gemeinfreier Schatten der Vergangenheit

Das Goethe-Institut fragte in seiner deutsch-tschechischen Online-Ausgabe já du im Hinblick auf den Verlust der Urheberrechte des bayerischen Freistaats an Hitlers Schwarte „Mein Kampf“ aktuell nach, ob denn ein Buch überhaupt gefährlich sein könne. In dem Artikel wird das Für und Wider einer Veröffentlichung diskutiert, und verständlichweise sind Überlebende des Holocausts über die Ankündigung einer Neuveröffentlichung des Buches entrüstet. Das ist durchaus verständlich, denn das krude Sammelsurium psychopathischer Absonderlichkeiten enthält immerhin Verschwörungstheorien, für die im Dritten Reich unzählige Menschen ihr Leben lassen mussten und auf barbarische Weise vernichtet wurden.

Zusätzlich hat die Verhinderung der Veröffentlichung des Buches durch den Freistaat Bayern in Verbindung mit dem Gerücht, der Besitz des Buches sei strafbar dazu geführt, dass die Neugierde auf den niedergeschriebenen Schwachsinn größer ist als der Inhalt tatsächlich her gibt. Daran ändert auch nichts, dass das psychopathische Werk im Internet längst einsehbar ist. Dort ist es sogar in mehreren Sprachen zu finden. In der Bundesrepublik jedoch ist das Buch entgegen einem nicht tot zu kriegendem Gerücht keineswegs verboten. Bereits 1979 machte der Bundesgerichtshof in einem Urteil deutlich, dass weder der Besitz noch die Verbreitung des Buches, bspw. in Antiquariaten, strafbar sei. Der Freistaat Bayern hatte lediglich als Inhaber des Urheberrechts keiner Neuauflage mehr zugestimmt. Bis heute ist jedoch nicht klar, ob die Entscheidung gegen eine Neuauflage des Buches richtig war und welche Auswirkungen der Verlust der Urheberrechte und der Verfügungsgewalt über das Buch nun haben werden.

In Bezug auf den Inhalt des Buches erinnere ich mich daran, dass mir die olle Kampf-Schwarte in präinterneten Zeiten einmal in die Hände fiel. Ich weiss noch von der Begebenheit, in der klar wurde, dass der Inhalt des Buches trotz seiner historischen Brisanz selbst für geschichtlich Interessierte eher eine Zumutung als ein Einblick in die Gedankenwelt eines der größten Spinner aller Zeiten ist.
Ein älterer Freund nämlich, Jurist und Mitgestalter diverser Kommentare zum Bundesentschädigungsgesetz, war bereits in den 70er Jahren auch aus genannten beruflichen Gründen Inhaber einen eigenen kleinen, aber gutbestückten Bibliothek, die einen ganzen Raum in der Größe eines durchschnittlichen Wohnzimmers für sich alleine beanspruchte. In den damals internetlosen Zeiten war diese Bibliothek für mich deshalb neben der Stadtbücherei ein beliebter Ort, um nach Wissen zu suchen, zumal als Freund und konsequenter Buchzurückbringer das Ausleihen diverser Bücher bei dem Juristen unproblematisch war. Demzufolge war gerade diese Bibliothek mit ihrem aktuell gehaltenen Bestand an neu erschienenen Werken nicht nur über das Dritte Reich spannend.

Im Zuge meines eigenen Interesses für diese Epoche und ihren barbarischen Auswirkungen fand ich demzufolge in der Bibliothek in der Nähe von Fests Hitlerbiografie eine guterhaltene Ausgabe von Hitlers „Mein Kampf“. Auf die Frage, ob das Buch denn geschichtlich was bringen würde meinte der Jurist lachend, dass das Buch völlig unlesbar sei; der Schreibstil sei grausam und der Inhalt völlig uninteressant. Im Dritten Reich hätten es jeder im Schrank stehen gehabt, zumal es bei Hochzeiten stets als Beigabe übergeben wurde, aber die meisten hätten es nie gelesen. Allenfalls für Historiker oder für Psychologen hätte es einen gewissen Wert, aber selbst diese Berufsgruppen hätten ihre diversen Schwierigkeiten, ob des Geschwafels das Buch überhaupt zu Ende zu lesen. „Weiter als bis zur Seite 10  kommen Sie nicht“, meinte demzufolge der Jurist zu der Frage, ob ich mir das Buch ausleihen dürfte.

(Anm.: 2006 wurde in dem Buch von Othmar Plöckinger „Geschichte eines Buches“ dem Gerücht widersprochen, dass Hitlers „Mein Kampf“ tatsächlich wenig gelesen wurde. Allerdings sind in den Rezensionen nicht alle davon überzeugt, dass dieser Widerspruch Plöckingers auch von ihm gut belegt ist.
Zumindest jedoch war Winston Churchill in seinem Werk „The Second World War“ der Ansicht, dass kein Buch ein sorgfältigeres Studium von Seiten alliierter Politiker und Militärs verdient gehabt hätte als „Mein Kampf“. Churchill nannte das Buch „einen neuen Koran des Glaubens und des Krieges: schwülstig, langatmig, formlos, aber schwanger mit seiner Botschaft“ Quelle
).

Der Jurist sollte dennoch recht behalten. Natürlich hatte ich mir gerade wegen seiner Vorhersage vorgenommen, das ganze Buch zu lesen. Tatsächlich schaffte ich es auch über die von ihm angegebenen zehn Seiten hinaus, aber nach der ichweissnichtwievielten göttlichen Vorsehung im Text, auf die Hitler sich ständig mit schmalzig-pathetischem Geschwafel berief und damit jeglichen verrückten Gedankengang und jede idiotische Verschwörungstheorie rechtfertigte, klappte ich das Buch genervt zu und gab es dem Juristen wieder zurück. Immerhin aber hatte ich es bis zur Seite 24 geschafft…