gelbe und rote Karte
gemeinfrei

Bei Günther Jauchs Spielshow, deren Name mir wieder entfallen ist (ach ja: wer wird Tausendsassa – oder so) konnte doch tatsächlich ein Sportjournalist die Frage nach einem bestimmten Fussballspiel nicht herunterbeten. Welch Frevel aber auch. Kein Wunder also, dass diverse Zeitschriften Spott und Häme gleich tonnenweise über den Mann auskübelten (bei eigenen Fehlern schweigen sie lieber…). In SpOn konnte ich demzufolge nachlesen, dass der Mann dann auch noch die Frechheit besaß, mit „Ach Gottchen, Leute. Dieses Gekicke“ den heiligen Gral des deutschen Sports in die Gosse zu treten. Da kocht selbstverständlich der deutsche Volksseeler mit Volksseele in Form von Zeitungsartikeln hoch, in denen Qualitätsjournalismus nicht mal mehr mit der Lupe zu finden ist.

Allerdings finde ich persönlich die Unwissenheit des Mannes gar nicht tragisch. Fußball interessiert mich nämlich nicht. Also jedenfalls weitaus weniger als den Sportjournalisten. Sozusagen gar nicht. Sport ist sowieso Mord. In meinem sportbegeisterten Umfeld ist das inzwischen akzeptiert.

Doch schlimmerweise fehlen mir noch mehr von diesen durchschnittlichen Interesse-Selbstverständlichkeiten aus dem kulturellen Gesamtkomplex, ohne das ein deutsches Leben sinnentleert zu sein scheint. Eine davon ist, dass ich kein Fernsehgerät besitze (insofern musste ich für diesen Artikel auf SpOn zurückgreifen). Regelmäßig werde ich in meinem Umfeld ob einer Offenbarung des fernsehlosen Zustandes entgeistert angeschaut und gefragt, wie ich es denn ohne tägliche Bilderflut überhaupt aushalten könnte und was mir dabei doch alles entgehen würde. Viele scheinen sich ein Leben ohne Dauerberieselung überhaupt nicht mehr vorstellen zu können. Allerdings bekomme ich ob der Tatsache zumindest hin und wieder auch mal Zuspruch oder Verständnis signalisiert, aber das ist schon äußerst selten.

Es geht jedoch noch schlimmer. Ich brauchte vor längerer Zeit dringend ein älteres Auto, welches ein paar Jahre halten und nicht zu viel kosten sollte. Ein Automatikgetriebe sollte das Fahrzeug haben, weil ich bis dato genug Schaltwagen gefahren hatte und die Schalterei lästig ist. Ausserdem sind Schaltwagen rückständig, schliesslich kommuniziert ja auch niemand mehr mit Rauchzeichen seit es Telefone gibt. Wer also fährt noch Schaltwagen außer ältere Leute, die das schon immer so gemacht haben und sich nicht mehr an etwas Anderes gewöhnen wollen?

Doch mit dem Kauf des Fahrzeuges trat ich gleich doppelt in die kulturellen Fettnäpfchen. Nach der Probefahrt und der Kaufzusage wusste ich später auf die Frage meiner Mitmenschen keine Antwort, was für ein Auto ich überhaupt gekauft hatte. Irgendwie war mir das völlig egal, und ich stammelte demzufolge irgend etwas von Ford oder Opel oder keine Ahnung. Die Frage nach dem Fahrzeugtyp konnte ich schon gar nicht beantworten. Mich hatte lediglich interessiert, ob ich mich in dem Fahrzeug wohlfühle und dieses angenehm fährt.

Meine Mitmenschen schauten mich völlig entgeistert an, manchen fiel fast das Essen wieder aus dem kauenden Gesicht und manch einer schlug die Hände entrüstet über dem Kopf zusammen oder gleich vor die Augen. Meine zaghafte Ausrede, dass ich ja auch nicht auf die Marke des Toilettenpapiers bei dessen Benutzung achten würde hatte nur Augenverdrehen und die Frage zur Folge, wie ich es denn wagen könnte, der Deutschen liebste hochglanzpolierte Statusanzeige und rostschutzlackierte Potenzhilfe mit weihnachtsbaumähnlich vorausstrahlender Jetztkommichanzeige tatsächlich so mir nichts dir nichts und völlig blasphemisch mit banalem Toilettenpapier zu vergleichen. Ich schwieg, denn ich spürte, ich hatte mich in die Nesseln gesetzt.

Nachdem dann nach einer Weile der Blutdruck meiner Mitmenschen wieder auf ein für ihr Herz ungefährliches Maß reduziert schien wollte ich das Gespräch wieder in Gang bringen. Doch manche schlugen gleich wieder die Hände vor das Gesicht, als ich dann noch stolz von dem Automatikgetriebe erzählte. „Opa-Auto“ hiess es da, und ob ich nicht wüsste, was sportliches Fahren sei. Äh … nein, ich bin ja schliesslich nicht auf der Rennbahn, jedenfalls denke ich das, oder…?