Ministrant – gemeinfrei

Im ersten Teil  hatte ich meinen damals zumeist üblichen und unhinterfragten Einstieg in die katholische Kirche bis zu meiner Erstkommunion beschrieben. Dieser Einstieg galt damals auch in den Großstädten nicht nur kirchlich, sondern auch gesellschaftlich als pure Selbstverständlichkeit. Im letzten Artikel hatte ich demzufolge noch vergessen zu erwähnen, dass völlig unbemerkt von meiner Familie und mir die Hausbewohner (immerhin wohnten dort elf Familien) gemeinsam während der kirchlichen Erstkommunionfeier den Hausflur mit festlichen Papiergirlanden, Blumen und einem Kreuz aus Kerzen geschmückt hatten, so dass wir bei der Rückkehr von der Kirche völlig überrascht und erstaunt waren. Auch daran konnte man sehen, dass kirchliche Rituale gesellschaftlich tief verwurzelt waren und immer noch sind.

Nach der Erstkommunion gab es bei einem weiteren Treffen mit dem Pfarrer eine Art Nachlese für die Erstkommunikanten. Bei dieser Gelegenheit fragte der Pfarrer, wer Ministrant werden möchte, und ich sagte ohne lange zu überlegen zu. Weder hatte mir zu diesem Schritt jemand geraten noch mich gar dazu gedrängt, auch der Pfarrer nicht. Meine Eltern waren vielmehr ob meiner Entscheidung eher zurückhaltend überrascht, aber sie respektierten es kommentarlos.
Eine Woche später begann demzufolge die erste Stunde des Ministrantenunterrichts. Im Gegensatz zu dem eher langwierigen und -weiligen Kommunionunterricht war dieser im Gesamten wesentlich kürzer, ebenso fast völlig frei von theologischen Glaubensinhalten und beschränkte sich auf das Einüben der für Ministranten üblichen kirchlichen Rituale. Selbst beim Lernen des damals noch lateinischen Schuldbekenntnisses beschränkte sich der Pfarrer auf die richtige Aussprache der lateinischen Wörter, und auch wenn uns das Schuldbekenntnis in deutsch bereits bekannt war, empfand ich das Aufsagen der lateinischen Gebetssätze im Prinzip als nichtssagend. Auch hier wurde über dem Inhalt nicht oder kaum gesprochen, ausgenommen einer eindringlichen Erklärung des Pfarrers zu der Bedeutung  von „mea culpa“, „meine Schuld“. Die Schuldfrage schien überhaupt in der Kirche die größte Rolle zu spielen, denn im Rückblick ist „Schuld“ in Verbindung mit der überflüssigen Demut das, was mir am deutlichsten in Verbindung mit theologischen Inhalten aus meiner Kindheit in Erinnerung geblieben ist. Die Schuldfrage der christlichen Anhängerschar schien so immens wichtig, dass selbst ein eher theologisch unmotivierter Pfarrer den Kindern dieselbe explizit erklären musste.

Abgesehen von der Schuldfrage sind mir aus dieser Zeit jedoch vielmehr erlebte witzige Anekdoten in Erinnerung geblieben als katholische Glaubensbekenntnisse. Eine dieser Anekdoten war die Ansage des Pfarrers, wir sollten beim Einzug die gefalteten Hände auf dem Bauchansatz abstützen. Wir Ministrantenschüler schauten uns ratlos an, und einer sprach das murmelnd aus, was wir wohl alle dachten, nämlich dass der Pfarrer mit seinem dicken Bauch ja gut reden hätte. Der stumme Blick des Pfarrers auf den ertappten und errötenden Sprücheklopfer verriet nicht, ob er nun darüber belustigt oder verärgert war. Sicher war jedenfalls, dass sein Gehör trotz seiner wattebewehrten und explosionsgeschädigten Trommelfelle viel besser zu funktionieren schienen als wir bisher vermuteten.

