Vor einiger Zeit hatte ich hier im Blog meinen Austritt aus der katholischen Kirche beschrieben. Diesen Schritt hätte ich sicher nicht vollzogen, wenn es auch nur einen einzigen Grund zum weiteren Verweilen in der christlichen Gemeinschaft gegeben hätte. Zu solchen Verweilensgründen gehört für mich nicht nur der Glaube an einen Gott oder an ein Leben nach dem Tod. Auch andere Begebenheiten können durchaus als Grund angesehen werden, Mitglied der Kirche zu bleiben. Dazu zählen etwa familiäre Gründe oder Aktivitäten in christlichen Gruppen. Meiner Ansicht nach kann und sollte jeder auch als innerlicher Apostat dann Mitglied bleiben, wenn dieser sich innerhalb einer Pfarrgemeinde sozial geborgen oder wohl fühlt. Auch dann, wenn der- oder diejenige nicht an einen Gott glaubt. Ein Austritt würde in einem solchem Fall womöglich eher mehr persönlichen sozialen Schaden anrichten als an eigener Freiheit gewonnen wäre.

In meinem Fall war jedoch von alledem nichts mehr gegeben. Meine kirchlichen Aktivitäten waren bis auf kurze Intermezzi seit dem 24sten Lebensjahr beendet. Der Glaube an Gott hatte sich in den letzten Jahren zunehmend in Luft aufgelöst. Der letzte Grund zum Verbleib in der Kirche war demzufolge meine Mutter. Ihr Selbstverständnis von einer Zugehörigkeit zur kirchlichen Institution wollte ich ganz bewusst in ihren letzten Lebensjahren nicht mehr infrage stellen. Sicher hätte sie einen Austritt meinerseits ohne große Worte akzeptiert, aber sie hätte ein schlechtes Gefühl dabei gehabt. Mein Austritt wäre für sie eine nicht unerhebliche Belastung gewesen, und das wollte ich ihr aufgrund des hohen Alters ersparen. So wichtig war mir der Austritt nicht, als dass ich diesen hätte auf Biegen und Brechen durchziehen müssen.

Demzufolge trat ich erst nach ihrem Tod aus, und das tat ich nicht wie allgemein üblich aufgrund aktueller und medial aufbereiteter Verfehlungen des Kirchenpersonals. Schließlich würde ich ja bspw. auch nicht aus einem Verein austreten, weil das Treiben eines Vorsitzenden im Nachbarverein Unregelmäßigkeiten aufweist. Das mag bei vielen der bisher Ausgetretenen durchaus anders sein. Nach einer nichtrepräsentativen Statistik werden nur 13% aller Kirchenaustritte aufgrund der Überzeugung vollzogen, dass es weder eine überirdische Instanz noch ein Leben nach dem Tod gibt.

Zu diesen 13% gehöre ich ebenso, denn ich glaube weder an irgendwelche angeblichen Wahrheiten in religiösen Schriften noch an einen Erschaffer des Universums. Dieser Unglaube beinhaltet auch das Verständnis von Transzendenz und Spiritualität als reine selbstbetrügerische Lebenskrücke. Wenn keine Götter existieren, dann existiert auch weder Transzendenz noch Spiritualität. Zusätzlich zähle ich das angebliche Leben nach dem Tod zu den Märchen für Erwachsene. Die gesamte Religion ist letztendlich für mich – wie Einstein im Brief an Gutkind schrieb – lediglich eine „Incarnation des primitiven Aberglaubens„. Hölle und Himmel existieren nicht, auch wenn manche mit allen Mitteln daran festhalten und die Leugnung gar als terroristische Irrlehren bezeichnen.

