Religiöser Absturz
gemeinfrei

Im ersten Teil hatte ich meinen zur damaligen Zeit auch in der Gesellschaft als selbstverständlich betrachteten Einstieg in die Kirche durch die Erstkommunion beschrieben. Der zweite Teil enthält die Erinnerungen an das Aufwachsen mit zunehmenden Aktivitäten innerhalb einer äußerst aktiven und sozialen Pfarrgemeinde. Meine anschließende Entfremdung durch das Herauswachsen aus dem Jugendalter mit schlußendlichem Ausstieg aus dem Gemeindeleben ist im dritten Teil nachzulesen. Heute folgt der vierte und letzte Beitrag meiner Erinnerungen, nämlich die Suche nach Gott und der nach vielen Fragen mit kaum konkreten Antworten getroffenen Entscheidung, dass dieser gar nicht existiert.

Bis zu meinem Ausstieg aus dem aktiven Gemeindeleben hatte ich mehr als 14  Jahre in dieser Pfarrgemeinde verbracht, ohne sowohl die Existenz Gottes als auch die sich daraus ergebene Existenzberechtigung der Kirche zu hinterfragen. Die späteren theologischen Diskussionen innerhalb der Gemeinde, vorwiegend im Pfarrgemeinderat, drehten sich eher um religiöse Teilbereiche als um grundsätzliche Fragen. Im Prinzip kam niemand – auch ich nicht – auf die Idee, die Grundsatzfrage nach der Existenz Gottes je zu stellen. Vielleicht war auch einfach nie Gelegenheit dazu, denn das Gemeindeleben mit seiner kaum religiösen Tiefe war für solche Fragen wohl eher nicht geeignet. Aus heutiger Sicht kann ich sagen, dass ich wohl deshalb nicht einmal ansatzweise das Bedürfnis hatte, eine solche Grundsatzfrage überhaupt zu stellen, obwohl ich mir natürlich die Frage nach Gott hin und wieder selbst gestellt hatte. Doch alleine aufgrund dessen, dass die Kirche als selbstverständlich galt und in der Gesellschaft umfassend anerkannt war, wurde die Frage im Prinzip nicht wichtig.

Die bis heute fehlende Trennung von Staat und Kirche tat dazu ihr übriges. Der Gottesglaube war letztendlich nicht nur eine kirchliche, sondern vor allem eine gesellschaftliche Indoktrination. Die Ursache dafür lag bekanntermaßen in der Geschichte einer viel zu übermächtigen Kirche, die ihre Religion jahrhundertelang mit Macht und ohne Rücksicht auf Menschenleben verbreitet hatte. Das war so erfolgreich, dass 150 Jahre nach der Säkularisierung die Existenz Gottes in der Öffentlichkeit noch kaum infrage gestellt wurde, und selbst heute glauben noch viele der aus der Kirche ausgetretenen Menschen an eine übergeordnete Instanz. Zu groß scheint immer noch die unterschwellige Angst vor einem allmächtigen und strafenden Wesen zu sein, und zu groß ist die Sehnsucht nach einer starken Kraft, welche die Geschicke der Welt inklusive des eigenen Schicksals in der Hand hat. Vor allem jedoch ist die Sehnsucht am größten, nach dem eigenen Tod weiter existieren zu können, und eine solche Möglichkeit scheint bisher nur der religiöse Glaube zu bieten.

