Von einigen der vielen christlichen Bischöfe sind wir ja häufige Aussagen über eine angebliche Widernatürlichkeit bestimmter evolutionärer Spielarten gewohnt, wenn deren Anerkennung in die Gesellschaft Einzug hält. Nach dem Verständnis der Moralhardliner widerspricht Homosexualität eindeutig angeblich natürlichen Gesetzen. Wo sie diese Regeln ablesen verraten sie jedoch nicht. Kein Wunder, denn es gibt keine Regeln in der Natur, an denen eine zu praktizierende Natürlichkeit bzw. Widernatürlichkeit abgelesen werden kann. Insofern hatte ich mich hier schon einmal über den Schwachsinn ausgelassen.
Gestern jedoch stolperte ich an ganz anderer Stelle über diesen Quatsch, nämlich in dem Blog“Der Aufschrei„. Dort schrieb der Autor Joern Petersen in seinem Artikel mit der Überschrift „Wider Mutter Natur“ über „social freezing„, also dem Einfrieren von Eizellen für eine spätere Schwangerschaft für Frauen um die 50. Dabei bezeichnet er die Anwendungen der neuen Technik für dieses Alter als „wider Mutter Natur„.

In seinem Artikel begründet er dies unter anderem damit, dass „Social freezing” (…) ein typisches Merkmal unserer Gesellschaft geworden (ist), sich immer alle Möglichkeiten offen zu halten„. (Quelle) Im Prinzip ist gegen diesen Satz ja nichts einzuwenden, er ist erst einmal wertneutral. Sich im Leben alle Möglichkeiten offen zu halten ist ja grundsätzlich nichts schlechtes. Im weiteren Kontext verleitet der Satz aber zum kritischen Hochziehen der Augenbrauen und erhält einen etwas merkwürdigen Beigeschmack. Da heisst es nämlich: „Kinder sind kein Gebrauchsgegenstand und jede Mutter sollte sich darüber im Klaren sein“.(Quelle)

„Achwas!“, möchte man über diese Selbstverständlichkeit sagen. Was das allerdings mit dem Offenhalten aller Möglichkeiten zu tun hat erschließt sich mir nicht. Also gar nicht. Nicht einmal ansatzweise schaffe ich die Verknüpfung zwischen der Offenhaltung und die Degradierung der aus diesen Möglichkeiten spätgeborenen Kinder zum Gebrauchsgegenstand. Inwiefern unterscheidet sich denn der Kinderwunsch in jungen Jahren vom Kinderwunsch mit 50? Der Autor erklärt diesen Unterschied nicht, sondern schreibt vielmehr allgemein vom Egoismus der Mutter. Abgesehen davon, dass der Egoismus des beteiligten Vaters gar nicht zur Sprache kommt erklärt er ebenso nicht den vermeintlichen Zusammenhang zwischen Egoismus und Degradierung des Kindes. Wenn es jedoch alleine danach ginge würden alle Mütter „Gebrauchsgegenstände“ gebären, die aufgrund egoistischer Gründe schwanger werden, sei es bspw. in finanzieller Hinsicht oder um den Vater als Versorger an die Familie zu binden.

Überhaupt ist der Schwangerschaftswunsch ja so gut wie nie ein hehres moralisches Ziel zur Vermehrung der Menschheit, sondern besteht immer aus egoistischen Gründen, und sei es aus dem Grund, Kinder aufwachsen zu sehen oder einfach eine Familie haben zu wollen. Wie egoistisch! Doch der Autor verliert sich noch weiter in merkwürdige Gedankenstrukturen, wenn er anschließend schreibt: „Auch mit 60 Jahren muss man körperlich dazu der Lage sein„. (Quelle)

