Nein, ich habe mir den Eurovision Song Contest nicht angeschaut. Ich habe nicht einmal ein Fernsehgerät. Dennoch war es mir in diesem Jahr irgendwie nicht möglich, die zumeist auf maximale Medienwirksamkeit getrimmten KandidatInnen für den diesjährigen Wettbewerb zu ignorieren. Schon gar nicht die österreichische Teilnehmerin Conchita Wurst, die nicht nur mit ihrer Erscheinung in Sachen Namen und Aussehen durchaus erfreulicherweise den Rahmen des Gewöhnlichen gesprengt hat. Insofern war er oder sie die einzige Teilnehmerin, welche bereits vor dem Song Contest auch bei mir einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt hatte, allerdings ohne das dazu gehörende Musikstück zu hören. Zwar läuft mein Radio häufig, aber irgendwie hat wohl niemand den Anwärtertitel gespielt oder ich habe es schlichtweg überhört.

Tatsächlich war ich jedoch angenehm überrascht, als der Sieg von Conchita Wurst bekannt gegeben wurde. Sogar der bayerische Rundfunk spielte unmittelbar nach der Siegerehrung den Gewinnertitel, so dass ich den auch einmal zu hören bekam. Allerdings muss ich ehrlich gestehen, dass ich das Musikstück gleich wieder vergessen habe, obwohl es mir gefallen hat. Solch fulminante Hymnensongs machen sich zwar in bombastischen Veranstaltungen ganz gut, aber als Massenohrwurm taugen sie nicht. Insofern vermute ich, dass der Titel sang- und klanglos wieder verschwinden wird. Eigentlich schade. Aber das Werk sei hier auch nicht das Ziel dieses Blogeintrags.

Vielmehr sind die Reaktionen auf die völlig aus den Rahmen gesellschaftlicher Kulturnormen fallende Person Wurst interessant und ein ausgezeichnetes Lehrstück gesellschaftlicher Gegensätze und der Toleranz. Während nämlich die meisten konservativen Bewahrer der christlich-abendländischen Kultur sich inzwischen mehr gezwungen als freiwillig und nicht ohne heftige Bauchschmerzen an das Erscheinungsbild von Transvestiten, Homo- und Transsexuellen mühselig zumindest halbwegs gewöhnt haben, erscheint nun gänzlich überraschend auf der Bühne ein Mann mit Vollbart und Frauenkleidern und zeigt damit deutlich, dass Toleranz keineswegs das ist, was Konservative bisher darunter verstanden haben. Dem Ganzen setzt die Dame mit Bart noch die Krone auf, indem sie in ihren Statements das sexuelle Erscheinungsbild auch noch als „Wurst“ bezeichnet. Und als sei das für die entrüsteten Bewahrer faulig riechender Konserven noch nicht genug, hat das stimmberechtigte Volk Conchita Wurst nicht nur auf den ersten Platz gehievt, sondern sogar noch höher bewertet als die Expertengremien und damit unverhofft mehr Toleranz gezeigt als bisher zu vermuten war.

Doch nach Ansicht vieler rückwärtsgewandter Christen und Erzkonservativer hat damit die Gesellschaft den Zenit des Erträglichen weit überschritten. Insofern versteigen sich einige der Entrüsteten in ein Beissverhalten hysterischen Ausmaßes. Dabei machen sie auch nicht vor Verschwörungstheorien halt. So zitiert der Atheist Media Blog unter dem Titel „Katholiken gehen auf Conchita Wurst los“ eine katholische Webseite, die von einer Schande für Österreich spricht und in der gesamten Wahl von Wurst eine weltverschwörerische Abmachung ideologisch gleichgestrickter Genossen sieht. Schlimmer noch äußerten sich osteuropäische Politiker, bei denen die homophobe Hysterie ganz besonders deutlich wird. Der Ultranationalist Wladimir Schirinowski sieht schon das Ende von Europa gekommen und fabulierte, die Russen hätten das Land Österreich nach dem zweiten Weltkrieg nie verlassen dürfen. Der polnische Oppositionsführer Jaroslaw Kaczynski sieht in dem Auftritt und Sieg von Wurst einen deutlichen Beweis für den endgültigen Verfall des modernen Europas. Und auch bei uns ist trotz der erfreulichen Entwicklung die Toleranz noch lange nicht das, was sie sein könnte. Das zeigen einige deutliche Beispiele bei Onkel Maike und Indub.io. Die Entrüstung über das ungewöhnliche Erscheinungsbild der bärtigen Conchita scheint keine Grenzen zu kennen.