Dennoch war das Gemeindeleben für mich und für die meisten anderen aktiven Mitglieder ein Ort mit vielfältigen Begegnungsmöglichkeiten sowie einem entsprechendem Freiraum, sich in gewissen Rahmen persönlich zu entwickeln und seine Freizeit zu gestalten. Sei es bei den häufigen geselligen Zusammenkünften, den religiösen oder profanen feierlichen Aktivitäten oder der musikalischen Kunst, deren Niveau jeder nach seinem persönlichen individuellen Rahmen selbst gestalten konnte. Die Vielfalt und der Ideenreichtum zu neuen Aktivitäten sowie das vorbildliche soziale Engagement schien ganz im Sinne eines christlichen Gottes zu sein. In der Tat habe ich in dieser Gemeinde kein einziges Mal irgendwelche Vorbehalte gegen Randgruppen oder Minderheiten wahrnehmen können. Auch wenn darüber durchaus gesprochen wurde geschah dies jedoch nie in irgendeiner abfälligen Form. Das lag sicher auch zum Teil an der sprichwörtlichen rheinländischen Gelassenheit nach dem Motto „leben und leben lassen“, letztendlich lag es aber wohl auch an einem überdurchschnittlich hohen Anteil an intellektuellen Gemeindemitgliedern, von denen ich durch verschiedene auch theologische Gespräche vor allem im Pfarrgemeinderat erst langsam eine Ahnung bekam. Insofern kann ich rückblickend sagen, dass viele der Mitglieder dieser Gemeinde nach meinem Verständnis im wahrsten Sinne des Wortes christlich waren, ohne dass dieses Wort einen üblen Beigeschmack hatte oder man gleich an Heilige denken musste. Auch aus diesem Grund existierte für mich Gott als eine Art Lebenshüter unhinterfragt, um dessen vermeintliche Existenz ausserhalb der rituellen Feierlichkeiten kein allzugroßes Aufhebens gemacht wurde.

Auch aus diesem Grund waren bis zu meinem Ausstieg existenzielle Fragen kaum aufgetaucht, und erst einige Jahre danach entwickelte ich das Bedürfnis zu erfahren, was eigentlich hinter der gewaltigen und weltweiten Christenbewegung an real nachvollziehbaren Gründen steckt. Nach und nach begann ich mir Literatur zu besorgen, zu denen auch gläubige Wissenschaftler wie Hoimar von Ditfurth gehörten. Gerade Ditfurth versuchte ja immer wieder die interdisziplinären Grenzen zwischen Naturwissenschaft und Theologie zu überschreiten. Doch auch wenn die Bücher häufig recht spannend und lehrreich geschrieben waren befriedigten sie mich nicht, denn niemand konnte auch nur einen einzigen real nachprüfbaren Grund anführen, warum Gott überhaupt existieren sollte. Zu jedem Existenzgrund gesellte sich stets ein vernünftiger Gegengrund, zu jeder These eine plausible Gegenthese. Versuche, eine überirdische Instanz mit persönlichen Erfahrungen zu erklären scheiterten stets an den vielen Menschen, denen trotz eines tiefen Glaubens barbarisches widerfahren war. Die schlimmste und dümmste Argumentation für solche Vorgänge war demzufolge der Auserwähltheitsgedanke, in der sich der unbehelligte Gläubige als belohnt und den geschädigten Gläubigen als bestraft bezeichnet, wie es nicht nur in der frühen Geschichte der Kirche, sondern bis weit nach 1945 und sogar noch hier und dort bis heute vertreten wird.

Zudem fiel mir ganz besonders auf, dass die meisten angeblichen Beweise für eine überirdische Instanz reine Lückengottargumente waren und bis heute sind. Gott wird stets dort vermutet und hingestellt, wo die Wissenschaft noch keine Erkenntnisse gewonnen hat. Ditfurth ist da keine Ausnahme, auch wenn er gleichzeitig genau diese Gottesverschiebungen bemängelt. Vorgebrachte Lückengottargumente  – auch von Theologen – sind jedoch vor allem dann nervend, wenn diese schon längst überholt sind und die Gesprächsteilnehmer wissenschaftlich nicht auf dem Stand der Erkenntnis sind. Manche christliche Orden sehen demzufolge Gott schon ganz außerhalb des Universums als eine Art „Zünder“ des Urknalls fungieren, aber selbst das ist nichts weiter als ein Versuch, Gott in eine vorerst endgültige Lücke zu schieben und zu hoffen, dass niemand erklären kann, warum das Universum überhaupt existiert. Selbst der von mir geschätzte Professor und Protestant „vom Scheitel bis zu Sohle“ Harald Lesch, der eine Ablehnung Gottes mit „Mein Freund, Sie haben keine Ahnung von Wissenschaft“ kommentiert, hat nicht wirklich mehr als einen Gott in der Lücke zu bieten, den er bspw. im Verhalten der Elemente (siehe Beryllium-Barriere oder Drei-Alpha-Prozess) sowie in den Folgereaktionen in Sonnen sieht, bei denen besonders viele für Lebewesen wichtigen Elemente wie Sauerstoff und Kohlenstoff entstehen.