Echt? Wer sagt denn das? Erinnert mich irgendwie an deutsche Volksgesundheit. Heisst das jetzt, dass chronisch kranke oder behinderte Frauen grundsätzlich keine Kinder bekommen sollten, schließlich sind die ja auch nicht uneingeschränkt körperlich dazu in der Lage, sich um ihre Kinder zu kümmern.
Und ausserdem stellt sich die Frage, aufgrund welcher Annahmen der Autor denn meint, dass Frauen mit 60 nicht mehr in der Lage seien, sich um ihre Kinder zu kümmern. Wenn jemand mit 60 noch wie heutzutage üblich voll im Berufsleben stehen kann, dann kann sie durchaus auch noch ein Kind aufziehen. Das zeigen nicht nur die vielen Grossmütter nach dem Krieg, bei denen die Enkel nach dem Verlust ihrer Eltern aufgewachsen sind, dass zeigen auch die wiederkehrenden politischen Wünsche nach einer Verschiebung des Rentenalters. Zudem frage ich mich, wieso es hierbei nur um die  körperliche Fähigkeit der Mütter geht. Was ist mit den Vätern? Sollten die mit 60 auch keine Kinder mehr zeugen, weil sie eventuell den Kinderwagen nicht mehr die Treppen hochtragen können oder aufgrund ihres Lebensstils möglicherweise verfrüht das Zeitliche segnen, während das Kind noch gar nicht ausgewachsen ist ?

Am Ende des Artikels setzt der Autor jedoch noch eins oben drauf:  „… doch Eizellen einfrieren, um mit 50 nochmal Mutter zu werden, halte ich für falsch. Die Natur hat sich hierbei schon etwas gedacht. Das sollte man sich immer vor Augen halten„. (Quelle)

Das ist jetzt aber völliger Blödsinn. Echt jetzt. Ich meine, man kann vieles für richtig oder falsch halten, das ist völlig ok. Nur was sich die Natur gedacht haben soll, erschließt sich mir nicht. Eine Frau mit 50 ist ja nicht automatisch schwangerschaftsunfähig, selbst wenn das Risiko höher wird. Die sogenannte Menopause stellt lediglich die Abgabe vorhandener Eizellen ein, und in dieser Zeit kann die Frau auch noch auf natürlichem Weg schwanger werden, auch wenn die Wahrscheinlichkeit dazu abfällt. Doch auch danach ist eine Frau noch schwangerschaftsfähig, auch wenn es durch die fehlenden Eizellen auf konventionellem Weg nicht mehr zu einer Schwangerschaft kommen kann und mit künstlicher Befruchtung sowie hormonell nachgeholfen werden muss. Im Tierreich nämlich ist eine solche vorzeitige Einstellung der Eizellenabgabe eher selten, und nicht einmal bei unseren nächsten Verwandten, den Menschenaffen, findet die Gebärfähigkeit ein vorzeitiges Ende. Insofern wird vielmehr vermutet, dass die Menopause beim Menschen keinen biologischen, sondern vielmehr einen kulturellen Hintergrund hat, der in der umstrittenen Großmutterhypothese seinen Ausdruck findet. Einen biologisch eindeutigen Grund gibt es bisher nicht.

Sicher ist unbestritten, dass späte Schwangerschaften ein höheres Risiko bedeuten. Die zu erwartende Menopause jedoch als Grund heran zu nehmen, die Schwangerschaft einer 50jährigen Frau als widernatürlich zu bezeichnen ist nicht nur völlig daneben, sondern auch nicht sonderlich weit weg von den homophoben Widernatürlichkeitsfantasien rückwärtsgewandter Bischöfe. Weder folgt die Evolution bestimmten Regeln noch denkt sie sich was dabei. Evolutionäre Entwicklungen sind stets das Ergebnis zufälliger Spielarten, die sich aus Vorteilsgründen durchgesetzt haben. Eine Widernatürlichkeit gibt es nicht. Deshalb ist es auch legitim, dieses evolutionäre Spiel bewusst zu spielen und die Möglichkeiten in unserem Sinne zu lenken, und dazu gehört auch die Schwangerschaft mit 50. Alles, was machbar ist kann auch gemacht werden, auch auf die Gefahr hin, dass es nicht immer gut ausgeht. Insofern ist die Möglichkeit „Kinderwunsch mit 50“ nur eine von vielen Möglichkeiten, die noch auf uns zukommen werden. Das aber als „wider Mutter Natur“ zu bezeichnen ist ziemlicher Quatsch. Echt jetzt.

Siehe auch:
Die Mär von dem natürlichen Gesetz