Kindergruppe – gemeinfrei

Nachdem ich in den letzten Beiträgen (Teil1 und Teil2) von meinem Einstieg in die katholische Kirche und dem ministrierenden und musikalischen Werdegang berichtet habe, möchte ich heute die weiteren Aktivitäten innerhalb der Pfarrgemeinde beschreiben, in der ich nahezu unbeschwert aufwuchs. Neben meiner Familie war diese Begegnungsstätte zu meinem zweiten sozialen Mittelpunkt geworden. Dennoch kehrte ich ihr nach einigen Jahren den Rücken.

Etwa gleichzeitig mit meinem musikalischen Einstieg hatte ich als Leiter eine Jugendgruppe übernommen und veranstaltete mit den Kindern aus der Pfarrgemeinde Spielstunden. Wir Jugendgruppenleiter wurden dafür zu einem professionellen und nützlichen Lehrgang in das städtische Jugendamt geschickt und dort durch eine ausgezeichnete Psychologin auf unsere Aufgabe vorbereitet. Die zuständige Dame war sowohl geistig als auch rhetorisch eine äußerst spannende Person, die trotz des relativ kurzen Seminars eindrucksvoll psychologisches Geschick vermittelte. Gleichzeitig gab sie eher nebenher brauchbare Anleitungen zum logischen Denken und kritischen Hinterfragen. Dieses Seminar hat mich bis heute nachhaltig geprägt, und ich bin mir ziemlich sicher, dass nicht nur meine kritische Denkweise teilweise durch die kurze Schulung angestoßen, sondern gleichzeitig auch der spätere Mut zum konsequenten und kritischen Hinterfragen hier angelegt wurde.

Obwohl die Jugendtreffs in den Räumen des neuen Pfarrzentrums und quasi neben der Wohnungstür des Pfarrers stattfanden gab es nie jemanden, der uns dazu anhielt, mit den Kindern über Glauben zu reden oder gar mit ihnen zu beten. Selbst der Pfarrer ließ sich kaum blicken. Ich erinnere mich im Prinzip nur daran, dass er uns eines Tages seine nie benutzte Anfangspackung einer Modelleisenbahn schenkte, damit wir Jugendleiter mit den jüngeren Kindern bei den Spielen eine weitere Abwechslung hatten. Diese Pfarrgemeinde schien wie selbstverständlich in seiner ganzen Breite und Tiefe vollständig als soziale Begegnungsstätte zu fungieren, und sie kam dabei völlig ohne religiöse Inhalte oder gar Indoktrinationen aus.

Vielleicht auch deshalb – nein, eigentlich bin ich mir sicher, dass dies der eigentliche Grund war – hatte die Gemeinde überhaupt ein äußerst aktives und überdurchschnittliches Gemeindeleben. Viel mehr als ich damals in anderen Gemeinden entdecken konnte bildeten sich in dieser Pfarrei ganz von selbst unzählige Interessengruppen. Das Erstaunliche daran war, dass die Pfarrei im Verhältnis zu den umliegenden Stadtpfarreien eher zu den kleineren gehörte. Demzufolge war die Vielzahl der aktiven Gruppen im Verhältnis zu der Gesamtzahl der Gemeindemitglieder erstaunlich weit nach oben verschoben. In den meisten Nachbargemeinden schien die Anzahl solcher Gruppen und die Beteiligung der Gemeindemitglieder an kirchlichen Aktivitäten im Durchschnitt geringer, trotz teilweise höherer Mitgliedszahlen.

In der Pfarrei gab es neben den bisher erwähnten Gruppen wie Ministranten, Jugendgruppen, Choralschola und Kirchenchor und die in jeder Gemeinde üblichen Verwaltungsgremien wie Pfarrgemeinderat, Kirchenvorstand und dem Kirchenbauverein zur Beseitigung der Weltkriegsschäden viele weitere aktive Zusammenschlüsse. Genannt seien hier ein später dazugekommener Kinderchor, eine Krabbelgruppe für Kleinkinder, ein Familienkreis sowie ein Seniorenkreis, der vorwiegend aus verwitweten Personen bestand und die sich regelmäßig mit Kaffee und Kuchen gemütliche Plaudernachmittage gönnten. Des weiteren gab es regelmäßige Aktivitäten in einer Tischtennis- sowie einer Wandergruppe, außerdem existierte noch eine Interessengruppe, die ein soziales Schulprojekt in Peru unterstützte.
Eine vom Familienkreis organisierte  Seniorenbetreuung versorgte alleinstehende und zum Teil gehbehinderte Menschen im Gemeindebereich nicht nur mit Lebensmitteleinkäufen, sondern kümmerte sich gegebenenfalls auch um die Organisation verfügbarer Pflegekräfte. Zusätzlich ließen es sich mehrere Personen nicht nehmen, den normalerweise mit der Post verschickten Pfarrbrief in ihrem Strassenblock persönlich zu übergeben und nach eventuellen Befindlichkeiten zu fragen. Was letztendlich dazu führte, dass manche in fast jeden Haushalt eingeladen wurden und an einem Abend gar nicht mehr dazu kamen, alle Pfarrbriefe zu verteilen.

