„Normgebende“ Ehe gemeinfrei

Es gibt Aussagen, die kann ich inzwischen nicht mehr hören oder lesen. Neben Sätzen mit dem Namen „Tebartz van Elst“ bekomme ich derzeit ebenso rote Flecken im Gesicht und zudem leichte Würgegefühle, wenn jemand wieder einmal von einem sogenannten christlichen Menschenbild in Verbindung mit der „Einzigartigkeit der Ehe von Mann und Frau“ spricht. Derzeit macht das vor allem im Bundesland Baden-Württemberg die Runde, in dem der Pietismus noch zu den vorherrschenden Heils-Egoismen gehört(1) und derzeit einen Windmühlenkampf gegen eine angebliche „Ideologie des Gender Mainstreaming“(2) kämpft.

Diese angebliche Ideologie findet sich im heiß umkämpften Bildungsplan der Baden-Württemberger, in dem zukünftig den Schülern und Schülerinnen die sexuelle Vielfalt beigebracht werden soll. Den pietistischen Anhängern wurmt das besonders, denn sie betrachten den Bildungsplan als eine Abkehr von ihren Vorstellungen des christlichen Menschenbilds. Nach ihrer Auffassung ist sexuelle Vielfalt nämlich „keinesfalls in gleicher Weise normgebend wie die Ehe von Mann und Frau“(2). Zwar würden sie ihren Angaben zufolge jeden Menschen völlig unabhängig von seiner sexuellen Orientierung achten, akzeptieren und tolerieren, aber aus der Institution Ehe haben solche nicht normgerecht orientierten Menschen gefälligst draussen zu bleiben. Zwar sagen sie das nicht offen, jedoch soll den Kindern nach ihren Vorstellungen die sexuelle Vielfalt nicht in der geplanten Form vermittelt werden, sondern gezielt die Besonderheit der „normgebenden“ Ehe zwischen „Mann und Frau“.

Doch die Bekräftigung einer solchen normgerechten Ehe ist in jedem Falle gleichzeitig eine diskriminierende Abwertung der Ehe gleichgeschlechtlicher Partner, denn die ist aufgrund der christlich-fundamentalistischen Auslegung dann nicht „normgebend“. Insofern wird vom Bildungsplan die Heraushebung des christlichen Menschenbildes erwartet, wie es bereits bisher und meiner Ansicht nach unzulässigerweise im Schulgesetz und in der Landesverfassung verankert ist. Die Neutralität des Staates existiert hier nicht wirklich, und auch der Ministerpräsident und Zaudererkönig Winfried Kretschmann(3), dem manche nachsagen, er würde sein Gesagtes schnell wieder vergessen, findet die Vereinnahmung der Schulkinder durch das überholte christliche Menschenbild als selbstverständlich.

Zudem empfinde ich die Formulierung der ausschliesslich auf Mann und Frau basierenden angeblich normgerechten Ehe als zutiefst rassistisch, denn es unterscheidet sich nicht von den damaligen Diskriminierungen dunkelhäutiger Menschen in den USA. Dort war noch bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein aus rassistischen Gründen die „Mischehe“, also die Ehe zwischen dunkelhäutigen und weisshäutigen Menschen verboten (4). Da nützt es auch nicht, dass ansonsten die Betroffenen angeblich respektiert, geachtet und toleriert werden. Tatsächlich ist das nicht gegeben, denn Respekt und Achtung sind nur dann vollständig, wenn einem Menschen umfassend die gleiche Würde und Möglichkeit zugestanden wird wie allen anderen. Davon abweichende Einschränkungen sind immer diskriminierend und unmoralisch, weil dann Menschen mit bestimmten Hintergründen in verschiedenen Konstellationen nicht wirklich als vollwertig respektiert werden.

Christlich-fundamentalistische Moral ist nicht nur in dieser Hinsicht überflüssig, sondern auch gefährlich. Die Moralverteter versuchen hier aufgrund althergebrachter biblischer Regeln nicht nur die Wertigkeit einer normgerechten Moralgesellschaft zu definieren und zu zementieren, sie missachten auch gleichzeitig die natürliche Nichteindeutigkeit biologischer und psychischer Vielfalt, die sich keineswegs nach irgendwelchen angeblich göttlichen oder moralischen Regeln richtet.
Denn abgesehen von den unterschiedlichen sexuellen Orientierungen existiert in der Gesellschaft zudem noch ein Anteil von etwa 0,3%, der biologisch nicht eindeutig einem Geschlecht zugeordnet werden kann. Vordergründig sind davon zwar nicht allzu viele in der Gesellschaft betroffen, letztendlich aber macht diese Zahl in Deutschland immerhin rd. 21.000 Menschen aus. Denen wurde bis vor kurzem noch nicht einmal das Recht zugestanden, ihr Geschlecht selbst zu bestimmen oder offen zu lassen (diese Regelung wurde erst im Jahre 2012 geändert). Zudem gibt es eine unbekannte Anzahl Menschen, deren genetischer Code nicht mit dem biologischen Geschlecht übereinstimmt und die im Prinzip „im falschen Körper“ leben. Bei allen von ihnen wäre eine „normgebende“ Ehe nach den pietistischen Vorstellungen nur dann gegeben, wenn bei heruntergelassenen Hosen sowohl die Eindeutigkeit des Geschlechts als auch die eindeutige Unterschiedlichkeit innerhalb der Partnerschaft festgestellt werden könnte. Darüber hinausgehende Möglichkeiten und sexuellen Orientierungen gelten bei manchen evangelikalen Hardlinern gar als krank und therapierbar und soll deshalb den Kindern auf keinen Fall beigebracht werden. Schliesslich gibt es ja ein einfältig eindeutig klares christliches Menschenbild. Basta.

Nun ist der Bundesgesetzgeber inzwischen glücklicherweise schon viel weiter als der rückständige württembergische Pietismus. Die Auswirkungen der neuen Gesetzgebung und die Bildungspläne, bei denen sicher noch einiges zum weiteren Umbau in die Modernisierungs- und Säkularisierungsanstalt gehört, werden nicht nur die Pietisten mit weiteren verbalen Kämpfen um altverkrustete moralische Werte und Strukturen beantworten. Bei den derzeit schwachen Grünen in Baden-Württemberg mit Zauderer Kretschmann an der Spitze haben die zementbehafteten Vertreter pietistischer Betonmoral relativ leichtes Spiel. Vorausgesetzt, Kretschmann hat das Gespräch bis nächste Woche nicht wieder vergessen.