Würde Mark Aurel als Vorbild taugen? – gemeinfrei

Als Philipp Rösler auf die Frage, was er von Steinbrücks Stinkefinger halte vermeintlich staatsmännisch mit der Antwort zu glänzen versuchte: „Ich finde für jemand, der sich um das hohe Staatsamt des Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland bewirbt nicht würdig„, da wirkte er gekünstelt, nicht authentisch, obwohl dies bestimmt nicht das erste Interview mit Rösler zu dem Thema war. Mit seiner etwas merkwürdig steifen Art versuchte er wohl eher erfolglos sich selbst zu einem dieser Vorbilder zu generieren, von denen schon vorher einige Bürger in spontanen Strasseninterviews gesprochen hatten. Die verwiesen nämlich in ihrer Kritik auf ihre persönliche Erwartungshaltung zu diesem Thema. Doch kaum ist dabei jemandem bewusst, dass diese ominöse und nicht nur durch Steinbrücks Stinkefinger vielzitierte Vorbildfunktion eine nebulöse Angelegenheit ist – und zunehmend zu einer völlig sinnentleerten Phrase mutiert.

Nach Wikipedia ist nämlich ein „Vorbild (…) eine Person oder Sache, die als richtungsweisendes und idealisiertes Muster oder Beispiel angesehen wird. Im engeren Sinne ist Vorbild eine Person, mit der ein – meist junger – Mensch sich identifiziert und dessen Verhaltensmuster er nachahmt oder nachzuahmen versucht„. Weiter wird dort erklärt, dass es sich um zwei verschiedene Vorbildquellen handelt, nämlich entweder um in der Öffentlichkeit angesehene Persönlichkeiten oder um Personen des eigenen Umfelds.

Letztere, also die Personen im eigenen Umfeld, sind ja eigentlich eine völlige Selbstverständlichkeit, obwohl man die eher weniger als angenommene denn als natürliche Vorbilder im eigentlichen Sinne bezeichnen kann. Schliesslich muss ja jemand dem Nachwuchs zeigen, dass man beim Essen nicht in der Nase popelt und ansonsten sich einigermaßen gesellschaftskonform benimmt. Obwohl das ja zumeist völlig in die Hose geht, wie man beim Einkaufen in Supermärkten vor dem Süßigkeitenregal erleben kann, bei dem der Vater sich vorbildlich wegdreht und so tut, als würde der Balg nicht zu ihm gehören (glücklicherweise gibt es inzwischen ein praktisches Schreikindwegräumwerkzeug). Oder beim Autofahren, bei dem die Mutter während des Familienausflugs lautstark im Beisein der Kinder ganz und gar vorbildlich auf die „Scheiss Radfahrer“ schimpft. Und die Krönung des Vorbildes ist es, wenn Papa einen über den Durst trinkt und entsprechend dem Alkoholspiegel keinesfalls seiner Vorbildfunktion gerecht wird, sondern sich dieselbe in Bezug auf das spätere Komasaufen seiner Kids noch einmal durch den Kopf gehen gehen läßt. Und ganz vorbildlich wird es, wenn das Familienoberhaupt revierverteidigend auf den Nachbarn los geht, weil dessen Löwenzahn wuchert und der Anblick unerträglich ist. Wobei zumeist nicht klar definiert ist, ob es sich bei dem unerträglichen Anblick um den des Löwenzahns oder des Nachbarn handelt.