Natürlich war ich nicht immer dieser Überzeugung.  Mit der in meiner Kindheit üblichen Selbstverständlichkeit wurde ich nämlich wie viele andere zum christlichen Glauben geführt und habe demzufolge einige Jahre mit und in der katholischen Kirche verbracht.
Vorweg sei jedoch gleich gesagt, dass ich keinerlei schlechte Erfahrungen mit der Kirche gemacht habe. Einzig der etwas merkwürdige und meines Erachtens viel zu frühe Einstieg ist mir zweifelhaft in Erinnerung geblieben. Der fand nämlich bereits im Alter von etwa drei Jahren statt und endete in einem Fiasko. Meine Mutter saß – mit mir auf dem Schoß – in einem der Seitenschiffe einer Stadtkirche. Die Reihen waren der damaligen Zeit entsprechend bis zum letzten Platz gefüllt, und hinter den letzten Bänken standen noch einige männliche Kirchenbesucher. Das alles nahm ich jedoch nur am Rande wahr, während meine Mutter mit mir die Kirche fluchtartig verließ, noch bevor die Messe richtig begonnen hatte. Später erzählte sie mir, ich hätte mich beim Einzug des Pfarrers und dem damit verbundenen lautstarken Einsatz der Kirchenorgel so erschreckt, dass ich „die ganze Kirche zusammenschrie“. Demzufolge wurde ich wohl bis zu meinem 7. Lebensjahr nicht mehr in Gottesdienste mitgenommen. Jedenfalls erinnere ich mich bis zu unserem Umzug in eine andere Pfarrgemeinde an keine weiteren Besuche in dieser Kirche.

Meine Eltern waren nicht von gleicher Konfession und hatten zudem ein völlig entegegengesetztes Verhältnis zum Glauben. Mein evangelischer Vater war durch die Erlebnisse im Dritten Reich schwer enttäuscht und fühlte sich fortan von jeglicher Obrigkeit hintergangen. Wohl auch aus diesem Grund war er nicht nur den Kirchen gegenüber autoritätsfeindlich eingestellt. Er betrat dieselben nur, wenn es aus familiären Gründen nötig war. Das war etwa bei Taufen, Kommunion, Konfirmation, Hochzeiten und Beerdigungen in der Verwandtschaft oder Bekanntschaft der Fall, aber das ließ er stets ohne zu murren über sich ergehen. Dagegen gehörte meine Mutter zu den sonntäglichen Pflichtkatholikinnen. Traditionell (nach welchem Verständnis auch immer) waren wir Kinder nach der Mutter katholisch getauft worden und die Vermittlung des Glaubens wurde ihr überlassen.
In der Familie haben wir jedoch nie über den Glauben gesprochen. Es galt stets die Toleranz, den jeweils anderen in Glaubensdingen sowohl die Freiheit als auch in Ruhe zu lassen. Glaube war bei uns Privatsache. Insofern weiss ich bis heute nicht, ob mein Vater überhaupt an einen Gott geglaubt hat. Ob meine Eltern je darüber gesprochen haben ist mir ebenso nicht bekannt.

Diese beschriebene Glaubensfreiheit galt auch im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, auch wenn die Kinder in jüngeren Jahren zum regelmäßigen Pflichtkirchgang aufgefordert wurden. Nach dem oben erwähnten Umzug in eine andere Pfarrei wurde ich von meiner Mutter zwar Sonntags wieder in die Kirche mitgenommen. Sie hat mich aber nie zu irgendwelchen religiösen Ritualen gedrängt. Sie sah die Pflicht als erfüllt an, solange ich die offensichtlichen Rituale wie stehen, sitzen und knien konform mit den anderen Kirchenbesuchern einhielt. Insofern wurde ich von meinen Eltern überhaupt nicht mit Glaubensinhalten konfrontiert, was mir wohl eine gewisse familiäre Freiheit und innere Unbefangenheit gegenüber der Religion bewahrt hat.

Die Erstkommunion galt zu den äußerlichen Pflichten innerhalb der Gesellschaft,  und so wurde ich in der neuen Pfarrei im Alter von acht Jahren ungefragt zur Teilnahme angemeldet. Hierbei bekam ich über den Vorbereitungsunterricht zum ersten Mal Kontakt zum Pfarrer. Dieser war ein älterer und immens beleibter Priester im Range eines Pastors, und da es in dieser Pfarrei zusätzlich noch einen schlanken Kaplan gab, dachten einige von uns Kommunionanwärtern, dass Pastoren von Amts wegen unter ihrer Dienstkleidung ein Kissen tragen müssten. Zudem hatte er noch riesige Wattebüschel in den Ohren, die wir ebenso zuerst der Amtstracht zuordneten. Damit schützte er jedoch – wie er uns später erklärte – seine schlecht verheilten Trommelfelle, die von einer in seiner Nähe explodierten Fliegerbombe im Zweiten Weltkrieg während eines Feldgottesdienstes geschädigt wurden.

