David Hilbert 1886
gemeinfrei

Irgendwie mag ich Mathematiker. Ich habe zwar nicht viele kennengelernt, aber die zwei, die ich damals persönlich kennenlernen durfte waren recht offen und mitteilsam und hatten eine recht pragmatische Einstellung zum Leben.  Heute lese ich bei zwei weiteren entweder regelmäßig im Blog oder schaue mir Vorlesungsvideos an. Letzteres mache ich, wenn ich wieder einmal ein wenig Nachholbedarf in Sachen „Mathematische Grundlagen“ habe. Beide Seitenbetreiber sind ebenso offen und mitteilsam, und vielleicht führt ja die Liebe zur Mathematik ganz von selbst zu ähnlichen Lebenseinstellungen.
Ein fünfter Mathematiker hat nun per Zufall meine Aufmerksamkeit erregt, obwohl ich keine Gelegenheit haben werde, ihn persönlich oder virtuell kennenlernen zu können. Der Gute ist nämlich schon seit einiger Zeit verblichen, genauer gesagt verstarb er am 14. Februar 1943 im Alter von 81 Jahren und hieß David Hilbert.

Hilbert gilt als einer der bedeutendsten Mathematiker der Neuzeit und war ein ausgesprochener Zukunftsdenker. Seine auf einem Mathematikerkongress im Jahre 1900 angesprochenen Zukunftsfragen haben ganze Generationen von Mathematikern beeinflusst, und jede Lösung zu einer der unter dem Begriff der „Hilbertschen Probleme“ zusammengefassten Fragen wurde als große Leistung gewürdigt. Neben seinen vielen Arbeiten und Ansätzen, welche die Mathematik verändert bzw. erweitert haben, hat er quasi gleichzeitig mit Albert Einstein eine Arbeit über die allgemeine Relativitätstheorie veröffentlicht, und es ist im Prinzip bis heute nicht geklärt, wer wen beeinflusst hat. Dennoch hat es zwischen den beiden nie einen Streit um Anerkennung gegeben, jedenfalls nicht öffentlich.

David Hilbert war jedoch nicht nur ein Zukunftsdenker in der Mathematik, sondern übertrug diese Einstellung auf alle Naturwissenschaften. Er war vollkommen davon überzeugt, dass es in der Wissenschaft keine Erkenntnisgrenzen gibt. Wenn dennoch vermeintliche auftauchten war es für ihn nur eine Frage der Zeit, bis diese überwunden werden konnten. Von der immer wieder aufkommenden Selbstbegrenzungsdemut mancher Zeitgenossen hielt er nichts und lehnte eine solche Einstellung rundweg ab. Sein unerschütterliche Glaube an die Fähigkeit der Menschheit, den Erkenntnishorizont stetig zu erweitern, mündete in einer einfachen Aussage: „Wir müssen wissen, und wir werden wissen„, und die damit verbundene Denkweise offenbarte sich unter anderem in einer Bemerkung über den Mathematiker und Philosophen Auguste Comte:  „Der wahre Grund, warum es Comte nicht gelang, ein unlösbares Problem zu finden, besteht meiner Meinung nach darin, daß es ein solches gar nicht gibt„.

Hilbert wehrte sich damit deutlich gegen die bis heute übliche Skepsis gegenüber den Erklärungsansprüchen der Naturwissenschaften, die in einer Aussage des Physiologen Emil Heinrich Du Bois-Reymond ihren Ausdruck fand, als dieser von „Ignoramus et ignorabimus“ (Wir wissen es nicht und wir werden es niemals wissen) sprach. Die Begründung Du Bois-Reymonds ist aus heutiger Sicht überholt, die Erkenntnisgrenzen inzwischen weit nach hinten verschoben: „Gegenüber den Rätseln der Körperwelt ist der Naturforscher längst gewöhnt, mit männlicher Entsagung sein ‚Ignoramus‘ auszusprechen. (…) Gegenüber dem Rätsel aber, was Materie und Kraft seien, und wie sie zu denken vermögen, muß er ein für allemal zu dem viel schwerer abzugebenden Wahrspruch sich entschließen: ‚Ignorabimus‘.“
Hilbert jedoch glaubte nicht an eine solche endgültige Beschränkung: „Diese Überzeugung von der Lösbarkeit eines jeden mathematischen Problems ist uns ein kräftiger Ansporn während der Arbeit; wir haben in uns den steten Zuruf: Da ist das Problem, suche die Lösung. Du kannst sie durch reines Denken finden; denn in der Mathematik gibt es kein Ignorabimus.

