Eigentlich dachte ich ja, dass meine Schreibunlust etwas mit fetten Bräten, Feiertagen und Urlaub zu tun hätte. Tatsächlich aber scheint die Ursache vielmehr darin zu liegen, dass sich in den täglichen Meldungen immer wieder der gleiche Unsinn in abgewandelter Form wiederholt. Nachzulesen bei den neuerlichen Luftblasen eines Ludwig Schick, seines Zeichens Erdbeerschorsch Erzbischof von Bamberg, mit seiner Aufforderung, statt einem öffentlichen „Coming out“ sich doch eher als Sünder zu bekennen und Buße zu tun. Womit Schick mal wieder in unerträglicher Weise nicht nur seine diskriminierende Homophobie offenbart, sondern auch noch seine Ignoranz gegenüber der zunehmend vernunftsbezogenen Zivilisierung der Menschheit zur Schau stellt. Offenbar hat er bisher nicht einmal mitbekommen, dass viele der angeblichen Sünder gar nicht mehr in dem Verein Kirche Mitglied sind und demzufolge im christlichen Sinne weder sündigen noch büßen. Da ist wieder einmal heftiges Kopfschütteln angesagt.

Doch damit nicht genug. Schick fordert in einem anderen öffentlichen Beitrag eindeutig den Vorrang der Familie, die in seinen Vorstellungen ausschliesslich aus Mann und Frau besteht. Er hat immer noch nicht gelernt, dass die Mann-Frau-Vorgabe überflüssiges Gedankengut ist und diese keinen der von Bischöfen gerne und häufig postulierten natürlichen Gesetzen folgt. Insofern ist von ihm immer wieder das diskriminierende übliche Geschwätz erzkonservativer Christenhardliner zu hören, das nicht einmal wert ist, die Augen zu verdrehen.  Glücklicherweise ist Bamberg jedoch nur ein fränkisches unbedeutendes Provinznest mit weniger als 72.000 Einwohnern. Viele in der deutschen Bevölkerung wissen nicht einmal, wo Bamberg überhaupt liegt. Und das sollte so bleiben. Echt jetzt.

In einem anderen Fall greift der  Physik- und Mathelehrers Michael Grün in einen Vortrag  zum Thema Wissenschaft und Religion ziemlich tief in die religiöse Klamotten- und Lügenkiste. So behauptet er doch allen Ernstes, dass die Mehrzahl der heutigen Physiker von der Existenz eines Schöpfers überzeugt seien. Nun ja, dem Pfarrgemeinderat von irgendeinem Nest im bayerischen Hinterland kann man solchen Blödsinn sicher erzählen ohne Widerspruch zu ernten. Tatsächlich ist diese Aussage völlig an den Haaren herbei gezogen. Nach einer weltweiten Erhebung glauben nämlich nur 2% aller Wissenschaftler an eine überirdische Existenz. Der Rest besteht aus Agnostikern und Atheisten. Eine etwas bessere Recherche hätte dem Gymnasiallehrer sicher gut zu Gesicht gestanden.
Gleichzeitig glänzt der religiöse Leerer Lehrer des Wissens noch mit zwei weiteren Aussagen, die eher seinem Wunschdenken als der Realität enstprechen. Kosmologen würden nämlich angesichts der Milliarden Sterne und Galaxien auf die Knie fallen „Wer Kosmologie betreibt, muss angesichts dessen ganz demütig werden“ (Quelle), und Quantenphysiker werfen sich gleich ganz in den Staub: „Hat die klassische Physik den Menschen hochmütig gemacht, macht die Quantenphysik ihn ganz demütig“ (Quelle).

