Mahnung zur Demut gemeinfrei

Obwohl ich mich vor einiger Zeit schon einmal über die unsinnige und völlig überflüssige Demut ausgelassen habe bekomme ich nach wie vor „die Krise“, wenn in irgendeinem Zusammenhang von Demut oder Ehrfurcht gesprochen wird. So geschehen aktuell auf der Webseite de.richarddawkins.net, auf der mein Artikel „Ich weiss, dass es Gott gibt“ (der auch hier in meinem Blog zu finden ist) veröffentlicht wurde. Einer der Kommentatoren widersprach der in dem Artikel begründeten Ansicht über das Wissen um Gottes Nichtexistenz: “ Daher ist die Aussage “Ich weiß, dass es keinen Gott gibt” umgangssprachlich vielleicht okay, naturwissenschaftlich jedoch nicht nur falsch, sondern auch anmaßend. (…)  Zu sagen „Ich glaube nicht, dass es einen Gott gibt, auch wenn ich es nicht sicher wissen kann.“ ist jedoch kein Zeichen von Unsicherheit, sondern von Demut„(Quelle).

Solche Demutsaussagen begegnen mir häufiger, und ich frage mich dabei stets, was Demut für einen Sinn und Zweck hat. Zwar habe ich den Kommentator nicht gefragt, was er unter der Demut versteht, jedoch ist die Demut nach Wikipedia aus dem althochdeutschen Wort diomuoti  entstanden und bedeutet soviel wie dienstwillig oder ‚Gesinnung eines Dienenden‘. Zudem beschreibt der Ausdruck „die Haltung des Geschöpfes zum Schöpfer analog dem Verhältnis vom Knecht zum Herrn, allgemeiner die „Tugend, die aus dem Bewusstsein unendlichen Zurückbleibens hinter der erstrebten Vollkommenheit (Gottheit, sittliches Ideal, erhabenes Vorbild) hervorgehen kann“ (Quelle).

Demzufolge ist die Demut in Verbindung mit dem Gehorsam in der christlichen Religion eine Grundhaltung gegenüber dem postulierten vollkommenen Gott – und letztendlich auch ein heute noch erwartetes Verhalten der Anhänger gegenüber dem Kleriker. Die Demut ist in unserer christlich geprägten Kultur genau aus diesem Grund als angebliche Tugend allgegenwärtig und anscheinend kulturell in den Köpfen gespeichert. Nach Wahlen sprechen Politiker häufig die abgedroschene Phrase von der demütigen Verneigung vor dem Wähler. In Vorträgen über Wissenschaft und Religion scheinen manche der Vortragenden davon überzeugt zu sein, dass Wissenschaftler beim Anblick der Größe des Universums oder der Komplexität der Quantenphysik vor Demut geradezu erstarren (Quelle, 3. Absatz).

Auch in meinem Blog war in einem Kommentar bereits jemand der Ansicht, dass mir ein „Stück weit Ehrfurcht vor den Abertausenden die bereits voll Sorgfalt, Naturbeobachtung, Intuition, Überlebenswillen – und das ganz erfolgreich – die Erde bevölkert haben“ nicht schaden und nicht weh tun würde. Und eine Bekannte von mir spricht gerne von der Demut vor dem Leben, in dem sie eine Bestätigung ihrer persönlichen Machtlosigkeit gegenüber den Abläufen dieser Welt sieht.

Ich persönlich frage mich, wieso Menschen nur allzu gerne dazu bereit sind, sich in eine Demutshaltung begeben. Denn die macht letztendlich nicht nur keinen Sinn, sondern führt auch zu keinerlei neuen Erkenntnissen. Die Demut ist demzufolge in der Gesellschaft völlig überflüssig und stammt letztendlich aus dem christlichen Wunschdenken und Streben nach der Vollkommenheit. Doch eine solche Vollkommenheit ist reine Fiktion, ein Märchen aus dem Buch der Bibel, mit der eine überirdische Instanz ausgestattet sein soll. Tatsächlich jedoch gibt es in diesem Universum nichts, was einer solchen angedachten Vollkommenheit entsprechen würde.

Während die Suche nach Vollkommenheit ja zumindest noch ein Streben erkennen läßt, versperrt die Demut den klaren Blick auf das Verhältnis des Menschen zum Rest der Welt, und genau das war und ist wohl eher der Zweck der Demut als christliche Tugend. Der Demütige begibt sich in eine Beschränkungshaltung, in der er sich mit dem Zustand des Nichterkennens abfindet. Darüber hinaus gehende Zugriffsversuche eines Nichtdemütigen erscheinen als Anmaßung, und deshalb ist wohl auch im aktuellen Beispiel (im ersten Absatz) davon die Rede. Die Gleichsetzung der Existenzwahrscheinlichkeit Gottes mit der eines Weihnachtsmannes und der damit verbundenen postulierten Nichtexistenz der überirdischen Instanz läßt es an Demut ziemlich eindeutig fehlen.

Dabei muss niemand demütig sein um zu erkennen, dass der Mensch biologischen Einschränkungen und geistigen Erkenntnisgrenzen unterliegt.  Die werden durch die evolutionäre Entwicklung vorgegeben und sind schlichtweg in ihrer Natürlichkeit eine völlige Selbstverständlichkeit. Dass wir aufgrund unseres erkenntnisbegrenzten Gehirns die Nichtexistenzen von postulierten Wesen wie Gott und Weihnachtsmann nicht zweifelsfrei nachweisen können, ist eine natürliche Grenze, die sich aus der Unmöglichkeit eines kompletten universellen Überblicks aller möglichen Zustände im Universum ergeben. Warum mich diese natürliche Beschränkung demütig machen soll weiß ich nicht und hat absolut keinen Grund.

Letztendlich ist eine angenommene Demutshaltung eine überflüssige Unterwürfigkeit gegenüber den eigenen Grenzen, und die ist auch noch als eine Tugend postuliert. Doch diese Unterwürfigkeit ist überhaupt nicht dazu geeignet, an den eigenen Grenzen zu rütteln. Genau das ist jedoch das Bestreben des Nichtdemütigen. Auch wenn bestimmte Grenzen als unüberwindbar betrachtet werden, so heisst das nicht, dass an ihnen nicht trotzdem ständig gerüttelt werden darf. Auf diese Art und Weise sind in der Geschichte der Wissenschaft schon viele der angeblich unüberwindbaren Grenzen gefallen. Und aus diesem Grunde betrachte ich wie Nietzsche die Demut genauso wie die Ehrfurcht als überflüssige Feigheit und Schwäche. Bleibt mir einfach weg mit der ollen Demut.