WinteridylleGestern morgen beim Verlassen des Hauses lag überall in der Umgebung Schnee, und während ich zu meinem Auto schritt erinnerte ich mich an eine der Begebenheiten, die ich als junger Mensch mit Schnee und Auto erlebt hatte. Ich wohnte damals noch in der nordrhein-westfälischen Hauptstadt Düsseldorf und war inzwischen stolzer Besitzer eines alten marineblauen VW-Käfers geworden. Kaum zu glauben, aber das Fahrzeug aus dem Herstellungsjahr 1967  und mit satten 40PS versehen erwarb ich von einem Freund als Unfallfahrzeug mit lediglich verbogenen Stoßstangen und einem verbeulten Motorraumdeckel.  45,- DM kostete mich der Wagen, wobei 35,- DM dem vollen Tank galten. Das Auto selbst wurde mir zu einem Symbolpreis von 10,- DM übergeben.

Das Fahrzeug war schnell hergerichtet, und da wir Führerschein-Neulinge ganz besonders scharf auf´s Autofahren waren, verfuhr ich in der ersten Woche nach der Zulassung rund 800km innerhalb der Stadtgrenzen von Düsseldorf. Ich wollte die Stadt ganz kennen lernen, in der ich seit meiner Geburt wohnte.
Mein Käfer hatte sogar schon nichtautomatische Sicherheitsgurte. Die waren damals noch keine Pflicht, aber ich fühlte mich mit angelegtem Sicherheitsgurt stets wohler und sicherer, trotz vieler Bedenken meiner „sportlich“ denkenden Mitmenschen.

Eines Tages – es hatte ordentlich geschneit – wurde im Freundeskreis die Idee ausgesprochen, wir könnten hinaus in das Bergische Land fahren und uns einen großen Berghang zum Schlittenfahren suchen. Auf das Dach des VW-Käfers wurde ein Dachgepäckträger angebracht und die Schlitten darauf festgezurrt. Letztendlich fuhren wir mit 6 Personen im für 5 Personen zugelassenen und selbst dafür schon viel zu kleinen Käfer ins Bergische Land.

Wie das aber immer so ist, so sehr wir auch abseits von Bundes- und Landstrassen einen geeigneten Hang suchten, wir fanden keinen. Dafür waren wir inzwischen in Ortschaften vorgedrungen, die nie ein Mensch zuvor gesehen hatte, jedenfalls kam es uns so vor. Irgendwann landeten wir in einem unbekannten kleinen Ort mit ähnlich dem obigem Bild nicht geräumter Strasse, und kurzerhand luden wir die Schlitten ab und banden sie hintereinander an die Stoßstange des Käfers. Mit Gejohle fuhren wir mit fünf Schlitten und Personen in Reihe langsam durch den Ort, so dass die Bewohner auf die Strasse liefen und grinsend winkten, wenn wir an ihnen vorbei fuhren. Manchmal musste ich anhalten, weil einer der Schlitten aus dem Gefolge ausbrach und den Häusern oder den wenigen parkenden Autos verdächtig nahe kam – oder eine der winkenden Hausfrauen umzufahren drohte. Doch letztendlich ist nichts passiert. Wir hatten unseren Spaß, und auch die Bewohner schienen ihren Spaß gehabt zu haben.

Die Geschichte mag sich nun nach einer simplen Anekdote aus der „guten, alten Zeit“ der anfänglichen 80er Jahre anhören. Doch als ich über die Begebenheit nachdachte fiel mir jedoch eher auf, dass eine solche Aktion in einem bewohnten Ort heutzutage wohl kaum noch möglich wäre. Die Bewohner hätten nicht gewunken, sondern über diese Unvernunft geschimpft („was dabei alles passieren kann/nachher verkratzt ein Schlitten noch die Hauswand/das parkende Auto!“). Wahrscheinlich würde jemand umgehend die Polizei rufen. Die hätte dem illegalen Treiben gleich ein Ende gesetzt. Der Autofahrer würde wohl nicht nur über die Gefahren seines verantwortungslosen Treibens belehrt werden, sondern bekäme womöglich noch eine Anzeige wegen gefährlichen Eingriffs in den Strassenverkehr oder ähnlichem. Von den Schlittenfahrern wären die Personalien aufgenommen und die Eltern benachrichtigt worden, soweit sie unter einem Alter von 18 Jahren gewesen wären.

Vielleicht sehe ich das ja etwas zu streng, aber heutzutage würde ich mich nicht mehr trauen, mit einem Auto in einem abgelegenen Ort fünf Schlitten und Jugendliche in Reihe zu ziehen. Und das liegt sicher nicht an den möglichen Gefahren eines solchen Treibens, sondern an der in meinen Augen vielmehr abgenommenen Toleranz der Gesellschaft gegenüber solchen spontanen Aktionen. Vielleicht aber liegt es auch einfach an meinem Alter oder am Alter der Bundesrepublik – oder vielleicht auch daran, dass es keine marineblauen Käfer mehr für 10,-DM gibt…

Beide Bilder: Nesselsetzer CC BY-NC-SA 4.0 (zum Vergrößern anklicken)kaefer