Traditionelle chinesische Quacksalbermedizin – gemeinfrei

Der Autor des  Blogs „gnaddrig ad libitum“ hat mich mit diesem Artikel über den künstlich hergestellten Zusammenhang bei Konsumartikeln zwischen angeblich traditioneller Qualität und vermeintlich alter Schreibweise in Werbetexten an einen unvollendeten Text erinnert, der schon länger in meinem Blogspeicher „herumlungert“. Es geht um das häufig zitierte „uralte Wissen“ welches mir manchmal in Verbindung mit vermeintlich spirituellen Urwahrheiten begegnet. Diese Vorstellung einer angeblich schon längst erkannten Weisheit ominöser spiritueller Urväter ist jedoch nichts weiter als postreligiöser Unsinn und demzufolge auch nicht weiter erwähnenswert. Häufig jedoch taucht die Bezeichnung auch zu allerlei anderen esoterischen Vorgängen auf, wie etwa bei alternativen Heilmethoden oder ganzheitlichen Lebensweisheiten.

Der Zusammenhang zwischen uraltem traditionsreichem Wissen und der damit untermauerten Glaubwürdigkeit nutzloser Heilverfahren scheint trotz der Häufigkeit bisher jedoch noch lange nicht überdehnt. Insofern lassen sich immer noch mit dem Hinweis auf bisher verschollenes und neuentdecktes altes Wissen unzählige esoterische, alternativmedizinische und ganzheitliche Behandlungsmethoden sowie energetische Lebens- und Wellnessweisheiten bestens verkaufen. Den Kunden scheint die statistisch eher unmögliche Vielzahl der alten frisch entdeckten Weisheiten in unzähligen alten Büchern und Kulturen gar nicht aufzufallen. Hauptsache, es hört sich irgendwie nach alt und weise an.

Das angeblich wiederentdeckte uralte Wissen hat – völlig unabhängig in welcher Thematik – jedoch keinen weiteren Sinn als den Reiz des Dummen, sich als Wissender klüger zu fühlen als alle anderen und gleichzeitig an einem elitären Urwissen teilhaben zu dürfen. Zusätzlich bestätigt der Glaube an solches Wissen die Vorstellung, dass die Welt nur aus Lug und Betrug besteht und die offiziellen Stellen den Menschen bewusst unterdücken und „klein halten“. Dumm nur, dass solch wiederentdecktes Wissen sich stets entweder als plumpe Neuerfindung oder als alten Schwachsinn entpuppt, der zurecht in Vergessenheit geraten ist. Und komisch an der Sache ist auch, dass das angebliche wertvolle Wissen nie von Archäologen oder Historikern präsentiert wird, sondern immer von irgendwelchen esoterischen Quacksalbern, die zudem nicht nur durch fachliche Ahnungslosigkeit glänzen, sondern auch noch unverblümt und ohne rot zu werden pseudowissenschaftlichen Unsinn verbreiten.

So reicht es für solche Uraltwissenssüchtigen schon, dass sich irgendwelche medizinisch völlig ahnungslosen Kleinstvölker weitab unserer Zivilisation und „hoch oben im Himalaja“ (irgend etwas fernöstliches muss es ja sein) mit Heilpflanzen beschäftigen, um deren halbgaren Erfahrungen als „altes Wissen der Schamanen“ in die esoterisch-alternative Scheinwelt des ausgeprägten Schwachsinns eingehen zu lassen. Natürlich darf der Hinweis nicht fehlen, dass dieses Wissen besonders wertvoll für die westliche Schulmedizin wäre, wenn die denn nicht so stur wäre und das Wissen annehmen würde.

Doch es geht noch weitaus abwegiger, denn auch im banalen Räuchern kann uraltes Wissen stecken. Ja wirklich, echt jetzt. Der „Zauber“ von qualmendem Lagerfeuer, bei dem jeder normale Mensch dank gereizter Atemwege hustend das Weite sucht, wird hier mit ausgewählten Zweigen und diversen Hölzern bedeutungsschwanger verklärt und verräuchert. Doch Qualm ist Qualm, auch wenn derselbe als Bestandteil der chinesischen, ayurvedischen und tibetischen Medizin postuliert wird. Da spielt es keine Rolle, dass die Rauchbelastung der Lunge beim ayurvedisch qualmenden Lagerfeuer höher ausfällt als beim Rauchen einer ganzen Schachtel Zigaretten. Es ist einfach gesund aufgrund uralten Wissens!