Über soviel Demutsblödsinn musste ich laut lachen. Der Lehrer kann sich wohl kaum vorstellen, dass die meisten Wissenschaftler weder von der Größe des Universums noch von den bisher ungeklärten Zusammenhängen in der Quantenphysik sonderlich religiös beeindruckt sind. Warum auch, irgendwann wird man hinter diese Geheimnisse kommen. Den Unterschied zwischen Überwältigung beim Anblick schöner Sternenformationen und der idiotischen Demut hat der Lehrer irgendwie noch nicht raus. Kaum jemand wird automatisch demütig, nur weil er von Schönheit und Größe überwältigt sein könnte.
Ausserdem ist ehrfürchtiges Staunen in Verbindung mit Demut ausschliesslich etwas  für kleine Kinder vor dem Weihnachtsmann, manchmal halt auch für unbedarfte Religiöse oder Physiklehrer. Ansonsten aber ist die Demut, die nach Nietzsche in Verbindung mit Ehrfurcht aus Feigheit und Schwäche besteht, nichts weiter als  eine völlig überflüssige menschliche Regung und schon gar nichts für selbstbewusste erwachsene Menschen. Demut hat keinen Sinn, Demut hat keinen Zweck. Darüber hatte ich hier schon einmal geschrieben.
Zudem schiebt der Lehrer wie allgemein bei durchschnittsreligiösen Menschen üblich mit seinen Aussagen den Schöpfer in die Lücke der menschlichen Unkenntnis. Alleine schon die Motivation, bisher nicht verstandenen Stoff als Grundlage religiöser Gottesvermutungen heran zu ziehen ist so alt und plump, dass es nur noch so brummt. Dies nun bei der Quantenphysik zu versuchen ist genauso einfältig wie esoterische Quantenheilung. Hauptsache, es wird den Leuten etwas erzählt, worüber die sich mangels Fachkompetenz kein eigenes Bild machen können. Insofern finden sich immer ein paar Dumme, die von dem religiös-pseudowissenschaftlichen Geplapper beeindruckt sind.

In einer weiteren lästerlichen Fundsache machen kuriose Nebenwirkungen all denjenigen zu schaffen, die aufgrund eines Expertengutachtens über die „Pille danach“ mit den darin festgestellten geringen Nebenwirkungen nicht zurecht kommen. Insofern warnen Ärzte vor der Freigabe – wegen den Nebenwirkungen. Die finden sich allerdings nicht im Medikament, sondern im Ausschluss aus der Rezept- und Behandlungsabrechnung. Diese Nebenwirkungen scheint nicht nur der Präsident der Bundesärztekammer, sondern auch andere Ärzteverbände für extrem gefährlich zu halten.

Genauso gefährlich, diesmal allerdings eher für ihre eigene Wertevorstellung, empfinden die Hardliner in der Union, dass Menschen selbstbestimmt die Pille benutzen dürfen sollen. Als Grund geben sie ebenso Nebenwirkungen an. Auch diese sind hier nicht im Medikament, sondern ausschliesslich bei der CDU/CSU in christlich-konservativen Macht- und Werteverlusten. Die Armen.

Ähnlich ergeht es wohl auch den katholischen Bischöfen, die nach dem Krankenhausskandal um abgewiesene vergewaltigte Frauen nun wieder harte Kante zeigen und sich völlig gegen die Abgabe der „Pille danach“ aussprechen. Sie beziehen sich dabei auf eine über ein Jahr alte Stellungnahme, in der sie das „Töten von Embryos“ ablehnen. Dass die Pille das aber gar nicht macht, scheinen sie inzwischen wieder vergessen zu haben. Die sich dadurch einstellenden Nebenwirkungen sind sie inzwischen gewohnt. Die kommen nämlich in Form von Gesichtsverlust und Lächerlichkeit.

Witzig ist nur, dass in den meisten europäischen Ländern die Abgabe der „Pille danach“ längst rezeptfrei ist. Im christlich-geprägten Deutschland sind konservative Menschen jedoch in einer Mischung aus Anmaßung und Beschränktheit viel stärker darauf bedacht, andere Menschen zu bevormunden. Und von solchen scheint es hier noch eine Menge zu geben.

Siehe auch:
Die unsinnige und überflüssige Demut
Naturwissenschaft vs. Religion – der Unterschied und die selbstverschuldete Verdrängung (Teil 1)
Naturwissenschaft vs. Religion II – die Unvereinbarkeit und der Lückengott
Naturwissenschaft vs. Religion III – Die Unvereinbarkeit als Vorteil
Lästerliche Fundsachen
Lästerliche Fundsachen II
Lästerliche Fundsachen III
Gleiche Hilfe in allen Krankenhäusern – Rezeptfreiheit für die Pille danach
Was haben Theologen eigentlich im Gesundheitswesen verloren?
Meisners “Beruhigungspille danach” gegen den gesellschaftlichen Unmut