In der heutigen Zeit ist diese Vorstellung von der Lösbarkeit aller Probleme und der Erkenntnismöglichkeit über alle denkbaren Hintergründe des gesamten Universums jedoch immer noch nicht weit verbreitet. Nach wie vor sind viele Menschen ganz im Sinne von Heinrich Du Bois-Reymond der Ansicht –  darunter auch einige Wissenschaftler – , dass die letztendlichen Rätsel dieser Welt von Menschen ob ihrer begrenzten Auffassungsgabe nicht lösbar seien.
Die Gründe dafür sind vielfältig. Entweder stammen sie aus religiöser Kleingeistigkeit aufgrund der Annahme einer unantastbaren göttlichen Instanz, mit der eine Erkenntnisgrenze über den Urgrund des Seins zwangsläufig verbunden ist. Das Antasten und Hinterfragen einer solchen Grenze würde demzufolge einem Gott auf dem blasphemischen Seziertisch der Wissenschaft gleichen – welch ungeheurer Frevel!
Auch können die Gründe für die Annahme einer natürlichen Wissensgrenze von einer tief eingeprägten Zukunftsangst stammen. Die Vorstellung davon, dass die Menschheit durch zuviel Wissen Geister herbei ruft, die sie andererseits aufgrund solcher angenommenen Erkenntnisgrenzen nicht wieder los wird ist tief in den Köpfen der Menschheit verwurzelt. Zudem wird ob der Komplexität der Probleme häufig gezweifelt, ob der Mensch denn überhaupt dieselben durchschauen kann.
Und schliesslich wird immer wieder die Erkenntnisfähigkeit des eigenen Gehirns als Grenze vorgeschoben. Modern ist dies zur Zeit vor allem in Bezug auf die vermeintlich unüberschaubare Komplexität des Denkorgans und mündet gleich im vorauseilenden Gehorsam in eine kapitulierende Demut vor dem Leben und der Vielfalt. Kaum jemand ist derzeit der Ansicht, wir könnten alle Fragen des Gehirns irgendwann schlüssig und umfassend beantworten.

Hilbert hat und hätte sich um all das sicherlich nicht geschert. Sein Glaube an die Beantwortungmöglichkeit jeglicher Fragen war unumstößlich. Und genau hierin liegt auch der Grund, warum ich als Nichtmathematiker auf David Hilbert aufmerksam geworden bin. Neben seiner unkonventionellen Lebensart in Göttingen gefällt mir seine Überzeugung von einer umfassend erklärbaren Welt und bestätigt meine eigene Sichtweise, die in diversen Kommentarsträngen stets als zu optimistisch kritisiert wurde. Insofern passt für mich David Hilbert vorzüglich in das Bild eines weitdenkenden, offenen Wissenschaftlers und Mathematikers, denn nicht seine mathematische Kunst oder gar eine der Hilbertschen Probleme wurden auf seinem Grabstein verewigt, sondern sein prägendes Motto:

Wir müssen wissen.
Wir werden wissen.

Quellen, auch für die Zitate:
Wikipedia – David Hilbert
Wikipedia – Ignoramus et ignorabimus

Siehe auch:
Müssen wir alles wissen?
Zu viel Wissen schadet den Schülern!
Du musst ja viel Zeit haben!
Wissenschaft vs. Erfahrung – Wie funktioniert Wissenschaft?