Demgegenüber steht jedoch eine europäische Bevölkerung, die in Sachen Toleranz nicht nur die eigenen Moralprediger längst überholt hat, wie gerade am Beispiel Russlands sehr deutlich an der Punktezahl für Wurst abzulesen war. Vielmehr haben die Europäer mit dem Conchita-Sieg ihren eigenen Regierungen deutlich gezeigt, was sie von deren Festhalten an christlich-konservativen Werten und der damit verbundenen zögerlichen Gleichstellung verschiedener sexueller Orientierungen halten. Insofern sollte nun auch den einfältigsten Moralfetischisten bewusst werden, dass ihre christlich-konservativen Werte in der europäischen Bevölkerung keinen allzu großen Stellenwert mehr haben. Die viel beschworene christlich-abendländische Kultur, deren längst überholten Moralvorstellungen immer noch als sicherste Bewahrer bürgerlicher Zivilisation postuliert werden, verfällt nicht nur deutlich, sondern wird inzwischen massiv von den Europäern quer durch die Länderbank mit den Füssen der Toleranz heftig in den Staub getreten. Die christlich-konservativen Werte in ihrer Darstellung von Mann und Frau haben ausgedient und sind völlig wertlos geworden. Da nützt auch der verbale und gesetzliche Widerstand konservativer Christen und Politiker nichts. Ihre vergammelten Werte der geschlechtlichen Eindeutigkeit, die sie mit sich selbst in alten Konservendosen aufbewahren, will niemand mehr haben. Denn die darin automatisch enthaltene Intoleranz passt weder in das heutige Europa noch zu den menschlichen Qualitäten des modernen Europäers.

Wenn vermeintliche Wertebewahrer wie im jüngsten Fall also vom Untergang Europas sprechen, so haben sie völlig recht. Denn hier geht das alte Europa unter, dass von solchen christlich-konservativen Werten auf das Übelste kontaminiert und zugerichtet wurde. Gegen die Bastionen solcher Werterhaltung haben sich die Europäer nach und nach die Menschenrechte und die Toleranz, die Religionsfreiheit und die sexuelle Freiheit erkämpft. Der Sieg der österreichischen bärtigen Conchita Wurst hat offengelegt, dass diese alten moralischen Werte auch in den letzten Winkeln des Gehirns bei einem Großteil der Bevölkerung keinen Platz mehr haben.

Die sogenannte christlich-abendländischen Kultur und deren konservative Vertreter sind deshalb die eindeutigen Verlierer in diesem Eurovision Song Contest. Doch wie man sie in ihrer verkrusteten Art kennt, werden sie deshalb weder lernfähig noch toleranter. Es wird sie auch niemand von dem Glauben abbringen, mit ihrer verschimmelten moralischen Einstellung richtig zu liegen. Es wird aber auch niemand mehr auf sie hören. Die christlich-konservativen Werte und ihre Vertreter sind inzwischen ziemlich zahnlos. Kein Wunder also, wenn niemand mehr merkt, dass sie beißen.

Siehe auch:
Gewalt(ige) Rückständigkeiten
Konservative in der Konservendose
Konservative in der Konservendose II
Indubio – “Mich ekelt das Ding an” – Nach Conchita Wursts ESC-Sieg entblößt sich (mal wieder) die hässliche, homophobe Fratze der wutbürgerlichen Mitte
der Standard.at – Fazit: Nicht nur ein Sieg für Conchita


„Europas Ende“: Politiker pöbeln nach Sieg von Conchita Wurst – weiter lesen auf Augsburger-Allgemeine: http://www.augsburger-allgemeine.de/panorama/Europas-Ende-Politiker-poebeln-nach-Sieg-von-Conchita-Wurst-id29816621.html