Diese Lückengotttheorien sind jedoch alle aus dem Grund hinfällig, weil dabei immer wieder die zukünftigen Erkenntnismöglichkeiten der Wissenschaften unbeachtet bleiben und der jetzige Wissensstand quasi bis auf wenige Ausnahmen der höchste sein soll. Das ist eine der Sichtweisen, welche mich in den Gesprächen vor allem mit Theologen am meisten verwundert hat und mir selbst völlig fremd ist. Diese „Arroganz des momentanen Wissens“ gab es schon zu Max Plancks Zeiten, dessen Physiklehrer von einem Physikstudium abgeraten hatte, weil in dem Fach angeblich schon alles geklärt sei und es nichts neues mehr zu entdecken gäbe.

Anscheinend ist eine solche Denkweise vielen Menschen zueigen, und vor allem scheinen gläubige Menschen dem Irrtum zu unterliegen, dass wir bestimmte Bereiche niemals aufdecken werden, an denen Gott postuliert wurde. Derzeit ist das vor allem beim Urknall, der Entstehung des Lebens, den Nahtoderfahrungen und in der Evolution bezüglich der Entstehung des Menschen der Fall. Schlimmer noch sind diejenigen, die eine Aufdeckung solcher Bereiche verhindern wollen, weil sie nach deren Vorstellung von göttlichem Wirken besetzt sind und nicht profaniert werden dürfen, wie es seinerzeit etwa der Bamberger Erzbischof Schick zur Entdeckung des Higgs-Felds in einem Beitrag formuliert hat.
Eine weitere wesentlich schlimmere Variante findet sich im Anzweifeln neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse und dem Leugnen derselben aus allerlei kruden Gründen, verbunden zumeist mit offensichtlichen und reichlichen Fehlschlüssen. Vorwiegend findet man diese Einstellung derzeit im evolutionären Bereich, in denen unsere genetisch hohe Verwandtschaft zu Schimpansen (98,4%) durch gemeinsame Vorfahren mit allen Mitteln von tiefgläubigen Menschen geleugnet wird, trotz eindeutiger Erkenntnisse. Die biblische Vorstellung von der Krönung der Schöpfung durch eine göttlichen Inkarnation ist bei manchen so blindtief eingenietet, dass sie die Banalität, Sinnlosigkeit oder Zufälligkeit der Existenz eines Universums oder des Menschen niemals in Betracht ziehen können.

Das alles war nicht gerade überzeugend, und auf die vielen Gespräche, die ich zwischenzeitlich mit Theologen und anderen Glaubensvertretern geführt hatte, gehe ich hier nicht besonders ein, da sie durchweg durch die Bank unbefriedigend bis ergebnislos verliefen. Es ist kein Problem danach zu fragen, wie man sich in bestimmten Situationen im christlichen Sinne verhalten soll, dazu weiss jeder eine (andere) ausführliche Antwort. An existenziellen Fragen jedoch scheitern alle kläglich, weil niemand eine solche Frage beantworten kann. Viele ziehen sich gerne auf Zitate aus der Bibel zurück, die für mich jedoch allesamt als Beweis ungültig und wertlos sind. Es macht nämlich überhaupt keinen Sinn, die Gültigkeit eines Glaubenskonstrukts mit Teilen desselben Glaubenskonstrukts zu begründen.

Doch auch die Gegenliteratur, die in der Zeit meiner Suche eher rar war und in den letzten Jahren den Markt mit Argumenten gegen eine übergeordnete Instanz überschwemmt hat, taugt nicht zur eigenen Urteilsfindung. Nach der Einsicht, dass man grundsätzlich nicht beweisen kann, wenn etwas nicht existiert, sind all diese Schriftsätze hinfällig. Eine wirklich gute stichhaltige oder überzeugende Argumentation habe ich auf beiden Seiten nie gefunden. Ausgenommen vielleicht die wissenschaftliche Regelung, dass alle Theorien dann anerkannt sind, wenn sie sich zumindest in Teilen wiederholbar überprüfen lassen und somit eine einigermaßen gesicherte Basis besitzen. Diese Basis haben Religionen nicht, und es bleiben hier lediglich Anekdoten übrig wie alte Schriften, die nicht auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft werden können.

