Manche Dinge sind so blödsinnig, dass man geneigt ist in die Tischplatte des eigenen stabilen Schreibtisches zu beissen. Nein, echt jetzt. Da forderte doch tatsächlich ein Teilnehmer eines angeblichen „theologischen Salons“ in Lampertheim, einem 31.000 Einwohner-Nest im südlichen Hessen, dass der Austritt aus der Kirche erschwert werden müsse. Das ist ja in sektiererischen Kirchenkreisen nicht sonderlich ungewöhnlich, zumal manche zurückgebliebene Christen in den Gemeinden zurückgebliebene Christen sich vermehrt fundamentalistischen Strukturen zuwenden. Da solche Leute ja auch immer wissen, was für andere richtig ist, wissen sie auch, dass Gott die heilige Kirche auch von anderen nicht einfach so links liegen gelassen werden darf.

Insofern gaben sich die christlichen Möchtegerninquisatoren Teilnehmer des „theologischen Salons“ so manchen kruden Fantasien hin. Die anwesende Pfarrerin Sauerwein von der Ev. Lukasgemeinde im selben Ort bemängelte nicht nur die fehlende Handhabe gegenüber den davongelaufenen Schäfchen beim zu späten Eintreffen der Austrittsmitteilung des Amtsgerichts. „Dass ein Austritt jedem so einfach gemacht werde, kritisierte Sauerwein (ebenso). Wenn jeder Austrittswillige dies in der Kirche vor der versammelten Gemeinde kundtun müsse, würde dies eine wesentlich höhere Hemmschwelle bedeuten. Und man müsse die Namen der Ausgetretenen veröffentlichen dürfen, schlug ein anderer Teilnehmer vor.“ (Quelle)

Nun ist aus dem schlecht formulierten Text nicht ersichtlich, ob die Pfarrerin oder der ungenannte Teilnehmer die Forderung nach einer öffentlichen Austrittsverkündung durch den Austrittswilligen selbst gestellt hatte. Das spielt in diesem Falle allerdings eher eine untergeordnete Rolle. Es bleibt jedoch mit Blick auf das Zitat die Frage, warum die Forderung nach einer hohen Hemmschwelle nicht gleich entsprechend der christlichen Tradition gestaltet wird. So wäre es doch sicher für eine evangelische Gemeinde nicht nur eine tolle Sache und eine enorme sonntägliche Spaßststeigerung, wenn die ausgeprägte sadistisch-lustvolle Leidenskultur dahingehend auf Austrittswillige angewendet werden kann, indem diese nicht nur mit der öffentlichen Austrittserklärung im sonntäglichen Gottesdienst gedemütigt werden, sondern sie dies auch noch nackt tun müssten. Das erhöht die Austrittshemmschwelle garantiert um ein nicht unerhebliches Maß.
Vielleicht könnte man noch glühenden Kohlen dazu nehmen, auf welche die Delinquenten bei ihrer Erklärung stehen müssten. Auch das verfeinert die Entscheidungsfindung zum Verbleib in der christlichen Kirche enorm. Ganz sicher! Und ich wette, dass mit dem zusätzlichen Auspeitschen des Möchtegernabtrünnigen durch ein paar gestandene Gemeindemitglieder der persönliche Austrittswille des Möchtegernaustreters sicherlich noch weiter gesenkt wird. Wetten, dass der gegen Null geht?

Man kann jedoch die Hemmschwelle noch weiter erhöhen. Es gilt nämlich als ziemlich sicher, dass ausreichende Argumente für einen treuen Verbleib in der christlich-liebenden und wahrhaftigen evangelischen Gemeinde in dem brennenden Scheiterhaufen vor der Kirchentür zu finden ist, auf dem die Austrittswilligen dann nach der sonntäglichen Austrittsverkündigung vor der nächstenliebenden Gemeinde geschmort werden – natürlich bevor sie dann tatsächlich austreten können. Da werden garantiert nicht sonderlich viele den Wunsch verspüren, den warmheimligen Kreis der evangelischen Kirchengemeinde zu verlassen. Die Hemmschwelle ist dann sicher hoch genug. Für den letzten Rest der Unsicherheit müssen deshalb noch die Namen veröffentlicht werden, damit die christliche Gemeinde die Familien der Abtrünnigen verbrennen kann, falls sich die Delinquenten bisher trotz allem stur gestellt haben. Das läßt den letzten Rest des Widerstandes gegen die liebende Kirchengemeinde sterben. Garantiert!

Jedenfalls scheinen sich in der Veranstaltung, die sich hochtrabend „theologischer Salon“ nennt, die tiefsten sadistischen Sehnsüchte evangelikaler Gruppen nach einem öffentlichen Pranger für Abtrünnige zu offenbaren, während das Christentum jedoch genau im Hinblick auf solche geschichtlichen Auswüchse zu Recht immer weiter im Sumpf der Belanglosigkeit versinkt. Manche lassen deshalb in ihren kruden Äußerungen bereits den Nährboden für eine zukünftige fundamentalistische Anmaßung erkennen. Von dort ist es nur ein kleiner Sprung zu der Gewalt, mit welcher der Niedergang des Christentums und somit der persönliche Niedergang mancher Christen aufgehalten werden soll. Insofern ist die Bezeichnung der illustren Veranstaltung als „theologischer Salon“ ziemlich weit hergeholt, wenn nicht gar völlig verfehlt. Eher würde hier die Bezeichnung „evangelikaler Inquisitionsstall“ passen.

Siehe auch:
Gewalt(ige) Rückständigkeiten

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