Der Minstrantendienst selbst war uns bald zur Routine und wir zu Statisten geworden. Auf dem damals noch vorhandenen Hochaltar fühlten wir uns dennoch zuerst als etwas besonderes, fast als Teil einer religiösen Elite. Schließlich standen wir oben und das gemeine Volk unten. Die Routine, die jedoch kaum noch etwas mit Religiosität als eher mit einem geordneten Betriebsablauf zu tun hatte, ließen den Gedanken an Glaubensinhalte kaum aufkommen. Selbst als wir später als Lektoren die Lesung übernahmen, war uns eine saubere und korrekte Aussprache wichtiger als das Verstehen des Inhalts. Und auch das Vorlesen der Karfreitagspassion war inhaltlich so biblisch langweilig, dass wir dieselbe ernsthaft vortragen konnten, ohne wirklich auf die Geschichte selbst zu achten. Wir hätten auch mit derselben Ernsthaftigkeit das örtliche Telefonbuch vorlesen können. Insofern wurden beim Einüben der Passion manche Sätze hin und wieder zur Belustigung der Anwesenden in albernen Dialekten gesprochen, manchmal auch mit theatralisch übertriebenen Showeinlagen ergänzt. An „Heiligkeit“ fehlte es uns jedenfalls völlig, der nie eingeklagte Respekt vor der heiligen Schrift war uns völlig fremd.
Wie ich später zunehmend feststellen konnte, passte diese Einstellung zu religiösen Vorgaben und Regeln durchaus zu den meisten aktiven Gruppen innerhalb dieser Gemeinde. Diese Pfarrei war demzufolge auch eine der ersten, die sich über die erst viel später von Papst Johannes Paul II. gekippte Regel hinwegsetzte, nur männliche Ministranten zuzulassen. Sie verheimlichte diese Entscheidung auch nicht, wenn der Weihbischof zur Firmung auftauchte und die weiblichen Ministrantinnen schweigend zur Kenntnis nehmen musste. Die religiöse Ernsthaftigkeit sowie die kirchliche Gehorsamkeit war in dieser Gemeinde bei den meisten Mitgliedern nicht sonderlich ausgeprägt, schon gar nicht unter uns Jugendlichen.

Insofern gab es statt religiöser Erkenntnisse zuhauf völlig profane Einsichten. Eine davon war der kausale Zusammenhang zwischen Predigt und Müdigkeit. Ganz ehrlich, es muss einen zwingenden Zusammenhang zwischen vorgetragener biblischer Exegese und ausgeprägter Schläfrigkeit geben. Dessen bin ich mir sicher. Von unseren erhabenen Hochaltar-Sitzplätzen hatten wir nämlich einen schönen Überblick über alle Gottesdienstbesucher, soweit sie im Mittelschiff der Kirche Platz genommen hatten. Sobald der Pfarrer an der Kanzel seine Predigt mit der immer gleichlautenden Einleitung “Liebe in Christo dem Herrn versammelte Zuhörer!“ begann, versank schlagartig ein Teil der Kirchenbesucher – vorwiegend in den hinteren Reihen – in erholsamen Halbschlaf. Bei manchen konnte zwar reges Kopfnicken beobachtet werden, jedoch lag das weniger an der Zustimmung zum Predigtinhalt als vielmehr an der überkommenden Müdigkeit und dem heldenhaften Kampf gegen die einschläfernden theologischen Ergüsse des Pfarrers.
Das alles konnten wir jedoch nur dann wahr nehmen, wenn wir nicht gerade selbst gegen Müdigkeit ankämpften. Auf dem Hochaltar fielen eingeschlafene Ministranten umgehend auf, und die Senioren unter den Kirchenbesuchern in den vorderen Sitzbänken hatten zuweilen nichts eiligeres zu tun als dem Pfarrer nach der Messe davon zu berichten, welcher Ministrant während der Predigt eingeschlafen war oder gegrinst hatte und somit an der gebotenen Ernsthaftigkeit fehlen ließ. Die meisten Beschwerden kamen von älteren Damen, und mir fiel damals schon auf, dass die „heiligsten“ von ihnen die intolerantesten und verbittertsten waren. Glücklicherweise wusste der Pfarrer um deren „Heiligkeit“ und sagte uns zumeist nur nebenbei, dass wir uns im Altarraum benehmen sollen.
Über Predigten kann ich heute guten Gewissens behaupten, in all den Jahren meiner mehr oder weniger regelmäßigen Anwesenheit bis zu meinem Weggang im Alter von 24 Jahren – und auch danach bei den eher seltenen sporadischen Gottesdienstbesuchen – niemals eine wirklich interessante oder spannende Predigt gehört zu haben. Die ausschweifenden theologischen Ergüsse und die stinklangweiligen Bibelauslegungen sind das ermüdendste und überflüssigste an Vorträgen, was diese Welt und Kirche zu bieten hat.

