Kreuzschatten2

Bild: Nesselsetzer
CC BY-NC-SA 4.0

In einer Fernsehdebatte hat der SPD-Europaabgeordnete und EU-Präsidentschaftskandidat Martin Schulz gefordert, alle religiösen Symbole aus dem öffentlichen Raum zu verbannen. Gleichzeitig fordert er ein Vorgehen auf Grundlage der Anti-Diskriminierungsgesetze gegen sehr konservative Bewegungen.
Ich habe die Sendung nicht gesehen und weiss deshalb nicht, in welcher Konsequenz Schulz die erste Forderung gemeint hat. Schließlich stehen alle Kirchen im öffentlichen Raum und haben zumeist auf dem Dach oder Glockenturm ein Kreuz. Das müsste nach seiner Forderung dann also entfernt werden, und das ist schlichtweg Blödsinn. Insofern kann ich mit der Aussage in seiner Pauschalität im Moment recht wenig anfangen. Allerdings würde ich den Vorschlag unterstützen, wenn es sich um öffentliche Verwaltungsgebäude und Schulen handeln würde. Hier haben religiöse Symbole nun wirklich nichts mehr zu suchen.

Anscheinend jedoch sehen nun vor allem konservative Vertreter der ominösen und dauerhaft herbeigelogenen christlich-abendländischen Kultur ihre traditionellen Werte der Gefahr ausgesetzt, im Abort der überflüssigen Traditionen entsorgt zu werden. „Maßlos enttäuscht“ von Schulzs Aussagen ist deshalb nicht nur der weissblaue Präses Ministerpräsident Horst Seehofer. Auch der Präsident des ZdK, Alois Glück, sieht in dieser Forderung gar einen Verstoß gegen die Rechtsordnung. Gleichzeitig jammert Glück über verletzte religiöse Gefühle, die in der Öffentlichkeit inzwischen nicht mal mehr ein Augenbrauenheben verursachen. Außerdem betet er den Unsinn vom traditionell gewachsenen Verhältnis zwischen Religion und Staat nach, auf das die meisten Bürger inzwischen liebend gerne verzichten.
Auch die bayerische Rautenministerin Wirtschaftsministerin Ilse Aigner findet die Gleichsetzung des Kreuzes mit rückwärtsgewandten, extrem konservativen Bewegungen als Unding. Was ich nicht recht verstehe. Zwar trifft das Wort „extrem“ nicht auf alle Christen zu. Dennoch ist das Christentum durch seine 2000jährige Schwarte per se traditionell, also rückwärtsgewandt, und aufgrund seiner geforderten unkritischen Wahrheitsgläubigkeit immer konservativ. Und die vermehrte Zuwendung christlicher Splittergruppen zum extremen Fundamentalismus ist nun wirklich kein Geheimnis. Wer Homoheilung anbietet ist nicht nur wissenschaftsignorant, sondern auch extrem konservativ.

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Eine andere Forderung erscheint mir ebenso merkwürdig und gar nicht logisch. Nämlich die Aussage des österreichischen Sozial- und Familienrechtlers Wolfgang Mazal von der Uni Wien, dass mit der rechtlichen Gleichstellung der sexuellen Vielfalt die traditionelle Lebensform nicht diskreditiert werden dürfe.
„Ach was!“ möchte man da ausrufen, denn wie kommt der Mann darauf, dass ausgerechnet die sexuelle Vielfalt die heterosexuelle Lebensweise und die eindeutige Geschlechtsidentität – beides bezeichnet er als „traditionell“ – beeinträchtigen oder gar diskriminieren könnte? Anscheinend haben manche Befürworter einer „einzigartigen“ heterosexuellen Lebensweise eine dumpfbackige Angst davor, irgendwer könne auf die Idee kommen, ihnen ihre sexuelle oder geschlechtliche Identität streitig machen zu wollen. Mazal scheint nicht zu verstehen, dass sexuelle Vielfalt … äh … Vielfältigkeit bedeutet und die Heterosexualität eben einen selbstverständlichen Teil dieser Vielfältigkeit ausmacht. Vielleicht hilft dem Professor für Sozial- und Arbeitsrecht ja der Wikipediaeintrag über die Vielfalt (Diversität) weiter.

Eventuell hat Mazal damit aber auch nur gemeint, irgendwer könne auf die Idee kommen, von Heteros zu verlangen, homosexuell zu werden oder ihre Geschlechtseindeutigkeit zu verleugnen. Eine solche Angst geht ja bekanntlich im Lager der Konservativen um, wenn sie mit der Akzeptanz der Vielfalt konfrontiert werden, wie zuletzt in Baden Württemberg abzulesen war. Letztendlich weist Mazals Aussage aber nur darauf hin, dass in den Köpfen mancher Zeitgenossen immer noch die Heterosexualität als Normalität und die übrige sexuelle Vielfalt als Andersartigkeit definiert wird. Anscheinend müssen die auf Heterosexualität als einzige Lebensweise indoktrinierten Personen erst aussterben, bevor Vielfalt in der Gesellschaft umfassend als etwas selbstverständliches akzeptiert (und nicht nur toleriert!) wird.

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Christen sind empfindlich geworden. Das hat das Delta-Radio in Kiel zu spüren bekommen, über dessen harmlose Werbekampagne mit dem Spruch „Und Gott sprach: Es werde laut“ mit verkitschtem Jesusbild sich jemand beim deutschen Werberat beschwert hat. Der Werberat hat die Betreiber des Radios zur Stellungnahme aufgefordert. Als Verantwortlicher hätte ich dem Werberat nicht einmal geantwortet, zumal das angeblich anstößige Werbeplakat wirklich keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervor lockt und zudem nichts von dem an Anstößigkeit zu bieten hat, was an blasphemischen Zeichnungen im 19.Jahrhundert geboten wurde. Witzig auch, dass ein ähnlich gelagertes blasphemisches Promotionvideo der UNICEF mit der Darstellung von Jesus, Mutter Theresa und Mahatma Gandhi völlig unproblematisch zu sein scheint. Aber vielleicht haben es manche der beschwerdefreudigen und gefühlsverletzten Christen noch nicht gesehen und holen das noch nach.

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In Frankreich haben Schüler gemeinsam mit ihren Schulen Mut gegen Sexismus gezeigt und sich damit gegen eine Gruppe ultrakonservativer Aktivisten gestellt, die auf eindeutige äußerliche geschlechtliche Identität Wert legen. Die männlichen Schüler haben nach einem Bericht von Spon demonstrativ Röcke angezogen und somit den Zorn der wertkonservativ verblendeten Bürger auf sich gezogen. Der Hass der Konservativen ging sogar so weit, dass die Kids von älteren Menschen mit Eiern beworfen wurden. Anlaß ist eine Aktion der Schulen gegen Sexismus, bei dem in diesem Jahr die konservativen und religiösen Dogmatiker erbitterten Widerstand leisten wollen.  Sie bezeichnen die Aktion als Travestieshow, sehen damit bereits den Untergang der französischen Grundwerte eingeläutet und bewerten den Vorgang als „eine Provokation zuviel„.
In den USA hat diese Form des Aktionismus gegen Sexismus bereits Nachahmer gefunden. Nicht nur in den deutschsprachigen Ländern steht das noch aus. In jedem Falle nachahmenswert!