Rechtschreibung

Bild: Nesselsetzer gemeinfrei

Beim Schreiben von Blogartikeln, Kommentaren, Mails oder in der direkten schriftlichen Kommunikation etwa in Chats, bei Facebook oder über Twitter ist es kaum zu vermeiden, dass sich Rechtschreibfehler einschleichen. Während beim Schreiben mit Textverarbeitungsprogrammen die Fehler zumeist vollautomatisch korrigiert werden, sind Korrekturmöglichkeiten in Chats oder bei Twitter im Prinzip nicht vorhanden. Auch die Textergebnisse in Kommentaren oder Foren zeugen von fehlenden Korrekturmöglichkeiten, auch wenn manche Browser durchaus Online-Korrekturprogramme entweder besitzen oder benutzen. Und auch in diesem Blog sind einige Fehler trotz automatischer Korrektur und nochmaligem Durchlesen verblieben, die schlichtweg bisher übersehen wurden. Na und? Sei´s drum.

Nun gibt es aber Menschen, die kaum auf Inhalte denn auf Schreibfehler achten und diese anprangern. Häufig ignorieren sie die Inhalte  auch deshalb, weil sie der darin enthaltenen Thematik nicht mehr gewachsen sind. Das machen sie ganz besonders dann gerne, wenn sich vorwiegend in Chats geführten hitzigen Diskussionen abzeichnet, dass der Gesprächspartner ihnen argumentativ überlegen ist. Der schreibt nämlich seine Texte ob der Zunahme der Themenbewältigung schnell und schludrig, vielleicht auch unterstützt von dem einen oder anderen Gläschen Wein, welches er zu der gemütlichen Chatrunde geniesst. Dabei werden Wechstaben verbuchselt und die Treffsicherheit der richtigen Tasten nicht nur durch die Diskussionsfreude vermindert.

Dann jedoch schlägt die Stunde der Rechtschreibtrolle, die auch gerne in verschiedenen Blogs oder Foren häufig deftiger genannt werden.  Sie belehren ihre Mitmenschen, dass die falsche Rechtschreibung sie jetzt diskreditieren würde („schreib erst einmal richtig deutsch„) und gehen nicht weiter auf das Thema ein, um von ihrer eigenen Überforderung abzulenken. Zumeist halten sie sich dann hartnäckig an der neu gefundenen Rechtschreibthematik, indem sie darauf herum reiten und die Ansicht verbreiten, wer nicht richtig deutsch schreiben könnte läge auch in der Diskussion grundsätzlich falsch. Jegliche Aufforderung, doch endlich wieder zu dem ursprünglichen Thema zurück zu kehren ersticken sie, nun unterstützt durch eigene Rechtschreibfehler, gnadenlos im Keim. Dann weiss jeder sogleich, dass man es mit einem der Rechtschreibtrolle zu tun hat, deren Intelligenz biologisch arg begrenzt ist.

In ähnlicher Weise sind derzeit einige Medien aufgefallen, die einen fehlerhaft vorgeschriebenen und an die Presse geleakten Brief an die Bundeskanzlerin von der Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer, zum Anlass nahmen, über diese angebliche „Peinlichkeit“ groß und breit zu berichten. Doch die journalistischen Ergüsse dazu erinnern eher an typisch kleindeutsche Rechtschreibtrollerei und ist für die Presse tatsächlich viel peinlicher als für die Ministerpräsidentin. Das findet auch der Autor von „the hobo and the gypsy“ in seinem Artikel „Jeder macht ma ‘nen Fehler„: „Peinlich mutet da eher die arrogante Selbstgefälligkeit und Pedanterie von Personen an, die sich nicht nur bei fehlerhaften Englisch-Kenntnissen von Spitzenpolitikern wie Westerwelle vielwissend zugrinsen, sondern sich auch wie fanatische Orthographie-Talibans aufführen„. Gleichzeitig findet es der Autor gar schäbig, dass andere Medien in dem Reigen der Demütigung eines Menschen „hämisch mitziehen, obwohl der eigentliche Skandal ganz woanders liegt. Nämlich das eine Person einen Brief, der für die Bundeskanzlerin und nicht für die Öffentlichkeit gedacht ist, den Medien vermutlich nur deswegen zuspielt, um die Absenderin bloßzustellen. Schäbig ist auch, dass die Medien sich auf dieses Spiel einlassen und bereitwillig die öffentliche Demütigung vollziehen„.(1)

Bei soviel hämischer Arroganz und Besserwisserei ist es kein Wunder, dass wir im Ausland zurecht als arrogant und pedantisch wahrgenommen werden, wie die 2011 durchgeführte Umfrage des Goethe-Instituts bei europäischen Nachbarn zeigt. Daran haben solche Vorfälle eindeutig ihren Anteil, wie in manchen Foren gegenüber vielleicht ausländischen Schlechtschreibern deutlich nachzulesen ist. Solche pedantischen Zeitgenossen sind genauso überflüssig wie Medien, die statt deutschen Qualitätsjournalismus arrogante Häme ausschütten. Da Arroganz allerdings stets mit Beschränktheit einhergeht, sind üblicherweise die gleichen Fehler vor allem bei denen zu finden, die Fehler anderer besonders hämisch beurteilen. Wenn ich nämlich die Schreibfehler in den Zeitschriften beachten würde käme ich aus dem Beschweren gar nicht mehr heraus, Wie oft habe ich schon das Wort Stehgreif statt Stegreif gelesen, und fast alle beliebten Fehler der deutschen Sprache sind in den Blättern zu Hause. Nach Forschungsergebnissen von 2010 über us-amerikanische, italienische und schweizerische Artikel enthalten gar rund 61% aller Artikel Fehler. Es ist davon auszugehen, dass es in Deutschland nicht anders ist. Insofern ist das hämische Spotten der Blätter über einen nichtfertigen Brief einer Ministerpräsidentin schlichtweg nicht nur ein Zeichen von Überheblichkeit deutscher Besserwisser, sondern im Hinblick auf den deutschen Journalismus ein weiteres Zeichen der Schwäche, dem sogenannten „Qualitätsjournalismus“ überhaupt noch annähernd gerecht zu werden.

Siehe auch:
the hobo and the gypsy – Jeder macht ma ´nen Fehler
Geht sterben!
Geht sterben II – Diesmal mit geblockter Werbung
Martin B. und die Trolle
Hier wohnen Drachen – Das kleine Troll-Handbuch
Die Unmöglichkeit des Klugstellens