Als Hermaphroditos nach eine der griechisch-mythologischen Erzählungen von Aphrodite, der Göttin der Liebe, der Schönheit und der sinnlichen Begierde dem Gott Hermes geboren wurde, da war dieser noch eindeutig männlichen Geschlechts. Erst später als Jüngling – heute würden wir „Jugendlicher“ sagen – wurde auf den begehrenden und flehenden Wunsch der Quellnymphe Salmakis hin Hermaphroditos mit derselben durch das Wirken der Götter vereint und verschmolzen. Es entstand das erste Zwitterwesen, welches gleichzeitig Mann und Frau war und als Namenspatron und Fachbegriff für die Zweigeschlechtlichkeit in mehreren Disziplinen unter Hermaphroditismus Einzug gehalten hat.

Doch trotz des hohen Alters der griechischen Mythologie (ca. 1000-500 v Chr.) scheint bis heute weder der Begriff Hermaphroditismus noch die damit zusammenhängende Intersexualität in den Köpfen der Gesellschaft angekommen zu sein. Der vielfache Wunsch der Betroffenen, das eigene „normwidrige“ und nicht bestimmbare Geschlecht in der Öffentlichkeit möglichst zu verheimlichen, ist nach wie vor der Preis für die Ablehnung und Ignoranz seitens der Gesellschaft und der Behörden. Im prüden Kaiserreich und im Nationalsozialismus, in dem die Nazis glücklicherweise keine Ansätze zur Diskriminierung fanden, wurde das Thema schlichtweg totgeschwiegen. Das lag wohl auch daran, dass aufgrund der vorkommenden Seltenheit – nur eines von 4500 Kindern kommt mit nicht eindeutigen Geschlechtsmerkmalen zur Welt – dieselben kaum in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurden.

Dennoch war bereits das „Allgemeine Landrecht für die Preußischen Staaten“ von 1794 so modern, dass mit einem Zwitterparagraphen (§19ff) die Situation von Menschen ohne eindeutige äußere Geschlechtsmerkmale berücksichtigt wurde, wenn auch die Wesensvielfalt vom damaligen Gesetzgeber entweder ignoriert wurde oder ihm verborgen blieb. So wurde den Eltern die zwingende Entscheidung zu einem Geschlecht in solchen Fällen auferlegt. Erst ab dem achtzehnten Lebensjahr durften die Betroffenen dann selbst entscheiden. Eingeschränkt wurde das aber gleich wieder im nächsten Paragraphen, sobald die Rechte von Dritten berührt wurden. In solchen Fällen konnte unter Hinzuziehung eines Sachverständigen sowohl gegen den Willen der Eltern als auch gegen den Willen des Betroffenen eine zwangliche Zuordnung vorgenommen werden. Insofern ist es kein Wunder, dass diese Paragraphen um 1900 nicht in das Bürgerliche Gesetzbuch übernommen wurden, weil dies an der zwanglichen Zuordnung nichts änderte. Und auch die Verfassung von 1949 schweigt sich weiterhin vollständig darüber aus.

Insofern blieb auch in der jungen Bundesrepublik alles beim Alten. Eltern mussten ihre Kinder von Staats wegen einem Geschlecht zuordnen. Wenn sie sich weigerten, wurde ihnen oftmals das Sorgerecht entzogen. Dass sich ein solches Verfahren zwangsläufig auf die entsprechenden Betroffenen sowohl psychisch als auch gesellschaftlich zumeist zu einem immensen Nachteil ihrer eigenen Entwicklung ausgewirkt haben dürfte steht außer Frage. Oftmals war deren Umerziehung zu einem gesellschaftlich anerkannten Geschlecht mit völlig unnötigen Zwangsoperationen verbunden, die zudem häufig zu einer Zeugungsunfähigkeit führten und die Betroffenen zusätzlich enorm belasteten. Insofern ist es kein Wunder, dass viele intersexuelle Menschen aufgrund der rigiden Entscheidungen bis heute schwer belastet sind und sich unbeachtet von der Gesellschaft unglaublich häufig in den Freitod flüchten.

Metamorphose von Hermaphroditos und Salmakis – gemeinfrei

Eigentlich ist sogar das Wort „intersexuell“ verfehlt, denn tatsächlich liegen Betroffene mit ihrer Identität ja nicht irgendwo zwischen den Geschlechtern, sondern haben ein eigenes Geschlecht und somit eine völlig selbständige und eigene Identität. Schließlich gibt es ja nicht nur den im preußischen Recht als Zwitter klassifizierten Menschen als drittes Geschlecht, sondern unzählige Identitäten, die zudem nicht nur von körperlichen Merkmalen abhängig sind. Als Beispiel seien hier XY-Frauen mit einem vollständigen biologischen weiblichen Erscheinungsbild (Phänotyp) angeführt, die jedoch die männlichen Geschlechtschromosomen X und Y aufweisen (Pendant: XX-Mann) und demzufolge eine weitere, vollständig eigene und im Prinzip nicht genau benennbare sexuelle Identität besitzen. Dass solche Menschen auch heute noch häufig Schwierigkeiten mit der Gesellschaft haben liegt jedoch nicht an ihren eigenen Unzulänglichkeiten, sondern an der fehlenden Akzeptanz der Gesellschaft. Die Seltenheit der zudem durch ihre Vielfältigkeit schlecht benennbaren Identitäten führte und führt immer noch in unbekanntem Ausmaß zu restriktiven Methoden von völlig überforderten verantwortlichen Erziehungsberechtigten und besserwisserischen Medizinern.