In Stadtpfarreien fallen aufgrund der Einwohnerzahldichte vermehrt Dienste bei Beerdigungen an. Die begleiteten wir als Ministranten anfänglich gerne, weil es dafür noch eine gewisse Zeitlang schulfrei gab. Dennoch mochte ich Beerdigungen nicht sonderlich. Das lag jedoch weniger an dem traurigen Anlass als vielmehr an den langen Wegen von der Friedhofskapelle bis zum Grab. Die können sich nämlich auf großstädtischen Friedhöfen unendlich in die Länge ziehen. Manchmal liefen wir mehr als 20 Minuten einem Friedhofsmitarbeiter nach, der bei solchen Trauerprozessionen stets als Wegführer diente. Entsprechend der selektiven Wahrnehmung war der Weg umso weiter, je heisser die Sonne brannte oder je mehr es regnete. Der auf diesen Kleinwanderungen hinter uns Ministranten und Pfarrer fahrende Elektrokarren mit Sarg erregte häufiger unsere Aufmerksamkeit, wenn in Kurven die Sarggriffe klapperten. Wir spekulierten dann flüsternd und kichernd darüber, ob der Tote nun durch Klopfzeichen begehrte, den Sarg wieder zu verlassen. Ansonsten blieb es nicht aus, dass wir auf dem langweiligen Weg über die Weite des Friedhofsgeländes hin und wieder allerlei Unfug machten, den man mit Weihwassersprengel und Kreuz so machen kann. Nicht selten wurden wir knurrend vom Pfarrer ob der Ernsthaftigkeit der Situation zurechtgewiesen.

Später und mit zunehmendem Alter wurden wir Ministranten hin und wieder in die kirchlichen Vorbereitungen zu den Hochfeiertagen wie Ostern und Weihnachten gemeinsam mit dem Küster eingebunden. Solche Treffen hatten stets einen großen Gemeinschaftsfaktor, zumal die Dekorationsarbeiten niemals anstrengend waren oder gar widerwillig ausgeführt wurden. Es war für uns immer erstaunlich, wie der Küster es mit wenigen Mitteln und einigen Fichten schaffte, den schmucklosen und nüchternen Innenraum unserer Stadtkirche in eine weihnachtlich-festlich geschmückte Begegenungsstätte zu verwandeln. Weitaus mehr freuten wir uns jedoch auf den Abbau, bei dem damals die Fichten vom Küster zersägt und auf dem neben der Kirche liegenden Trümmergrundstück in Form eines ausgiebigen Lagerfeuers verbrannt wurden (später wurde dort das neue Pfarrzentrum gebaut). Heutzutage wäre es wie vieles andere völlig undenkbar, mitten in einer Großstadt ein offenes Feuer anzuzünden, aber damals hat das niemanden gestört.

Überhaupt war die Weihnachtszeit anders und länger als heute, denn durch die adventliche Einstimmung durch die Adventsgottesdienste mit einem an Seilen von der hohen Kirchendecke abgehängtem Adventskranz mit riesigen roten und echten Kerzen konnte man sich langsam auf die kommende Weihnachtszeit einstimmen. Dazu gehörten dann eben auch die oben beschriebenen wiederkehrenden Dekorationsarbeiten kurz vor Weihnachten sowie der Abbau, der zumeist erst nach dem 2. Februar erfolgte, dem offiziellen Ende der kirchlichen Weihnachtszeit.
Dazwischen feierten wir mit der Weihnachtsmette eine der kirchlichen „Highlights“ im Ministrantendasein, denn das Aufgebot an Personal mit mehreren Priestern und der fast kompletten Ministrantenschar war beeindruckend. Dementsprechend war der Kirchenraum mit Besucher gefüllt bis überfüllt, und der Kirchenchor gab sein Bestes.
Tatsächlich hörte ich in einer solchen Weihnachtsmette eines Tages die Engel singen, und sie sangen zudem auch noch schrecklich falsch und durcheinander. Ja wirklich. Ich weiss noch, dass ich mich darüber wunderte, als ich von den anwesenden Pfarrern hochgezogen und hinaus in die Sakristei mehr geschleppt als getragen wurde. Ich hatte als ministrierender Fahnenträger gerade in dem Moment einen Kreislaufzusammenbruch, als der Kirchenchor einen vierstimmigen Satz vortrug. Der durch eine am oberen Ende der Fahnestange angebrachten goldenen Blechkugel mit Kreuz verursachte Knall auf dem Marmorboden der Kirche hatte den gesamten Kirchenchor durcheinander gebracht. Mir persönlich hatte der Sturz jedoch nichts getan. Ich fiel glücklicherweise genau auf den dick gefütterten Fahnenstoff.
Verursacht wurde der Zusammenbruch wohl durch übermäßigen Weihrauchgebrauch. Wir Ministranten hatten stets einen Heidenspaß am Einräuchern der Kirche, so dass die Nebelschwaden des Weihrauchs die ganze Kirche füllten und hin und wieder die Ermahnung vom Pfarrer zu hören war, sich beim Gebrauch des Weihrauchs zu mäßigen. Merkwürdigerweise hatte mir der Weihrauch nie zugesetzt, wenn ich selbst das Weihrauchfass schwenkte. Aber das ist wohl ähnlich wie bei manchen Autofahrern, bei denen immer nur den Beifahrern schlecht wird.

