Vor einiger Zeit gab es eine Klage vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof, mit dem ein Kläger die Annullierung der Taufe seiner Tochter erreichen wollte. Die Klage wurde in zwei Instanzen abgewiesen, wobei es formal sicher spannend gewesen wäre, wenn der Klage stattgegeben worden wäre.  Jedenfalls könne eine katholische Taufe nicht von Staats wegen annulliert werden, hieß es, schließlich würde es sich hierbei um innerkirchliche Angelegenheiten handeln. Innerhalb der Kirche jedoch können einmal vollzogene göttliche Sakramente nicht mehr aufgehoben werden. Niemals! Also fast niemals! Na ja, mit wenigen Ausnahmen niemals. Aber sonst gar nicht! Ganz ehrlich!

Doch wieso eigentlich nicht? Nach Wikipedia ist ein Sakrament ein“ Ritus, der als sichtbares Zeichen beziehungsweise als sichtbare Handlung eine unsichtbare Wirklichkeit Gottes vergegenwärtigt und an ihr teilhaben lässt“ (Quelle). Mit anderen Worten heisst das also vereinfacht, dass angeblich Gott selbst die Handlung vollzogen hat, während der Priester seinen sichtbaren Teil dazu beiträgt. Insofern stellt sich doch gleich die Frage, wieso ein Gott die Aufhebung eines Sakraments nicht vollziehen können sollte. Es gäbe für ihn keinen Grund. Der liegt ausschließlich im Unwillen der Kirche selbst.

Die römisch-katholische Kirche kennt sieben solcher Sakramente, zu der neben der Taufe und einigen anderen auch die Ehe gehört. Alle gelten als unauflöslich und nicht annullierbar. Fast alle. Bei der Ehe nämlich macht die Kirche hin und wieder eine Ausnahme, und das macht sie mit einem lustigen Trick und einem riesigen Ausnahmeregelwerk. Hier werden mit einem kirchenrechtlichen Verfahren die „richtigen“ Voraussetzungen für die Ehe rückwirkend für fehlend erklärt. Wobei die Kirche voraussetzt, sie wüsste, was eine richtige Ehe sei, welche dann angeblich nie stattgefunden hat und demzufolge rückwirkend annulliert wird. Klingt komisch, ist es auch. Dieser Trick ist jedoch nötig, um sowohl das angeblich göttliche und ewige Sakrament als auch die von der Kirche selbst als Gegenreaktion auf Luther dogmatisierte Unauflöslichkeit der Ehe formal umgehen zu können. Ganz schön trickreich. Im Nachhinein bestimmt die Kirche also darüber, ob ihr Gott bei der Hochzeit gar nicht zugegen war und das Sakrament vollzogen hat. Toller Trick.

Lustiger wird es noch bei den fehlenden Voraussetzungen. Um dieselben für eine Annullierung bestätigen zu können wird ein kirchliches Gericht bemüht, das Offizialat. Das Verfahren kann lange bis ewig dauern. Kein Wunder bei dem Regelwerk. Zudem wird die Anerkennung der Gründe beim gläubigen Fußvolk wesentlich strenger gehandhabt als etwa bei dem nicht mehr existierenden Adel. Denen wird mit zahlreichen Konstruktionen von Annullierungsgründen phantasievoll zur Seite gestanden, denn adlige Häuser haben dafür sogar eine eigene Anlaufstelle in Rom. Damalige Herrscherhäuser dürften auch spekulativ der historische Grund für das kirchenrechtlich ausufernde Ausnahmeregelwerk zur Umgehung des Ehedogmatismus sein (weiss jemand etwas über die Geschichte der Eheannullierung?) Insofern macht der päpstliche Gerichtshof demzufolge auch heute noch gern eine Ausnahme und annulliert wunschgemäß adelige  Ehen.

Solche trickreichen Ausnahmen gibt es bei den anderen Sakramenten natürlich nicht. Weder ist eine Annullierung der Taufe noch weiterer Sakramente möglich. Auch nicht im Hinblick darauf, dass die Voraussetzungen für die Erteilung eines Taufsakraments möglicherweise gar nicht vorhanden waren.  Da könnte ja jeder kommen!

Was jedoch macht nun ein Getaufter, der sich nach dem Kirchenaustritt seiner Taufe auch rituell wieder entledigen will? Dafür gibt es inzwischen bei verschiedenen humanistischen oder atheistischen Organisationen Enttaufungsrituale. Das kirchliche Taufsakrament wird mit einem weiteren übergeordneten Ritual für ungültig erklärt und der Mensch damit formell in einen gott- und christenlosen Zustand übernommen. Natürlich wird dieses Ritual von der Kirche nicht anerkannt – aber wen interessiert das schon?
Jeder kann sich auch selbst enttaufen, bspw. indem er den Taufschein im Stammbuch durchstreicht, in fetten Buchstaben „ungültig“ darauf schreibt oder druckt und die Taufe somit für ungültig erklärt. Er kann den Schein auch einfach wegwerfen. Vorsicht jedoch, denn manchmal hängt auch noch die Geburtsurkunde dran. Das Sakrament der Taufe geht jedenfalls mit solchen Ritualen wunschgemäß in einen wertlosen Zustand über.

Für andere der kirchlichen Renegaten gilt im Prinzip das Gleiche – ohne Rituale. Mit dem Austritt aus der Kirche sind christliche Riten und Sakramente nichts weiter als übliches Brimborium religiöser Gemeinschaften. Für den Ausgetretenen ist die Taufe demzufolge völlig banal und belanglos. Die Wertigkeit derselben bewegt sich etwa auf der Wichtigkeitsstufe der aus romantischen Gründen kirchlich verheirateten Paare, denen bei der Scheidung das Sakrament der unauflöslichen Ehe völlig egal ist und diese Regel eher für rückständig halten – was sie letztendlich auch ist.

Mit dem Verlassen der Kirche ist demzufolge jede Konsequenz aus deren Handlungen und Riten auch emotional hinfällig und ohne Bedeutung. Das gilt für alle vollzogenen Rituale wie Sakramente, Weihen und Segnungen. Sie verlieren alle ausnahmslos ihre Gültigkeit – und mit ihnen auch die Taufe. Mit dem Verlassen der christlichen Glaubensgemeinschaft sind für den Ausgetretenen alle der Kirche zueigenen christlichen Riten, Lehren und Bekenntnisse absolut wertlos, auch wenn die Kirche selbst das immer noch anders sehen möchte. Aber das ist alleine ihr Problem.

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