Demzufolge war bisher der Zwang der Gesellschaft, intersexuelle oder „mehrwertige“ Menschen mit mehr oder weniger massiver ärztlicher Gewalt operativ einem Geschlecht zuzuordnen auch in der Bundesrepublik noch lange Zeit gang und gäbe. Statt die betroffenen Eltern im Umgang mit ihren intersexuellen Kindern zu schulen und Hilfestellungen zu geben wurden diese in ihrer eigenen Hilflosigkeit noch dazu gedrängt, sich für eines der beiden Geschlechter für ihr Kind zu entscheiden – ohne Rücksicht auf (psychische) Verluste. Doch das Denken und Fühlen in einer Geschlechterrolle lässt sich nicht operativ umformen, weder mit der Veränderung äußerer Merkmale noch mit chemischen Hormonattacken in Form von Medikamenten. Bis heute hat es sich ausserhalb der entsprechenden psychologischen und medizinischen Fachbereiche noch nicht durchgesetzt, dass die Psyche gerade in Bezug auf die sexuelle Identität kein normierbarer Vorgang ist. Dieser Mißstand ist auch immer wieder an solchen merkwürdigen Angeboten abzulesen, mit denen Homosexuelle „geheilt“ werden sollen. Doch es ist weder für gesellschaftliche noch für moralisierende Enggrenzendenker eine befriedigende Eindeutigkeit erreichbar, und das ist tatsächlich gut so. Denn denen geht die sexuelle Identität von anderen Menschen gar nichts an, weil es für niemanden(!) ausser für den Betroffenen selbst einen Grund geben kann, sich darum zu kümmern. Die sexuelle Identität ist stets und ausschliesslich Sache des betroffenen Menschen selbst, und auch Eltern sollten sich in jedem Falle solange zurückhalten, bis der eigene Entwicklungsstatus des Kindes eindeutig verrät, wohin es sich entwickeln möchte. Gender ist in dieser Hinsicht nämlich schon völlig tot, wie das Beispiel von David Reimer schon längst gezeigt hat.

Heutzutage ist es jedenfalls mehr als erstaunlich, dass der Staat im 21. Jahrhundert immer noch mit der vollständigen Aufhebung der Geschlechtsangaben in seinen Formularen Schwierigkeiten hat.  Das zeigt die am 1. November 2013 in Kraft getretene und für diese Bundesregierung typisch in Heimlichkeit und aller Stille verabschiedete Neuregelung im Personenstandsgesetz. Nun kann zwischen männlich, weiblich und „ohne Eintrag“ entschieden werden. Alleine die Vorgabe, statt eigener Angabemöglichkeiten gar keine machen zu können zeigt die völlige Überforderung  und Hilflosigkeit des Gesetzgebers, der eine offene Diskussion über die meisten Gesetzesvorhaben ganz im Sinne der postdemokratischen Politikerabschottung vom nervenden Volk inzwischen grundsätzlich scheut.
Der Staat ist zusätzlich noch keineswegs von althergebrachten moralischen Vorstellungen abgekoppelt. Das zeigt sich auch deutlich durch seine Schwierigkeiten bei der Gleichbehandlung Homosexueller. Insofern ist der Staat noch lange nicht in der Lage, seine Bürger tatsächlich ohne Geschlechtsidentifikation zu akzeptieren und deren sexuelle Identität nicht mehr zu hinterfragen. Auch dem Staat geht dieselbe inzwischen nichts mehr an, und das Festhalten an der sexuellen Identifizierung seiner Bürger ist nach wie vor als Zugeständnis an religiöse und konservative Machtstrukturen zu verstehen. Deren verkrustete moralische Vorstellung in Sachen angeblicher sexueller Normalität wird zum Leidwesen der Betroffenen immer noch von vielen der politisch Verantwortlichen für gewichtig genug erachtet, um damit Menschen in ihrer Identität zu gängeln. Das ist nicht weit entfernt von dem Kampf gegen homosexuelle Partnerschaften, in denen immer noch erzkonservative Politiker und Bischöfe meinen, sie hätten ein Recht auf sexuelle Normierung anderer. Gleichwohl haben sie das nicht, und die psychischen und körperlichen Schäden, die aufgrund solcher moralisierenden Hardliner angerichtet wurden und bis heute angerichtet werden ist nicht hinnehmbar. Zusätzlich erwirken sie damit jedoch im Prinzip neben dem Leid nichts weiter als eine massive Behinderung gesellschaftlicher Entwicklungen.

In behördlichen Verwaltungen nach dem Geschlecht zu fragen ist inzwischen nicht nur diskriminierend, sondern auch völlig überflüssig. Und falls es Gesetze gibt, die eine solche Frage überhaupt nötig erscheinen lassen, gehören diese umgehend gestrichen. Insofern können wir uns auch als Menschen mit eindeutiger Geschlechtszuordnung solidarisch zeigen mit den Menschen, deren sexuelle Identität für andere nicht eindeutig genug ist. Setzen wir ein Zeichen und lassen unsere eigene sexuelle Identität beim Staat löschen. Denn mit der Auflösung der Zuordnung entfällt auch die Abgrenzung – und somit jegliche Art von Diskriminierung.
Schreibt also die Behörden an und bittet darum, dass eure Geschlechtskennung gestrichen werden soll. Schliesslich hat jetzt jede(r) ein Recht dazu. Vielleicht erübrigt sich dann über kurz oder lang vollständig dieses völlig überflüssige Verlangen der schwarzweiss-denkenden und konservativen Rückwärtskompatiblen nach sexueller Eindeutigkeit. Zeit wird es. Ganz sicher.

Siehe auch:
Erfahrungsbericht von Lisa auf xy-Frauen.de
xy-frauen – Selbsthilfegruppe
Zwischengeschlecht.org
Bundesverband Intersexuelle Menschen e.V.
Sonntags-Club e.V. – berlin intersex
Zwischengeschlecht,info – Blog