Gregorianik gemeinfrei

Mit zunehmendem Alter und ganz besonders durch dieses Erlebnis – mir war nun der Weihrauchgeruch unangenehm und löste vermeintliche Kreislaufschwankungen aus – verlegte ich meine Statistenrolle vermehrt auf die Lektorentätigkeit und überließ das Ministrieren den Nachrückern. Gleichzeitig eröffneten sich innerhalb der Pfarrgemeinde völlig neue Perspektiven der innerkirchlichen Mitarbeit. Eine davon war die Choralschola, bei der ich nach meinem Stimmbruch einen Einstieg in die musikalische Mitwirkung bei lateinischen Hochämtern wagte. Die Schola, die damals noch von dem in einem anderen Artikel erwähnten Juristen geleitet wurde, nahm mich völlig unkonventionell und ohne gesangliche Prüfung auf. Auch wenn ich zu dem Zeitpunkt musikalisch nicht mehr ganz unbedarft war, hatte ich vorher bis auf die üblichen Gottesdienstlieder nie gesungen. Dennoch klappte es erstaunlich gut, auch wenn das alte vierzeilige Notensystem mich zuerst ziemlich verwirrte.
Das Singen der gregorianischen Mönchsgesänge hat mir in der Tat sehr viel Spaß gemacht, obwohl es für mich als Bassstimme manchmal viel zu hoch war und ich mit den Tenorstimmen an manchen Stellen nur noch schlecht mithalten konnte. Nicht umsonst lästerten wir häufig darüber, dass der gregorianische Gesang eigentlich eine den Mönchen vorbehaltene Kastratenliteratur sei.

Demzufolge war es eine logische Konsequenz, nach dem endgültigen Ausstieg aus dem Ministrantendasein Mitglied des Kirchenchores zu werden. Der hatte für einen städtischen Kleinchor ein durchaus anspruchsvolles Repertoire und lehnte glücklicherweise weltliche Volksgesänge ab, da sie von den meisten Chormitgliedern als viel zu banal empfunden wurden. Das fand seinen Grund jedoch kaum im religiösen Asnpruch als vielmehr in dem Bewusstsein, mit der bis dato eingeübten anspruchsvolleren Chorliteratur das Singen weltlicher Volkslieder musikalisch als Rückschritt zu betrachten. Insofern blieb mir das weltliche Singen erspart. Recht schnell lernte ich dort das Üben und  Singen vierstimmiger Sätze als etwas sehr angenehmes und nie langweiliges zu schätzen.
Später, an meinem neuen Wohnort,  habe ich dann versucht, in einem anderen Chor trotz des fehlenden religiösen Bedarfs unter zu kommen, doch dort war kein Kirchenchor dieser Qualität zu finden. Das hätte mich zwar nicht unbedingt vom Mitsingen abgehalten, jedoch sangen die hier existierenden Kirchenchöre alle ausgiebig und gerne weltliche Volksweisen, und dazu hatte ich überhaupt keine Lust. Auch das Singen in einer Choralschola blieb mir verwehrt. Nicht nur, weil es inzwischen keine lateinischen Hochämter mehr gab, sondern auch, weil auf dem Land nirgends eine regelmäßig übende Choralschola zu finden war.