Der Kommunionunterricht beschränkte sich zumeist auf das Erlernen der damals üblichen Gebetsfloskeln, Rituale und Bewegungsabläufe, zu der auch der ganze Ablauf der Erstkommunionfeier vor und in der Kirche gehörte und eingeübt wurde. Im Prinzip scheint es mir im Nachhinein, dass auch nur das wichtig war. Gründe für bestimmte rituelle Handlungen und Gebete wurden entweder kaum genannt oder vermittelt oder waren so uninteressant, dass ich sie nicht behalten habe. Wahrscheinlich habe ich schon damals abgeschaltet, wenn der Pfarrer aus der Bibel erzählte, denn tatsächlich kann ich mich ausgenommen der Ablaufübungen an den Unterricht selbst überhaupt nicht mehr erinnern.

Zudem wurden wir als Kommunionanwärter bis zum traditionellen Weißen Sonntag, also eine Woche nach Ostern, in die anstehenden rituellen Feierlichkeiten durch Anwesenheit eingebunden. Ab diesem Zeitpunkt gab es also einen wesentlich tieferen Einblick in den Ablauf der Festlichkeiten. Tatsächlich gefielen mir die feierlich getragenen Rituale, die betenden und singenden Menschen, der Chor und sogar die Orgelmusik trotz des traumatischen Kindheitserlebnisses. Innerhalb dieser Kirchengemeinde spielte sich eine völlig andere Welt ab. Hier war man auch als Kind bereits Teil einer Gemeinschaft, in der im Gegensatz zu der profanen Welt ausserhalb der Kirchenmauern sich jeder der vermeintlichen Göttlichkeit näher zu fühlen schien. Dieses Gefühl wurde auch dadurch forciert, dass in einer Kirche nur geflüstert werden durfte. Hier waren Gott, Engel und Heilige zu Hause. Insofern mochte ich die Stille des grossen Raums in besuchsarmen Zeiten (und ich mag es heute noch), wenn das hektische Leben und die Stadtgeräusche des Alltags draussen vorbeiziehen, ohne den Kirchenbesucher zu berühren oder mitzuziehen.
Dieser Mischung aus räumlicher Stille und äußerer Geräuschflut hat in einer Stadtkirche schon eine besondere Wirkung, und sie ist nicht unbedingt mit einem leeren Konzertsaal, einem Opernhaus oder einer unbenutzten Werkshalle an einer verkehrsreichen Strasse zu vergleichen. Die wirken eher banal, im übrigen wie die zahlreichen überladenen Kirchen, bei denen die Raumakustik durch übergroße Seitenaltäre und erschlagender Raumausstattung mit vielen Heiligenfiguren und – bildern völlig zu Tode gedämpft wird. Insofern hat das akustische Flair einer nüchtern eingerichteten Stadtkirche durchaus ihren Reiz, der die Abgeschiedenheit vom hektischen Alltag in besonderer Weise hervorhebt.
Ergänzt wird dieser Eindruck durch einen entsprechenden Geruch, den man nur in Kirchenräumen vorfindet. Vor allem nach großen Feierlichkeiten roch der Innenraum nach einer Mischung aus Kerzenwachs, brennenden und abgebrannten Kerzen mit ihrem unverwechselbaren Kerzenrußgeruch und den unsichtbaren Schwaden kalten Weihrauchs. Aber auch sonst hatte ich häufig den Eindruck, dass es keine anderen Gebäude gibt, die so riechen wie der Innenraum einer Kirche.