Neben der pfarreigenen Bücherei, die keineswegs nur christliche Themen zum Lesen anbot, gab es zudem auch noch einen Barbetrieb in dem von den Mitgliedern des Kirchenchors selbst ausgebauten Kirchenkeller, der auch von den meisten anderen Gruppen genutzt wurde. In dem grossen Keller war noch weiterer Platz verfügbar, den eine Rockband unentgeltlich als Proberaum nutzte und in der ich als Keyboarder mitspielte. Außerhalb der Gottesdienstzeiten konnten wir uneingeschränkt proben.
Die unzähligen Aktivitäten der einzelnen Gruppen, die sich in geselligen Abenden, Wanderungen, Ausflügen, Besichtigungen und Karnevalsveranstaltungen niederschlugen kann ich hier alle gar nicht mehr aufzählen und weiss daher nicht, ob ich noch welche vergessen habe. Als Krönung gab es jedenfalls jährlich ein fulminantes Pfarrfest mit Trödelmarkt, an dem viele der aktiven Mitglieder tatkräftig ihre Unterstützung einbrachten.

Bei all den eher rein sozialen Aktivitäten gab es jedoch auf einer anderen Ebene auch theologisch anspruchsvolle Momente. Die konnte ich erleben, als ich für eine Wahlperiode in den Pfarrgemeinderat gewählt wurde. Hier wurde nicht nur über neue Interessen und Gemeindeanliegen gesprochen, sondern hin und wieder auch durchaus über den tieferen Sinn theologischer Riten und Erkenntnisse. Vor allem an den mehrtägigen Besinnungstagen für den Pfarrgemeinderat – zumeist in einem Kloster oder in einer anderen Begegnungsstätte der katholischen Kirche – waren Redner mit theologisch-kritischen bzw. gesellschaftsrelevanten Vorträgen eingeladen. Deren Themenansätze wurden später in kleinen Gruppen zumeist auf einem erstaunlich hohem Niveau diskutiert. Hier zeigte sich die intellektuelle Vielfalt der aktiven Gemeindemitglieder, von denen im Prinzip nie einer auf die Idee kam, bestimmte Fragen auszuklammern oder indoktrinierend auf die Umgebung einzuwirken. Auch lernte ich dort nie den hier im Blog häufig kritisierten Wahrheitsanspruch christlich-fundamentalistischer Strömungen kennen. Sicher schienen auch vor allem manch ältere Mitglieder durch die Thementiefe und die Offenheit der Fragen überfordert, aber sie hielten sich in solchen Momenten eher zurück statt die Anerkennung von Glaubensinhalten einfach autoritär zu verlangen.

Außerhalb der eher seltenen theologischen Gesprächsmomente gab es in den aktiven Gruppen meines Wissens jedoch kaum theologische Ansprüche. Allerdings weiss ich nicht, ob religiöse Themen in anderen Gruppen wie etwa dem Familienkreis erörtet wurden. Sicher ist jedenfalls, dass auch hier dies nicht im Vordergrund stand. Das zeigt eine Anekdote einer gegenseitigen Einladung des Familienkreises mit der evangelischen Nachbargemeinde zum Zwecke des Kennenlernens. Nach dem ersten Besuch bei den Nachbarn waren manche der Familienkreis-Mitglieder schwer verwundert, ja im Sinne des rheinländischen Humors nahezu völlig erschüttert, dass die Nachbarn in ihrer Gemeinde sich zu regelmäßigen Bibelstunden trafen und ausführlich biblische Themen erörterten. Das kannte man bei uns gar nicht, und es schien auch niemanden zu geben, der einen solchen Wunsch je ausgesprochen hätte. Im Gegenzug waren die evangelischen Mitglieder dann genauso erschüttert, als sie beim Gegenbesuch im Kirchenkeller an die Bar gebeten wurden und Bier und Wein serviert bekamen. Eine Kirche mit eigener Bar war ihnen völlig fremd und erschien ihnen zu gegensätzlich.
Aber immerhin wurde durch dieses Erlebnis die bis dato für richtig gehaltene gegenseitige Einschätzung negiert, die Katholiken seien eher strenggläubig und die Protestanten theologisch weniger streng. Tatsächlich war es in diesem Falle schlichtweg umgekehrt.