Nur komisch, dass bisher noch niemand auf die Idee gekommen ist, das inhalierende Rauchen von getrockneten Blättern einheimischer Pflanzen –  auch Tabak genannt – durch dieselben Schamanen als uraltes Wissen zu bezeichnen. Passt wohl irgendwie nicht so in den Zeitgeist des  nichtrauchenden Lasterabstinenzlers. Aber immerhin kann man die gleiche Dosis schlechte Luft am knisternden Lagerfeuer ohne schlechtes Gewissen inhalieren, und niemand wird am Abend den zufriedenen Qualminhalierer mit den Worten empfangen: „Du hast schon wieder geraucht!“

Zum uralten Wissen gehört es ja auch, dass der Körper horizontal in der Urform aller Bewegungsabläufe in der Natur schwingt. Nein, ich bin nicht bescheuert, das steht da wirklich so. Nun ist in der ominösen traditionellen chinesischen Medizin (TCM) mit ihren zahlreichen unergründlichen Tiefen esoterischer Verdummungsriten ja alles angeblich uralt. Doch leider ist das völlig falsch. Wie man nicht nur bei Wikipedia, sondern auch in einem Interview mit Paul U. Unschuld, dem Direktor des Berliner Horst-Görtz-Stiftungsinstituts für Theorie, Geschichte und Ethik Chinesischer Lebenswissenschaften, bei SpOn nachlesen kann, wurde die TCM in den 50er und 60er Jahren am grünen Tisch entworfen. Akupunktur, Naturarzneien und Qigong haben mit den Ursprüngen der TCM wenig zu tun und füttern lediglich die Sehnsüchte und Hoffnungen von Schulmedizinskeptikern. Schlimmer noch, dass die Zukunft der neuen TCM nach Angaben der Chinesen zum Entsetzen westlicher Uraltwissensfanatiker in der Molekularbiologie liegt. Insofern sind auch Akupunktur und Yoga keine Wiederentdeckung von uraltem und geheimverschollenem Wissen. Das gymnastische Yoga wurde nach Angaben einer Spiegelprintausgabe von europäischen Turnern und Bodybuildern entwickelt, wie die GWUP schreibt. Der entsprechende Eintrag bei Wikipedia ist demzufolge eher nichtssagend bis falsch.

Doch das uralte und angeblich neu entdeckte Wissen muss auch für anderen esoterischen Unsinn wie die Geomantie herhalten. So wird in einer österreichischen Häuslebauerzeitung mit Hinweis auf uraltes Wissen allen Ernstes unter „Lage des Grundstücks“ von der wissenschaftlichen Nachweisbarkeit energetischer Feldlinien mit Kristallen, Steinwerkzeugen, Raum- und Erdakupunktur gefaselt – natürlich in Verbindung mit einer „archaischen Geomantie“. Das ist schon so ein horrender Blödsinn, dass es nur noch so brummt. Keine Frage also, dass entsprechende Versuche in doppelverblindeten Studien durchweg negativ ausfielen. Was Blödsinn ist, wird auch immer Blödsinn bleiben, auch wenn es noch so uralt sein soll.

Noch sorgloser mit dem Umgang der Uraltwissensangabe waren die Autoren des Hexenkalenders von 2009, wie cimddwc im Blog schreibt. Aufgrund des angeblich uralten Wissens von Heilung und Weisheit wurde in der Rubrik „Hexenapotheke“ doch tatsächlich vorgeschlagen, kratzende Pullover und Strickjacken für kurze Zeit in die Tiefkühltruhe zu legen. Seit diesem Tag ist eine Gruppe von Esoterikern in diversen Höhlen und Kellern auf der Suche nach dem weisen Buch, in dem das uralte Wissen über Tiefkühltruhen verborgen ist. Bisher hat es noch niemand gefunden, aber ich könnte fast darauf wetten, dass das auch noch jemand findet…