Doch all das konnte nicht verhindern, dass ich die kirchliche Erstkommunionfeier inhaltlich als ziemlich enttäuschend empfand. Der Pfarrer sprach in seiner viel zu langen und nach meinem Verständnis äußerst langweiligen Predigt vom „schönsten Tag in eurem Leben„. Dieser Satz verwirrte mich enorm, denn zum einen empfand ich die Kommunionfeier nicht gerade als Lebens-Highlight, zum anderen fragte ich mich sogleich, ob das im Leben denn nun alles gewesen sein soll. Woher wollte der Pfarrer denn wissen, was in meinem zukünftigen Leben noch so alles auf mich zukommen würde? Ich weiß noch, dass ich diese Aussage irgendwie als Blödsinn bewertete und diese mich zugleich tief enttäuschte. Bis heute habe ich die Aussage nicht vergessen, und im Rückblick war wohl gerade dieser Satz einer der ersten Zünder für Zweifel und Skepsis – sowohl gegenüber christlichen Autoritäten als auch der Religion selbst. Man stelle sich die Wirkung auf einen Neunjährigen vor, der bis dato Gott und seine Vertreter in seinem naiven kindlichen Verständnis als etwas selbstverständliches und wahrheitliches angesehen hatte, und dann spricht ausgerechnet ein solcher Stellvertreter einen Satz, dessen Inhalt gedanklich noch während der Feier als Unsinn entlarvt wird. Ich weiss noch, dass ich nach der Feier einige meiner Mitkommunikanten fragte, was sie denn von dem Spruch halten würden, doch tatsächlich konnte sich niemand daran erinnern. Ich war wohl der einzige, der zugehört hatte.

Rückblickend finde ich es aus heutiger Sicht schon erstaunlich, in welcher tiefen Selbstverständlichkeit die christlichen Religionen in der Gesellschaft integriert waren und es immer noch sind. Bis heute werden nicht nur auf dem Land in stoischer Regelmäßigkeit Erstkommunion- und Konfirmationsfeiern häufig noch mit Gruppenbild in den lokalen Tageszeitungen veröffentlicht. Zudem findet sich während der Erstkommunions- und Konfirmationstage kaum noch eine Gaststätte, die nicht aufgrund einer solchen Feier ausgebucht ist. Diesen rituellen Einstieg in das religiöse Leben lassen sich Eltern einiges kosten. Auch bei mir waren viele aus der Verwandtschaft angereist, um mich mit Glückwünschen, Pralinenschachteln und Blumen zu überhäufen. Für einen neunjährigen Menschen war das jedoch alles eher nicht sonderlich spannend, und selbst an die wenigen geglückten Geschenke kann ich mich heute nicht mehr erinnern.

Aus heutiger Sicht sehe ich meine Erstkommunion demzufolge eher als unbedeutend an, vor allem in religiöser Hinsicht, auch wenn ich es durchaus genoß, im Mittelpunkt des familiären Geschehens zu stehen.  Im Gegensatz zu anderen Ereignissen war diese Feierlichkeit jedoch eine von denen, die ich kaum in Erinnerung behalten habe. Selbst in der Zeit danach war die Bedeutung der Feier umgehend verblasst, und bis heute erinnere ich mich nur noch daran, wenn beim Durchschauen der Fotokiste die damals noch üblichen Schwarzweiss-Fotografien zu diesem Fest wieder auftauchen oder ich wie jetzt darüber schreibe. Schlimmer noch in Vergessenheit geraten ist meine spätere Firmung, an deren Verlauf ich mich kaum noch erinnern kann. Ich weiss noch, dass ich diese damals schon als lästige Pflichtübung empfand, zumal der Lehrer sich als Massenpate für die ganze Klasse zur Verfügung stellte und dieses Ereignis auch familiär keinerlei Bedeutung hatte. Beide Ereignisse waren demzufolge schnell vergessen, und die im Vorfeld von mir im Rahmen der Feierlichkeiten erwarteten Highlights blieben schlichtweg aus.
Das alles hielt mich damals jedoch nicht davon ab, Ministrant werden zu wollen. Davon berichte ich demnächst in einem weiteren Artikel.

Weiterlesen: Ein christlicher Weg, um seinen Glauben zu verlieren – Teil 2: Der Statist und die Kirchenmusik

Siehe auch:
Ein christlicher Weg, um seinen Glauben zu verlieren:
Teil 2: Der Statist und die Kirchenmusik
Teil 3: Aktivitäten und Ausstieg
Letzter Teil 4: Die Suche nach Gott und die Sinnlosigkeit des Unterfangens