Zimtrinde – gemeinfrei

Seit mehreren Jahren werde ich bei Freunden in der Adventszeit zu einem „Zimtzickenessen“ eingeladen, bei dem traditionell eine mit einer Mischung aus Zimt und Schmalz eingeriebene und im Backofen zubereitete Pute serviert wird. Der Gastgeber hat diese Pute hin und wieder als Zimtzicke bezeichnet und ich meine mich erinnern zu können, dass er irgendwann erwähnt hatte, das ursprüngliche Wort „Zimtzicke“ sei aus einem solchen Gericht hergeleitet. Doch der Zusammenhang zwischen Zimtzicke und Zimtpute hat sich mir nie erschlossen, zumal die heutige Form des Wortes eine völlig andere Bedeutung hat und mit Essbarem im Prinzip nicht in Verbindung gebracht wird.

Das von meinen Freunden zubereitete und äußerst schmackhafte Putengericht ist demzufolge nicht in irgendeiner erkennbaren Weise mit der urspünglichen Zimtzicke verwandt. Die „Zicke“ stammt nämlich tatsächlich ausschließlich von der Ziege ab. Eine Verbindung zu der Gattung der Truthühner war auch nach langem Suchen im gesamten Internet nicht zu finden, nicht einmal kulinarisch (es gibt aber verschiedene Formen der (Ziegen-)Käsezubereitung mit Zimt und anderen Zutaten, welche hier und dort „Zimt-Zicke“ genannt wird, aber das scheint eher eine moderne Neuerfindung zu sein). Auch gibt es keinen mit Zimt gewürzten Ziegenbraten, wie man aufgrund des zusammengesetzten Wortes noch am ehesten hätte vermuten können.

Selbst das Wort „Zimt“ in der Zimtzicke hat mit dem Gewürz nur indirekt zu tun und in diesem Zusammenhang eine ganz andere Bedeutung. Zimt stand in der rotwelschen Sprache, also in der Sprache der Bettler und Vaganten ab dem 17. Jahrhundert, für Geld oder Gold. Das Gewürz Zimt war nämlich in früheren Zeiten zeitweise eines der teuersten Gewürze, und das konnten sich im Prinzip ausschliesslich gut betuchte Menschen leisten. Demzufolge wurden reiche Frauen aus diesem Milieu, wenn sie ihren Status offen zur Schau trugen und sich dabei verwöhnt-arrogant bis „zickig“ verhielten, abfällig als „Zimtzicke“ bezeichnet, also als ein Zicke, die viel „Zimt“ besitzt. Heutzutage wäre in etwa die Bezeichnung gleichbedeutend mit einer „Geldziege“.

Doch auch wenn die Bedeutung des Wortes Zimt – ausserhalb seiner Benennung als Gewürz – sich genauso weiterentwickelt hat wie das Wort Zimtzicke selbst und in seiner ursprünglichen Bedeutung so nicht mehr existiert, muss natürlich die Benennung der Zimtpute als „Zimtzicke“ lediglich als Spaßbenennung angesehen werden und hat keinerlei historische Verbindung zum zubereiteten Tier. Doch das soll niemanden davon abhalten, zu einem Zimtzickenessen einzuladen. Denn trotz der sprachlichen Verwirrung hatten wir an dem Zimtputenessen unsere große Freude, und ich freue mich bereits auf das nächste Mal. Außerdem ist es der Pute in diesem Zustand nun wirklich völlig egal, wie sie genannt wird.😉

ZimtputeBild: Nesselsetzer CC BY-NC-SA 3.0 (zum Vergrößern anklicken)