wird, ist unbestritten – warum er jedoch nicht unsichtbar wird, könne aber kein Physiker erklären„.
Mit solchen trickreichen Aussagen postulieren Theologen und religiöse Naturwissenschaftler gemeinsam zwar nicht offen, aber durchaus unterschwellig einen allmächtigen Verursacher und somit letztendlich immer wieder aufs Neue kreationistischen Blödsinn. Hier wird das hilflose Festhalten an einer religiösen Instanz im bisher erkenntnisleeren Feld gleich dem typischen Lückengott deutlich, nämlich der Lückenfüller für die eigene Unwissenheit und die fehlende wissenschaftliche Weitsicht. Gott wird nach wie vor überall dort vermutet, wo die Naturwissenschaften noch keine Erkenntnisse haben. Die Religionen und ihre Vertreter haben nichts gelernt und halten weiterhin krampfhaft an dem Lückenfüller-Schema fest.
Zudem scheinen einige der studierten religiösen Naturwissenschaftler überhaupt kein Vertrauen in die zukünftige Erkenntnisfähigkeit der eigenen Naturwissenschaften zu besitzen. Wer sagt denn eigentlich, dass niemals entdeckt werden wird, warum die Gravitation existiert? Und wer mag behaupten, dass es den Astrophysikern niemals gelingen wird, den Grund für die Existenz des Universums zu erforschen?

Wissenschaftliches Forschen war und ist auch immer ein Suchen nach den Ursachen der eigenen Existenz. Doch während Religionen gleich ein ganzes (göttliches) Weltbild ins Blaue hinein postulieren, begnügen sich die Naturwissenschaften mit den Weg der kleinen, aber durch gesicherte Erkenntnisse gekennzeichneten Schritte. Dieser Vorgang endet nicht bei den derzeitigen Unerklärlichkeiten bestimmter Gesetzmäßigkeiten im Universum. Genauso wie Max Planck sich erst von der klassisch-physikalischen Denkweise lösen musste, um das Rätsel  für einen bestimmten Vorgang befriedigend lösen zu können, müssen Naturwissenschaftler zukünftig vielleicht auch neue Wege beschreiten, um den Grund, das „Warum“ für die Existenz der Naturgesetze zu finden. Und es ist dabei überhaupt nicht abwegig, über eine Weltformel zu spekulieren, in der das Universum sich aus sich selbst heraus erklärt.

Je mehr die Naturwissenschaften erforscht haben, je weiter mussten sich die Religionen aus dem vermeintlichen Erklärungsspektrum zurückziehen. Das ist keine Kooperation, das ist schlichtweg pure Verdrängung. Und es ist absehbar, dass diese Entwicklung immer weiter fortschreitet. Auch aus diesem Grund ist eine gewünschte Kooperation zwischen Religion und Wissenschaften völliger Quatsch, denn sie haben sich nie ergänzt, und sie werden sich nie ergänzen. Der Platz, den einst Religionen belegten und nun von den Wissenschaften vereinnahmt wurde, ist für alle Zeiten verloren, und der letzte Rest wird auch verloren gehen. Seien wir doch ehrlich: die Religionen werden zukünftig vermehrt nur noch fortbestehen können durch Menschen, die sich den wissenschaftlichen Erkenntnissen zumindest in Teilen verweigern werden. Denn spätestens dann, wenn die Naturwissenschaft erklären kann, wie und warum das Universum entstanden ist, wird es kaum noch einen Grund geben, an überirdische Instanzen zu glauben.

Persönlich würde ich es – rein spekulativ – ziemlich witzig finden, wenn die Wissenschaft am Ende gar beweisen könnte, dass das Universum durch zufällige Fluktuationen aus dem Nichts entstanden ist. Dann wäre die Religion völlig überflüssig, denn für ein Nichts braucht es nicht einmal einen Erschaffer.

Siehe auch:
Naturwissenschaft vs. Religion – der Unterschied und die selbstverschuldete Verdrängung
Naturwissenschaft vs. Religion II – die Unvereinbarkeit und der Lückengott
Naturwissenschaft vs. Religion III – Die Unvereinbarkeit als Vorteil
Die Dummheit der Wissenschaftsignoranz
Wissenschaft vs. Erfahrung – Wie funktioniert Wissenschaft?
Wir müssen wissen, und wir werden wissen
Ontologische Altersängste
Die Banalität mystischer Nahtod-Erfahrungen
Die Banalität mystischer Visionen
Max Planck und die Quantenphysik