Aus solchen feinjustierten Begebenheiten ergibt sich leise ahnend die Erkenntnis, dass die Forderung nach einem bestimmten Verhalten im Rahmen des auf eine bestimmte Person projizierte Vorbild eher eine Stellvertreterfunktion für den Forderer erfüllt. Der scheint nämlich nicht selbst für eine solches Vorbild zu taugen, weil er dafür seine eigenen lieb gewonnenen Verhaltensweisen aufgeben müsste. Das jedoch kann verdammt hart sein, und insofern ist es viel einfacher, von anderen die Vorbildfunktion mit fehlerfreiem Verhalten einzuklagen. Das geschieht natürlich völlig unabhängig davon, ob diese Person als Vorbild denn benötigt wird oder die überhaupt Vorbild sein möchte. PolitikerInnen sind inzwischen dafür gerne genommene Zielscheiben, denn auf sie lassen sich all die Idealansprüche übertragen, welche die Forderer niemals selbst erfüllen wollen oder können. Vor allem wird die Forderung umso lauter, je mehr der Angesprochene aus der üblichen langweiligen Benimmreihe tanzt, wie das bei Peer Steinbrück durchaus der Fall ist. Solche unberechenbare Eigendynamik aus der im Großen und Ganzen undefinierten Norm wird vom Bürger schwer geahndet. Es kann doch nicht angehen, dass ein Politiker die Geste öffentlich zeigt, die der Bürger selbst durchaus gerne zur eindeutigen Beeinflussung des Strassenverkehrs benutzt getreu der befriedigenden Ausrede, er sei ja kein Vorbild.
Das gleiche Vorbildgedöns war oder ist übrigens noch in den Religionen zu beobachten, in denen die Idealanforderung an Priester stets zum Regelfall erhoben wurde. Die Erfüllung dieser Ansprüche war lange Zeit nur über die Verquickung aus Macht und bigotten Verhaltensweisen möglich, was in etwa dem Spruch „Wasser predigen, Wein saufen“ nahe kommt. Inzwischen ist jedoch jegliche Macht der Bischöfe und Priester verloren und ihr Ansehen so stark gesunken, dass sie um eine Vorbildfunktion stetig mühsam kämpfen müssen.

Die Frage aber, die sich letztendlich stellt ist die, wer denn ausserhalb des eigenen Elternhauses Vorbilder benötigt bzw. um welche Vorbilder es sich dabei handelt. Das Witzige daran ist nämlich, dass kaum Politiker zum erlauchten Kreis der Vorbildstifter gehören. Diejenigen, die vorwiegend von Heranwachsendem zum Vorbild auserkoren werden sind, wenn überhaupt, in völlig anderen Kategorien zu finden. Natürlich wird hin und wieder „Mama und Papa“ genannt, ansonsten geht es aber von Jesus über Nelson Mandela bis hin zu Udo Lindenberg. Einmal war bei der Durchsicht der Antworten auch Albert Einstein dabei. Und häufig wurde angegeben, überhaupt kein Vorbild zu haben. Einen deutschen Politiker habe ich nicht gefunden, obwohl ich selbst eher erwartet hätte, zumindest einmal Helmut Schmidt zu finden.
Daran ist also leicht zu erkennen, dass die Anforderungen an Politiker zu einer angeblichen Vorbildfunktion tatsächlich im Großen und Ganzen nichts weiter sind als leere Phrasen. Das Ansinnen, Steinbrück müsse sich entsprechend seines Standes oder seines Postens benehmen, würde vielmehr seine Authentizität einschränken, zu der seine legere Art der humoristischen Einlagen in Verbindung mit seinen spitzen Sprüchen eindeutig gehören und die im Prinzip nicht gerade unbeliebt sind.

Vielleicht auch weil ich selbst nie wirklich persönliche Vorbilder hatte (allenfalls war die logische Denkweise eines Freundes für mich interessant und maßgebend), ist mir bis heute völlig egal, wie sich unsere Politiker tatsächlich aufführen, solange sie sich im Rahmen der Menschlichkeit bewegen. Allenfalls lege ich darüber hinaus Wert auf die beschriebene Authentizität, die bei Politikern eher selten ist und zumeist in der Diplomatie untergeht. Steinbrück jedoch ist durchaus sich selbst treu und damit authentisch geblieben, auch über die Zeit der damaligen grossen Koalition hinaus. Und da der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt als politischer Ziehvater Steinbrücks gilt stehen die Chancen nicht schlecht, das Steinbrück seine Authentizität auch zukünftig bewahren wird, ob mit oder ohne Stinkefinger.