Insofern kommt hier der Jurist und (zu dem Zeitpunkt ehemalige) Choralscholaleiter in´s Spiel, mit dem im Laufe der Jahre nach meinem Abschied aus der katholischen Kirche eine Freundschaft entstand und diese sich durch regelmäßige Restaurantbesuche und anschliessende Gesprächsabende auszeichnete. Aufgrund seines Berufs in einer gehobenen Position als Verwaltungsjurist waren Gespräche mit ihm von fast wissenschaftlicher Genauigkeit geprägt und nicht nur in theologischer Hinsicht spannend. Ein für mich positiver Nebeneffekt seiner Tätigkeit war seine eigene Bücherei in der Größe eines mittleren Wohnzimmers, in der mir in damals internetlosen Zeiten so manch interessante Literatur auch außerhalb seines Fachgebiets zur Verfügung stand.

Eines Abends stellte ich ihm die Frage, wieso er überhaupt an Gott glaubt, und seine Antwort war verbüffend einfach. Er sagte sinngemäß, dass sein Glaube auf Hoffnung und Zuversicht beruhe und erklärte das damit, dass jeder Mensch, der heiratet, ein Haus baut oder eine andere Entscheidung im Leben trifft, diese stets unter dem Aspekt der Zuversicht vollziehen würde. Er wüsste ja nicht, ob die Ehe gut geht, das Haus bis zur endgültigen Abzahlung des Kredits finanziert werden kann oder die Entscheidung richtig sei, aber er würde dies alles im guten Glauben daran beginnen. Genau aus diesem Grund würde er selbst sein Leben leben. Nämlich im guten Glauben daran, dass das Leben einen Sinn macht, auch wenn es ihm niemand garantieren könne und zudem der mögliche Sinn außerhalb seines Erkenntnishorizonts liegen würde. Er wüsste auch nicht, ob er damit richtig läge, aber er würde daran glauben.

Diese Antwort war die vernünftigste, die mir je gegeben wurde. Zum einen nämlich schließt sie damit alle Beweisversuche und fehlerhafte Wahrheitsbemühungen aus, zum anderen verlegt sie das Für und Wider für einen Glauben auf die eigene und vor allem freie Entscheidungsgewalt und integriert mit der Entscheidung den Glauben für oder gegen eine übergeordnete Instanz. Eine solche Betrachtungsweise enthält keine Wahrheiten und keinen Missionierungsgedanken, sondern gibt vielmehr ein Beispiel für eine sehr persönliche Beziehung zum Glauben. Insofern betrachtete der Jurist die Bibel – wie er es formulierte – eher als ein „handliches Brückenglied“ für suchende Menschen, in der die Einträge nicht allzu statisch als uneingeschränkte Wahrheitsanweisungen betrachtet werden sollten, da sie von Menschen geschrieben sei. Für ihn war das Christentum in erster Linie eine soziale Institution, in der sich Menschen zusammen finden, begegnen und uneigennützig denjenigen helfen, die der Hilfe bedürfen – und somit spiegelte er die soziale Grundeinstellung der Pfarrgemeinschaft wider, in der ich aufgewachsen war.

Obwohl mich sein Glaubensargument wirklich beeindruckt hatte, zudem menschlich glaubwürdig erschien und ich noch einige Jahre daran festhielt, ist bei mir dennoch zunehmend die Erkenntnis gewachsen, dass mir persönlich das Modell Religion immer weniger zusagte. Vielleicht habe ich daran festgehalten, weil ich selbst nicht zulassen wollte, dass das Leben und meine persönliche Existenz womöglich außerhalb der kulturellen, sozialen und biologischen Aktivitäten ein rein sinnloses Dasein hätte sein können. Letztendlich jedoch hat sich die Einsicht irgendwann durchgesetzt, dass ein Glaube im Prinzip völlig unerheblich für den tatsächlichen Ablauf dieser Welt und somit meiner Existenz ist. Damit verbunden verknüpfe ich weder meine Hoffnung noch die Zuversicht an eine externe Instanz und sehe weder mein Dasein noch die Existenz des Universums als das Ergebnis eines externen Machers an. Beweisen kann ich das natürlich genauso wenig wie diejenigen, die das anders sehen. Es ist aber letztendlich völlig egal, woran ich glaube, denn die Welt ist so, wie sie ist, und nach dem Tod kommt genau das, was die Naturgesetze für solche Fälle vorgesehen haben.

