Kein Gott

Screenshot Umfrage Beniermann Uni Giessen

Am Institut für Biologiedidaktik der Universität Gießen hat die Doktorandin Anna Beniermann eine Umfrage zum Thema “Glaube und Evolution” online gestellt. In dieser fragt sie nach persönlichen Einstellungen in Bezug auf Religion und Evolution sowie den vorhandenen Widersprüchen zwischen beiden Themen. Ich habe mich auf diese Umfrage eingelassen (hier geht es zu der Onlineumfrage) und empfehle all meinen LeserInnen, es mir gleich zu tun. Je höher die Anzahl der Umfrageteilnehmer ist, umso aussagekräftiger werden die Ergebnisse sein. Da diese mich persönlich ebenso interessieren, lasse ich mir die Ergebnisse nach der Auswertung per Email zusenden.
Im Rahmen dieser Umfrage stieß ich unter anderem auf die im Screenshot angegebene Frage, nämlich in welcher der Antworten zur Existenzaussage eines Gottes ich mich am ehesten wiederfinden würde. Nach längerem Überlegen vergab ich letztendlich den Punkt an den Satz „Ich weiss, dass es keinen Gott gibt.“ Warum, das will ich hier begründen.

Nun ist das mit dem Wissen um Nichtexistenzen ja so eine Sache. Tatsächlich kann niemand genau wissen und nachweisen, dass etwas nicht existiert. Das ist eine grundsätzlich anerkannte Angelegenheit nicht nur in der Wissenschaft. Ich vermute, dass die meisten Agnostiker und Atheisten ob dieser Tatsache in der Umfrage eine der anderen Antwortmöglichkeiten wählen werden, etwa die Aussage: „Ich bin mir unsicher, aber ich tendiere eher dazu zu glauben, dass Gott nicht existiert“ oder „Ich glaube nicht, dass es Gott gibt, auch wenn ich es nicht sicher wissen kann„. Viele werden sich vielleicht auch deshalb für eine der beiden Antworten entscheiden, weil ein angebliches Wissen religiöser „Wahrheiten“ im Allgemeinen entweder des blinden Fundamentalismus oder des völlig unkritischen Glaubens verdächtig ist. Das gilt natürlich auch für ein angebliches Wissen über die Nichtexistenz überirdischer Instanzen. Heisst das also, dass ich zu den unkritischen oder gar fundamentalistischen Atheisten gehöre, wenn ich mich auf den Satz in der Überschrift einlasse?

Nein, denn die Möglichkeit, dass eine solche Instanz das Universum geschaffen haben könnte, bleibt ja trotz des gewählten Satzes nicht völlig ausgeschlossen. Jedoch bedeutet die Unmöglichkeit eines solchen Ausschlusses umgekehrt keineswegs, dass die Existenz eines Gottes dadurch wahrscheinlicher wird. Warum das so ist zeigen Beispiele anderer Konstruktionen menschlicher Fantasien. Da wären etwa Weihnachtsmänner, eierbringende Osterhasen, Kobolde, Monster unter dem Bett und ähnliches. Obwohl deren Nichtexistenz genausowenig nachweisbar ist wie die eines Gottes, werden deren Existenzen ja dadurch keineswegs wahrscheinlicher, und die meisten Menschen wissen ziemlich genau, dass solche Märchenfiguren nicht existieren.

Für dieses „Wissen“ über Nichtexistenzen der Fantasiegebilde braucht es nicht einmal eine Wissenschaft. Denn ausgenommen unaufgeklärter Kinder wissen die meisten genau, dass niemals irgendwelche Geschenke unter dem Tannenbaum liegen würden, wenn diese nicht von Menschen dorthin gelegt werden. Das hört sich zwar ziemlich banal an, hat aber in Bezug auf die Existenz eines Gottes genau den gleichen Effekt. Es gäbe in der Tat keine christlichen Rituale und keine Heiligkeiten, wenn dies alles nicht von Menschen initiiert werden würde. Es gäbe den christlichen Gott überhaupt nicht, wenn die Bewegung sich nicht verbreitet hätte sondern kläglich wie viele andere gescheitert wäre. Und auch der Grund, dass sie nicht gescheitert ist, sagt absolut nichts über die Existenz einer überirdischen Instanz aus. Insofern kann niemals eine solche Instanz der tragende Pfeiler einer Religion sein, sondern immer nur die Menschen, die eine Existenz Gottes postulieren und verteidigen. Wenn kein Mensch mehr an Gott glauben würde, dann wäre dieser ganz von selbst nicht existent. Gott wäre tot, wie Nietzsche so schön formuliert hat.