Das Ende meiner Mitgliedschaft im Pfarrgemeinderat – ich ließ mich mangels eigenen Interesses nicht mehr zu einer weiteren Wahl aufstellen – läutete im Prinzip auch langsam das Ende meiner aktiven Zeit ein. Obwohl ich weiterhin hier und dort zeitbeschränkt verschiedene Dienste übernahm, etwa die Vertretung des Küsters in dessen Urlaub oder bei Karnevalsveranstaltungen als DJ im Partyraum des Kirchenkellers, sank aufgrund zunehmend anderer und außerkirchlicher Aktivitäten mein Interesse am Kirchenbetrieb und an der Kirche, die ich seit meinem neunten Lebensjahr vom Keller bis zur Kirchturmspitze auswendig kannte. Zudem hatte sich der wattebüscheltragende Pfarrer in den Ruhestand verabschiedet, und der neue (strengere) wurde zu meinem Erstaunen mehr als für die rheinländische Gelassenheit üblich hofiert.
Gleichzeitig verließ ich nach und nach die Bereiche, in denen ich bis dato noch aktiv war. Am längsten jedoch verblieb ich im Kirchenchor und nutzte die Orgel, an der ich allerdings aufgrund meiner Lustlosigkeit zum konsequenten Üben nie den Sprung zum routiniert begleitenden Organisten wagte. Die Choralschola gab es inzwischen nicht mehr. Sie wurde im Zuge der Abschaffung lateinischer Hochämter in seiner Regelmäßigkeit aufgelöst und kam nur noch selten und ausnahmsweise zum Einsatz.

Der sonntägliche Kirchengang war bei mir zu dieser Zeit schon längst kein Thema mehr. Der Glaube war inzwischen weit weg und spielte weder gesellschaftlich noch persönlich eine Rolle. Es war abzusehen, dass ich über kurz oder lang die Gemeinde verlassen würde, denn ich löste mich emotional in relativ kurzer Zeit von der Kirche auf die gleiche Art, wie sich Heranwachsende vom Elternhaus lösen. Dieser Trend wurde durch einzelne Gemeindemitglieder bemerkt und verstärkt, denn es gab hin und wieder Kritik, dass ich die Einrichtungen der Pfarre samt der Orgel nur noch nutzen und selbst nichts mehr zum Gemeindeleben beitragen würde. Das förderte nicht gerade meine Lust zu neuen Aktivitäten, und gleichzeitig wurde mein zunehmend unkonventionelles Verhalten kritisch beäugt bzw. kommentiert. Mir fiel damals ziemlich deutlich auf, dass mein Entwachsen aus dem Jugendalter bei manchen Gemeindemitgliedern genauso unterschwellig mit der Verweigerung des Respekts einherging wie in manchen Familien, in denen Eltern die selbständige Meinung ihrer erwachsen gewordenen Kinder lange nicht respektieren können.

Insofern waren die letzten Schritte aus der Kirche zwar nicht zwangsläufig, wurde aber von den Gemeindemitgliedern durch das unterschwellige kritisch-beäugende Verhalten zunehmend forciert. Mit dem inzwischen vollzogenen Rückzug aus dem Kirchenchor vernachlässigte ich zudem mehr und mehr das Orgelspiel. Den Schlusspunkt setzte dann der neue Pfarrer mit einem Telefonanruf, ich möge doch die Zugangsschlüssel zur Orgel abgeben. Ich hätte angeblich seit Monaten nicht mehr gespielt und bringen würde das ja auch nichts. Ich gab den Schlüssel umgehend ab und damit war für mich die Epoche „katholische Kirche und Gemeindeleben“ vollständig und bis zum heutigen Tag zu Ende.

Im Nachhinein betrachtet hat mich das Verhalten der Gemeindemitglieder doch ein wenig verwundert. Immerhin hatte ich in der Gemeinde lange Zeit einige Aufgaben übernommen und sehr viel Freizeit investiert. Gerade deshalb sollte man den Heranwachsenden, deren Interessen sich in dieser Zeit wandeln und die auf der Suche nach einem eigenen Weg sind, eine gewisse gelassene Toleranz entgegen bringen, wenn man diese an eine Gemeinde weiter binden will. Bei mir hat diese Wegfndung etwas  länger gedauert, da die Freizeitinteressen in dieser Zeit eher einem Leben mit selbstgespielter Rockmusik (nicht mehr im Kirchenkeller) und dem Zelten an niederländischen Stränden gewidmet waren. Gleichzeitig war das Orgelspiel ja keineswegs abgehakt, wie an meinem späteren Lerninteresse abzulesen ist, sondern pausierte eher aufgrund der gegebenen Umstände. Die eher schroffe Aufforderung zur Abgabe des Orgelschlüssels hatte mich insofern geärgert, weil vorher kein Gespräch dahingehend gesucht wurde, ob ich denn an der Orgel und dem Üben kein Interesse mehr hätte. Immerhin war die musikalische Tätigkeit ja keineswegs zum Stillstand gekommen, sondern hatte sich zu der Zeit nur in andere Bereiche verlagert. Ich wäre nicht einmal abgeneigt gewesen, zu einem späteren Zeitpunkt den Orgeldienst zu lernen und zu übernehmen, nur wollte ich das damals noch nicht.