Aber nicht nur das Singen hatte es mir angetan, sondern vielmehr auch das Orgelspiel trotz des traumatischen Kindheitserlebnisses. Die Orgel als mächtiges und klanggewaltiges Instrument hatte mich stets seit dem Neubau während meiner Erstkommunion in den Bann gezogen, vielleicht auch deshalb, weil ich ihre Wirkung als Dreijähriger schreiend kennen gelernt hatte.
Die alte romantisch disponierte Orgel in der Stadtkirche war durch Fliegerbomben des 2. Weltkriegs zerstört worden ( manche „bösen“ Zungen meinten gar „glücklicherweise“) und wurde nach dem Krieg durch ein geliehenes größeres Orgelpositiv ersetzt. Später wurde eine renommierte Orgelbauwerkstatt beauftragt, ein neues barockdisponiertes Orgelwerk zu bauen, und dieses wurde in dem Jahr meiner Erstkommunion fertig gestellt. Das Orgelgehäuse war ebenso wie der Innenraum der Kirche entsprechend nüchtern gestaltet. Mein Interesse am Orgelspiel selbst wurde durch eine Mischung aus Konzert und Andacht geweckt, in der ich noch als Ministrant zugegen war und vorher ein Chormitglied darum bat, bei den Konzertstücken auf der Orgelempore die Aufnahmetaste meines mitgebrachten Kassettenrekorders zu drücken. Das funktionierte hervorragend. Die Aufnahme habe ich heute noch. Der auswärtige Organist spielte Werke von Bach, Franck und Reger, die mich zu der damaligen Zeit nachhaltig beeindruckten.

Glücklicherweise waren Pfarrer und Kirchenvorstand recht tolerant und ließen mich auf der Orgel üben, auch wenn ich anfänglich lediglich auf autodidaktische Weise mein Interesse an der Orgelmusik auslotete und versuchte, eines der gehörten Werke von Bach einzuüben, was mir tatsächlich teilweise gelang. In der Gemeinde, vor allem im Kirchenvorstand, regten sich dennoch hin und wieder verschiedene Gemüter, die meinten, dass ich als Jugendlicher die teure neue Orgel „kaputt spielen würde“. Den Aussschlag dazu gab weniger mein Üben der Literatur als vielmehr meine zwischendurch gespielten rockmusikalischen Improvisationen, die manchmal trotz geschlossener Kirche ob der immensen Lautstärke von außen hörbar waren. Doch glücklicherweise hatte man mich trotz des immer wieder aufkeimenden Unmuts weiter üben lassen. Erst nach vielen Jahren erfuhr ich, dass ich einen heimlichen Förderer und Beschützer hatte. Der oben erwähnte Jurist und Choralscholaleiter, mit dem ich später bis zu seinem Tod befreundet war, hielt lange Jahre im Hintergrund seine schützende Hand über mich und förderte damit uneingeschränkt mein musikalisches Interesse. Insofern hatte ich in der Kirche unbewusst eine gewisse Narrenfreiheit, die auch darin mündete, mit einem Schlagzeuger neue Klangwelten auf der Orgelempore auszuprobieren.

Später habe ich, als ich schon längst kein regelmäßiger Gottesdienstbesucher mehr war, einen fortschrittlichen Unterricht über mehrere Jahre bei einem evangelischen Kantor genossen. Kurioserweise wurde dieser Unterricht von der evangelischen Kirche zu einem Drittel gesponsert, obwohl ich klar und deutlich mitteilte, dass ich aus der katholischen Kirche stamme und den Unterricht nur zu meinem Privatvergnügen nehme. “Das würde keine Rolle spielen“, hieß es da lapidar, weil die Kirchen wohl damit zumindest teilweise einen Auftrag zur Kunstförderung wahrnehmen.
Doch auch mit der Musik war noch lange nicht das Tätigkeitsfeld in der Kirche abgedeckt. Davon mehr im nächsten Artikel.

Weiterlesen: Ein christlicher Weg, um seinen Glauben zu verlieren – Teil 3: Aktivitäten und Ausstieg

Siehe auch:
Ein christlicher Weg, um seinen Glauben zu verlieren:
Teil 1: Der Einstieg
Teil 3: Aktivitäten und Ausstieg
Letzter Teil 4: Die Suche nach Gott und die Sinnlosigkeit des Unterfangens