Vorgeschichte: Im Mai 1995 hatte das Karlsruher Bundesverfassungsgericht eine Vorschrift der Bayerischen Volksschulordnung für verfassungswidrig und nichtig erklärt, nach der in allen bayerischen Volksschul-Klassenzimmern ein Kruzifix oder Kreuz anzubringen sei. In der daraufhin erarbeiteten Neufassung des Gesetzes im Dezember 1995 übernahm jedoch die bayerische Regierung die Vorschrift aus dem alten Gesetzestext, begründete dies mit geschichtlicher und kultureller Prägung und erweiterte das Gesetz lediglich um einen Zusatz, in dem für den „atypischen Einzelfall“ eine Konfliktlösung angeboten wurde.
Dieses konservative Festhalten der bayerischen Politik an dem religiösen Symbol sollte 1996 im Düsseldorfer Karneval mit einem Motivwagen thematisiert werden, der nach einem Entwurf des  Illustrators und Bildhauers Jacques Tilly drei Narren am Kreuz und eine Tafel mit der Aufschrift „Karneval in Bayern“ zeigen sollte.

Da zu diesem Zeitpunkt die regionale Presse noch vorab über die Karnevalsmotive der Düsseldorfer berichten konnte (siehe Anm. 1), hatte sich aufgrund des „lästerlichen“ Karnevalsmotivs eine Gruppe empörter Christen formiert. Die wirkten mit einer Beschwerdekampagne auf die örtliche Presse und die Sponsoren des Karnevalszuges derart massiv ein, dass die Stimmung in der Presse kippte und die Geldgeber das inzwischen angefertigte Motiv „ersatzlos“ streichen ließen. Doch letztendlich kam es dann anders.

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Die Dokumentarfilmerin Ricarda Hinz hat den als „Düsseldorfer Kruzifix-Skandal“ bezeichneten Vorfall in einer 42minütigen Dokumentation unter dem Titel „Kruzifix – kurz vor der Endzeit“ verarbeitet. Der Film ist ein ausgezeichnetes Lehrstück über religiös verletzte Gefühle, Intoleranzen und aggressive Nazi-Vergleiche, über vermeintliche gesellschaftliche Stimmungslagen, die sich hinterher in Luft auflösen und über abgedrehte Reportagen, die ungesendet in öffentlich-rechtlichen „Giftschränken“ verschwinden. Letztendlich jedoch ist der Dokumentarfilm auch ein lehrreiches Beispiel dafür, wie man sich mit trickreichen Möglichkeiten den zornigen und verängstigten Verbotsforderungen nicht so ganz beugt.
1996 wurde der sehenswerte Film in einem Düsseldorfer Kino uraufgeführt.

Mit freundlicher Genehmigung von Ricarda Hinz, vielen Dank!
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Anm. 1: Nach mehreren Protesten gegen weitere Motive in den folgenden Jahren wurde im Jahre 2000 die Geheimhaltung der Düsseldorfer Motivwagen beschlossen, zuletzt aufgrund eines Entwurfs, der die in einer Stichwahl unterlegene Düsseldorfer Oberbürgermeisterin Marlies Smeets (SPD) mit einem Messer im Bauch thematisierte und nach massiven Protesten nicht fahren durfte. Kurioserweise wurde damals auch Jacques Tillys zweiter harmloser Entwurf abgelehnt.

Siehe auch:
Ricarda Hinz – Youtube-Kanal Videoteuse
Jacques Tilly – Grossplastiken
Jacques Tilly – Politische Karnevalswagen