Zudem fühle ich mich den Naturwissenschaften mit ihren nachvollziehbaren und nachprüfbaren Aussagen mehr verbunden als einer Theologie, die niemals konkret im wissenschaftlichen Sinne solche nachprüfbaren Aussagen bieten können. Im Prinzip ist die Theologie auch nicht besser als eine Esoteriktheorie, denn beide begründen ihre vermeintliche Richtigkeit nur mit sich selbst. Im streng wissenschaftlichen Sinne lassen sie sich nicht bestätigen. Das liegt auch daran, dass die Naturwissenschaften gar nicht das Warum von allem erklären, aber sie erklären sehr gut die völlige Unabhängigkeit der universellen Vorgänge von irgendwelchen überinstanzlichen Eingriffen. Sie bieten außerdem halbwegs Anhaltspunkte für eine Nichtexistenz, weil in deren Geschichte stets von Theologen göttliche Impulse in unentdeckte Zusammenhänge hinein interpretiert wurden, die einige Jahre später mit einem Handstreich naturwissenschaftlich erobert und ihrer angeblichen Göttlichkeit beraubt wurden. Wenn man diese Linie konsequent weiter denkt, dann werden voraussichtlich irgendwann alle unentdeckten Zusammenhänge wissenschaftlich erklärbar und für einen Gott letztendlich kein Platz mehr vorhanden sein.

Religionen stillen lediglich den Wunsch des Menschen nach einer vermeintlichen Sicherheit im Leben sowie der Erklärung, warum er denn eigentlich existiert und was mit ihm passiert, wenn er stirbt. Doch genau das brauche ich alles nicht mehr. Ich glaube nicht, dass mich irgendwelche überirdischen Instanzen beeinflussen oder gar beschützen, lege keinen Wert auf ein Leben nach dem Tod und glaube auch nicht daran, dass die gesamte universelle Existenz von einem solchen Wesen in irgend einer Weise geschaffen wurde. Zudem gibt es außer sehnsüchtigen Wünschen nach ewigem Leben keinen vernünftigen Grund für eine postmortale Existenz. Letztendlich ist das alles heute für mich – wie Einstein im Brief schrieb – nicht mehr als eine „Incarnation des primitiven Aberglaubens„.

Nachlese

Meine Zeit unter dem Dach der Kirche war eine angenehme Zeit. Ich möchte sie auch im Nachhinein nicht missen, denn sie ist Teil meiner Kindheit. Natürlich hatte ich in mehrerer Hinsicht Glück, nämlich zufällig in einer derart aktiven und in religiöser Hinsicht völlig unverkrampften Gemeinde zu landen und in ihr relativ frei wirken zu können. Kirchengemeinden können als sozialer Treffpunkt oder zur Förderung von Kunst und Kultur durchaus gesellschaftlich relevant sein sowie als sozialer Lebensleitfaden und als Ort für Begegnungen auch für wenig gläubige Menschen dienen. Religiöse Aktivitäten gehören zwar dazu, die sollte man aber nicht allzu wichtig nehmen, in jedem Falle nicht so wichtig wie menschliche Begegnungen. Manche der heutigen Atheisten behaupten, dass solche Aktionen auch ausserhalb der Kirche möglich seien. Dem widerspreche ich teilweise, denn diese vielfältigen sozialen und künstlerischen Möglichkeiten können in ihrer Konzentration nur wenige Vereine außerhalb der Kirche und dann zumeist nur sehr begrenzt leisten.

Bei diesen Erinnerungen habe ich mich darauf berufen, ein gutes Gedächtnis zu besitzen und auch die negativen Seiten innerhalb der Erlebenszeit nicht selektiv zu verdrängen. Dass gelingt mir durchaus gut, wie andere außerkirchliche und hier nicht erwähnte Erinnerungen mir selbst zeigen. Insofern denke ich, dass ich mich beim Schreiben im Hinblick auf meine Zeit in der Kirche auf ein möglichst neutrales Erinnerungsvermögen verlassen konnte.

Siehe auch:
Ein christlicher Weg, um seinen Glauben zu verlieren:
Teil 1: Der Einstieg
Teil 2: Der Statist und die Kirchenmusik
Teil 3: Aktivitäten und Ausstieg