Urspung der konservativen, heilen Scheinwelt
gemeinfrei

Eigentlich war ich der Ansicht, mit dem letzten Beitrag über typisch traditionelle und stets mit einer gehörigen Portion Selbstüberschätzung verquickten Denkweisen erzkonservativer Moralpenetratoren die Thematik erst einmal abgeschlossen zu haben. Gestern jedoch lagen in meinem Postfach mehrere Nachrichten, die in letzter Zeit mit den beschriebenen erzkonservativ-religiösen Wahrheitsanmaßungen nun vermehrt bis massiv an die Öffentlichkeit dringen. Darin ist zunehmend spürbar der gereizte Gegentrend gegen die gesellschaftlich-freiheitliche Entwicklung und Selbstbestimmung des Einzelnen nachzulesen. Doch im Prinzip war das zu erwarten, denn mit der massiven moralischen Veränderung der Gesellschaft verlieren sich vermeintliche Moralhüter zunehmend in abwegigere Vergleiche und Gründe für das Festhalten an ihren „einzig wahren“ Moralthesen.

Da ist mal wieder der rührige Joachim Meisner, seines Zeichens Erzbischof von Kölle, Metropolit der Kölner Kirchenprovinz, Hausherr des Kölner Doms und zusammen mit seinem Kollegen Ludwig Schick aus dem Provinznest Bamberg  immer gut für einen erzkonservativen Schenkelklopfer. Meisner hat sich diesmal im Rahmen einer Veranstaltung vor der Sekte des Neokatechumenalen Weges dahingehend geäußert, dass für ihn eine kinderreiche neokatechumenale Familie drei muslimische Familien ersetzen würde.
Nun hat man von Meisner ja noch nie etwas intelligentes erwartet. Insofern fragt man sich wieder einmal, was sich ein solcher Mensch eigentlich dabei denkt, wenn er ständig mit erzkonservativem Unfug und in diesem Falle sogar abartigen kulturrassistischen Schwachsinn glänzen möchte. Ganz ehrlich, wenn Meisner wirklich meint, dass er mit solchen verrückten Verablflatulenzen im Sinne seines Gottes handelt, dann ist dieser christliche Gott nicht nur äußerst intelligenzfrei, schwachsinnig und bedauernswert, dann ist das Christentum auch hier und heute noch gefährlich für den zwischenmenschlichen Frieden. Da ist mir jeder Atheist lieber als eine solch minderbemittelte überirdische Instanz.
Die Einzigartigkeit kinderreicher Familien ist nämlich genauso ein traditionell konservatives Märchen wie die Einzigartigkeit der Ehe mit Mann und Frau. Insofern hebt sich bei Meisner mehr als deutlich das Verständnis erzkonservativer Kräfte heraus, die in ihrer einfältigen Trotzigkeit mit solchen gesellschaftsschädigenden Äußerungen die Verkleinerung der christlichen Kirche auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigen. Zusätzlich bedienen sie rücksichtslos alle möglichen Ressentiments gegenüber gesellschaftliche Modernisierungen, mit der sie die Gegnerschaft gegen den angeblichen moralischen Werteverfall radikalisieren.
Nehmt dem Mann doch endlich mal das Mikrofon weg!
Nachtrag: Meisner hat seine Äußerung inzwischen halbwegs bedauert, nach dem ihm vorgeworfen wurde, den öffentlichen Frieden zu gefährden.

Doch es gibt noch mehr, denen man das Mikrofon abschalten sollte.  Wolfgang Huber, evangelischer Theologe und ehemalige EKD-Ratsvorsitzende plappert mal wieder Unsinn und weiss auch diesmal wieder genau, was für andere – in diesem Falle auch für Nichtgläubige – richtig ist. In einem Vortrag meinte er, dass weder „Entkirchlichung noch Säkularisierung der Gesellschaft (…) einen Menschen vom Glauben abbringen (sollten), dass das Leben ein Geschenk ist. Wie ein Mensch nicht über seine Geburt bestimmen könne, könne er auch nicht entscheiden, wann das Leben zu Ende ist„(Quelle).

Ich finde den Quatsch ja rührend und frage mich, warum die Kirche in ihrer Geschichte das angebliche Geschenk Gottes so häufig mit Füssen getreten und so viele Leben gezielt vernichtet hat. Sei es auf dem Scheiterhaufen, in den Folterungen und bei den Kreuzzügen. Wie viele sind im Namen Gottes gestorben oder wurden in seinem Namen in den Tod geschickt. Im Prinzip ist ja nicht nur im Islam der Unsinn verbreitet, sich für deren Gott in den eigenen Tod zu stürzen und gezielt den Tod anderer in Kauf zu nehmen. Auch heute noch werden solche Leute in der biblischen Geschichte als Helden verehrt, und der gewaltsame Tod von Christus durch die Römer war ja angeblich was ganz wunderbares, erlösendes.
Dagegen ist die Sichtweise auf die Geburt als Geschenk Gottes zum Leben schon ziemlich billig. Geboren wird man nicht als Geschenk, sondern als Ergebnis zahlreicher biologischer Zufälligkeiten. Zudem kann man seine Geburt nur deshalb nicht verhindern, weil man in dem Moment rein biologisch dazu unfähig ist. Im Angesicht eines Freitodes bin ich das aber nicht und werde sicherlich darauf pfeifen, dass irgendein rückwärtsgewandter Theologe meint, dass mein Leben das Geschenk einer minderbemittelten Gottheit (siehe oben) sei.

Um solche Feinheiten wird es in dem Vortrag sicherlich nicht gegangen sein, sondern vielmehr um die alte Leier von der gruseligen Selbstbestimmtheit des Einzelnen, der sich nicht das Recht herausnehmen soll, sich selbst das Leben zu nehmen oder im Alter das Leben nehmen zu lassen. Das geht deshalb nicht, weil konservative Menschen nicht mehr in den machtvollen Entscheidungsprozess eingebunden sind. Dagegen hat man früher doch ganz gerne den einen oder anderen über die Klinge springen lassen. Huber sollte demzufolge den Blödsinn lieber kleinen Kindern erzählen, die glauben noch an Märchen.
Ich werde wie viele andere sicherlich niemanden fragen, ob ich den Tod der Altersqual vorziehen werde. Das geht dem Huber schlicht und einfach genauso wenig an wie dem Gesetzgeber. Genauso wenig wie es seinen konservativen Kollegen etwas angeht, ob jemand eine homosexuelle Ehe führt und wie er sich fortpflanzt. Oder den ideologisch-grünen Gesundheitsfetischisten die Ernährung. Das alles bestimmen die Menschen inzwischen selbst, und es sollte ihnen niemand mehr nehmen.
Ausserdem kann man Geschenke auch einfach wegwerfen, vor allem dann, wenn sie nichts mehr taugen.

Der dritte Quatsch im Gesamtkomplex konservativen Schwachsinns ist eine weitere Meldung über eine Therapie zur Homoheilung des evangelischen Pfarrers und EX-CDU-Landtagsabgeordneten in Sachsen-Anhalt, Bernhard Ritter. In seiner „pastoral­psychologische Seminar- und Beratungsarbeit“ bietet er angeblich Hilfe nach einem inkompetenten Konzept des niederländischen Psychologen Gerard van den Aardweg an, dessen Arbeiten durchweg durch die Bank in Grund und Boden kritisiert wurden und der bis heute die Ansicht vertritt, Homosexuelle wären an neurotischem Selbstmitleid erkrankt. Das ist so blöd, dass es nur so brummt. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Siehe auch:
Konservative in der Konservendose (Teil 1)