Das durchschnittlich fehlende Verständnis für gesellschaftliche oder persönliche Veränderungen und Weiterentwicklungen in einer Gemeinde betrachte ich seitdem als ursächlichen Grund, dieselbe und letztendlich die Kirche zu verlassen. Dieser Grund ist sicher häufiger anzutreffen als der Verlust des Glaubens an überirdische Instanzen oder die Wut über verwerfliche Unregelmäßigkeiten innerhalb der Kirche, bei denen zumeist sowieso nur diejenigen austreten, die eher nicht in der Gemeindearbeit tätig sind. Im Normalfall wird niemand, der in die Aufgaben einer gutfunktionierenden Gemeinde aktiv eingebunden ist, dieselbe aufgrund solcher Meldungen plötzlich verlassen. Dem geht immer eine Entwicklung voraus, die dann letztendlich zur Distanz bis hin zum endgültigen Abschied aus Gemeindeleben und Kirche führt. Von solchen Entwicklungen scheinen auch sehr aktive und weniger religiöse Gemeinden nicht ausgenommen zu sein. Letztendlich haben sie ein ebenso konservatives Vereinsleben wie die meisten anderen traditionellen Vereine.

Letztendlich jedoch waren das im Gesamten betrachtet alles nur schwache Nebenerscheinungen einer ansonsten gut funktionierenden Gemeinde, denn im Prinzip bin ich dort aufgewachsen und hatte ich mich unter dem Dach der Kirche viele Jahre durchgehend wohl gefühlt. Bis auf die letzten eher schwachen Ereignisse hatte ich in dieser Kirche nie etwas schlechtes erlebt, und selbst diese letzten Erlebnisse waren eher unterschwellig und fallen bei der Gesamtbewertung meiner Kirchenzeit kaum in´s Gewicht. Dennoch wäre mein endgültiger Weggang aus dem Gemeindeleben sicher aufzuhalten gewesen, auch wenn ich nicht ausschließe, dass die zunehmende Entfremdung zum Teil an mir selbst lag.

Später – als ich schon in einen anderen Ort gezogen war – nahm ich bei einem meiner Besuche die Gelegenheit wahr, noch einmal auf der großen Orgel zu spielen. Doch es war nicht mehr dasselbe. Ich hatte den Bezug zu dieser Pfarrei verloren, und der Aufenthalt war mir in dem Moment unangenehm, als ich manchen der Gemeindemitglieder eher zufällig begegnete. Insofern hatte ich auch kein Interesse, an einer Veranstaltung dort teilzunehmen oder gar einen geselligen Abend mit ihnen zu verbringen. Versuchte Wiederauflagen von alten Zeiten funktionieren nicht. Zu sehr hatte ich mich selbst verändert, und zu sehr waren mir die anderen fremd geworden. Insofern schaue ich heute auch keineswegs mit Wehmut zurück, sondern habe immer noch das deutliche Gefühl, dass ich bis heute in keine Gemeinde und keinem aktiven Gemeindeleben zurückkehren möchte. Das hat sich – abgesehen von meinem inzwischen vollzogenen Austritt aus der Kirche – durch diese jetzt geschriebenen Erinnerungen eher noch verstärkt.

Einzig mit dem Juristen, der mir den Einstieg in die Kirchenmusik als damaliger Choralscholaleiter nicht nur leicht machte, sondern ebenso viele Jahre im Hintergund seine schützende Hand über meine künstlerischen Quersprünge hielt, blieb ich bis zu seinem Tod befreundet. Vor meinem Umzug gingen wir mehr oder weniger regelmäßig in ein naheliegendes Restaurant essen, und es folgte zumeist ein gemütlicher Gesprächsabend mit gutem Wein. Nach meinem Wegzug blieben wir teils brieflich, teils über Besuche in Kontakt. Der Jurist war auch der einzige, der mir in einem der Gesprächsabende, die hin und wieder auch theologisches enthielten, einen einigermaßen akzeptablen Grund für einen Glauben an einen Gott liefern konnte. Davon werde ich im nächsten und letzten Beitrag erzählen.

Weiterlesen: Ein christlicher Weg, um seinen Glauben zu verlieren – Letzter Teil 4: Die Suche nach Gott und die Sinnlosigkeit des Unterfangens

Siehe auch:
Ein christlicher Weg, um seinen Glauben zu verlieren:
Teil 1: Der Einstieg
Teil 2: Der Statist und die Kirchenmusik
Letzter Teil 4: Die Suche nach Gott und die Sinnlosigkeit des Unterfangens