Darüber hinaus und völlig unabhängig von den Religionen gibt es keinerlei Aussagen über eine Existenz Gottes. Zwar haben andere (nicht alle) Religionen ähnliche Vorstellungen, aber all solche postulierten Überwesen stehen und fallen mit der entsprechenden Religion. Da nützt es auch nichts, dass manche Wissenschaftler mit bedeutungsschwangeren Aussagen über eine wissenschaftliche Unwiderlegbarkeit Gottes diesen zumindest in eine Patt-Situation erheben wollen, in der Atheisten ihre Unfähigkeit zum Gegenbeweis vorgehalten wird. Eine Nichtwiderlegbarkeit besagt jedoch aus oben genannten Gründen gar nichts über die Möglichkeit einer Existenz. Denn dann müsste jeder zumindest auch die Möglichkeit einräumen, dass Weihnachtsmänner und eierbringende Osterhasen deshalb reale Existenzen sein könnten, weil deren Nichtexistenz niemals nachgewiesen werden kann.

Die letzte Sicherheit für die Auswahl der Antwort in der Online-Umfrage gibt mir die wissenschaftliche Basis, nach der diejenigen einen Nachweis anzutreten haben, die eine solche Existenz behaupten. Das hat bis heute niemand geschafft, nicht ansatzweise und nicht einmal aus Versehen. Insofern ist die Geschichte der Religion eine Geschichte von unzähligen fehlgeschlagenen Gottesbeweisen und schuldig gebliebener Nachweise einer überirdischen Gottheit. Es gibt nicht einmal einen einzigen Nachweis über das postulierte Ausserkraftsetzen der Naturgesetze, mit der die Möglichkeit eines Gottes auch nur ansatzweise hätte in Betracht gezogen werden können.

Gott hat absolut keine wissenschaftliche Basis. Die Ausrede von Theologen, dass der Glaube an einen Gott ja eine reine Glaubensfrage und keine Frage des Wissens sei, hat genau den gleichen Stellenwert wie die Begründungen von Esoterikern im Glauben an allerlei esoterischen Unfug. Wer die uns zur Verfügung stehende und nach philosophischen Aspekten schon zu Genüge eingeschränkte Realitätserkennung bewusst um des Glaubens Willen weiter einschränkt und seiner Rationalität beraubt, dem kann das Postulat einer überirdischen Existenz nicht abgenommen werden.

Das alles läßt darauf schließen, dass überirdische Instanzen genausowenig existieren wie der Weihnachtsmann oder Osterhase. Bei Letzteren ist so gut wie jeder davon überzeugt, dass diese nicht wirklich real existieren. Bei einer angeblich mächtigen religiösen Instanz scheint das aus evolutionären Gründen um ein vielfaches schwerer zu sein. Für mich gilt deshalb: es gibt keine einzige vernünftige und rationale Basis, welche die Existenz einer göttlichen Instanz erkennbar werden läßt. Und deshalb weiss ich trotz der verbliebenen Restunsicherheit wie beim Weihnachtsmann und Osterhasen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ziemlich genau, dass es keinen Gott gibt.

Für alle Interessierten:
Glaube und Evolution – Onlineumfrage von Anna Beniermann
an der Justus-Liebig- Universität Giessen

Update: Die Umfrage ist inzwischen entweder beendet oder die Zugangsbedingungen haben sich geändert.