Stinkefinger – gemeinfrei

Die Aufregung ist groß. Sehr groß. Der Bayerische Rundfunk redet gar von einem Skandal! Steinbrück hat es getan! Stinkefinger, ihr wisst schon. Er hat sich dazu hinreissen lassen, eine „für einen Kanzlerkandidaten sich verbietende Geste“ (Philipp Rösler, FDP-Mitglied und Stinkefingerexperte) zu zeigen. Er hat es wirklich getan! Nackt! Also, der Finger, nicht Steinbrück. Und das, obwohl er Kanzlerkandidat ist und als Vorbild für alle … äh … sein sollte. Für die Jugend! Für die Erwachsenen! Für die Kinder! Und sogar für die einfachen Hinterbänkler Parteiabgeordneten in der FDP. Und dann sowas! Ein Stinkefinger! Für alle sichtbar! Als Bundeskanzlerkandidat! Das geht ja wirklich nicht! Skandal! Das Amt des Kanzlerkandidaten ist beschädigt! Die Bundestagswahl ist beschädigt! Deutschland ist beschädigt! Die Welt ist beschädigt, und überhaupt das Weltall … Welch Frevel!!!1!11

Politiker aller einer Parteien sind zutiefst entsetzt. FDP-Politiker Jörg-Uwe Hahn hat sich auf Twitter noch zutiefst entsetzlicher entsetzter geäußert. Ein Stinkefinger sei gar nicht lustig, meint er. Im Gegensatz zu den lustigen Äußerungen aus der FDP. Die über dem Koalitionspartner namens Wildsau. Oder noch lustiger, die Bezeichnung der Grünen als Drecksnazis. Lustig, nicht wahr? Aber ein Stinkefinger von Steinbrück, das ist nicht lustig. Meint Hahn. Wer ist eigentlich Hahn?
Auch Daniel Bahr (ebenso unbekannter Gesundheitsminister und FDP-Mitglied) findet das unlustig. Das gehört sich für einen Bundeskanzler nicht. Meint er. Dabei ist Steinbrück noch gar keiner. Echt nicht! Echt jetzt!
Auch der Linke Bernd Riexinger sieht schon das Ende der DDR Kanzlerkandidatur. Und nichts lustig. Wirklich nicht! Zumindest Michael Grosse-Brömer von der CDU ist völlig sprachlos. Ein Glück. Hoffentlich bleibt das so.

Ein solcher Vorfall wie Steinbrücks Stinkefinger ist eine wunderbare Hampelleine für unbekannte Hinterbänkler. Vor allem für die FDP. Das ist nämlich das wirklich Lustige daran. Zahnlose Parteisoldaten ohne Biss, die zusätzlich niemand kennt, tauchen aus der Versenkung auf. Jetzt! Über! Stinkefinger! Entrüsten! Gerade die hessische FDP äußert sich nämlich gerne. Zwar nicht zu politischen Themen. davon versteht sie nichts. Aber vom Stinkefinger versteht sie was. Und von Wildsäuen und Ökofaschisten. Das liegt daran, dass jeder in der FDP was zu sagen hat, solange es sich nicht um Politik handelt. Dafür haben sie alle einen Dauerstinkefinger. Sozusagen politische Nullen mit Stinkefingerprägung als Dauerstandard im Parteiprogramm. Fachleute für Stinkefingeraussagen. Zu lesen versteckt auf Wahlplakaten oder in Texten. Zwischen den Zeilen. Nicht als Bild, aber als Meinung. Oder man hört den Stinkefinger aus den Reden deutlich heraus. Wie bei der Aussage, die FDP sei eine „Partei der Besserverdienenden“. Deutlicher Stinkefinger an die Schlechterverdienenden. Oder Brüderles Stinkefinger an 8000 Fiat-Mitarbeiter. Manchmal ist der eben nicht zu verbergen. Echte Stinkefinger- und Fettnäpfchenexperten eben.

Steinbrück kann Stinkefinger viel besser, auch verbal. Nicht das erste Mal übrigens. Verbaler Unrat bleibt verbaler Unrat. Stinkefinger reicht als Antwort völlig. Ein Kanzlerkandidat, der unwichtige Fragen auch als solche behandelt, macht ihn unweigerlich sympathisch und uneitel. Und diejenigen, die sich über Peersfinger aufregen, sollten genau den zu sehen bekommen. Ein echter Klartextfinger, auch wenn er stinkt. Dafür ist Peer Steinbrück jetzt in aller Munde, sogar bis nach Australien. Die anderen nicht. Trotz Dauerstinkefinger im Programm. Selbst schuld.

Hier sagte ich schon einmal, dass es keinen Grund gibt, wählen zu gehen (er sagte das auch). Der Stinkefinger wäre einer. Zumindest wäre der kein Grund, Steinbrück nicht zu wählen. Immerhin ist es die Krönung der kürzesten Antwort auf eine Bullshitfrage. Allerdings weiss ja niemand, wo Steinbrück seinen schlimmen Finger sonst noch so überall drin stecken hat. Und wer weiss, ob der Stinkefinger einem nicht irgendwann stinkt. Egal –  jedenfalls gibt´s heute einmal Solidarität mit Steinbrück!

SoliStiFiBild: Nesselsetzer CC BY-NC-SA 3.0

Siehe auch:
Wahlk(r)ämpfe zum Einschlafen
Ökobeleidigtes Wehleidsgeschrei
Wahlwerbung zum Weglaufen
Konsequente Inhaltsleere von politischen Nullen
Grüner Ernährungsschwachsinn