Wünschelrutengänger
gemeinfrei

Zur Zeit kursieren wieder einige Zeitungsmeldungen über Wünschelrutengänger, allen voran in einer Zeitung (hier namenlos wegen des LSRs), der ich bisher unkritische Berichte über esoterischen Schwachsinn überhaupt nicht zugetraut hätte. Schlimmer noch, dass der Autor des Artikels die Wünschelrutengängerei sogar als „Beruf“ bezeichnet. Dass eine bisher seriöse Zeitung einen solchen unkritischen und schlecht recherchierten Artikel überhaupt druckt scheint unverständlich. Tatsächlich jedoch wird in den Medien und nicht nur in dieser Zeitung schon lange auf den sichtbar verfallenden Qualitätsjournalismus gerade im Hinblick auf esoterische Themen gepfiffen. Vor allem in den Lokalblättern ländlicher Gegenden sind unkritische Berichterstattungen über Quacksalbereien und ihren Auswüchsen durchaus üblich. Da wird schon längst völlig ernsthaft darüber berichtet, wenn der Bürgermeister einer Kleinstadt zur Feststellung einer geeigneten Stelle für eine neue Brunnenbohrung statt fachlich ausgebildete Geologen lieber nutzlose Wünschelrutengänger kommen läßt.

Natürlich sind Redakteure auf dem schwachbesiedelten Land stets froh darüber, im Lokalteil des örtlichen Blattes überhaupt noch etwas für den Zeitungsleser anbieten zu können. Im Normalfall lassen sich dort häufig nur unglaublich spannende Artikel über Sitzungen von ortsansässigen Imker- oder Taubernzüchtervereinen finden, bei denen es um die ausufernde Diskussion und der abschließenden Abstimmung über die Neuanschaffung eines Gerätes im Wert von 39 Euro geht. Als Krönung des investigativen Lokaljournalismus wird dann hin und wieder ein Verkehrsunfall mit vielen Bildern geboten. Da ist es wirklich kein Wunder, dass manche der Journalisten auch gerne ganz unkritisch und dankbar den letzten esoterischen Unsinn annehmen, um die Spalten im Lokalteil zu füllen.

Dass neuerdings auch grosse Wochenzeitungen mit schlecht recherchierten Esoterikberichten hausieren gehen liegt wohl letztendlich nicht nur an der weitreichenden Esoterisierung der Gesellschaft und dem damit verbundenen Kniefall der Zeitungsmacher vor dieser Leserschaft. Es liegt vor allem auch daran, dass die Leichtgläubigkeit gegenüber esoterischen Vorgängen und die damit zwangsläufig verknüpfte Vermeidungstrategie, den zusammengeschusterten Schwachsinn zu hinterfragen, sich im gleichen Verhältnis in den Redaktionen ausbreitet wie in der Gesellschaft. Abzulesen ist das auch in der Politik mit der Zunahme kaum ernstzunehmender VertreterInnen nutzloser esoterischer Glaubensideologien, wie am Beispiel der nordrheinwestfälischen Gesundheitsministerin Barbara Steffens mit Bezug auf Homöopathie und Anthroposophie deutlich sichtbar wird. Noch vor 20 Jahren hätte man einer Ministerin oder einem Minister mit solchem veröffentlichtem Gedankengut eindrücklich den Rücktritt nahe gelegt. In gleichem Maße wäre eine seriöse Zeitung mit der Bezeichnung des Wünschelrutengängers als Beruf sicherlich in Grund und Boden gelacht und umgehend dem Boulevard-Niveau zugeordnet worden.

Die neue Art der redaktionellen Volksverdummung in solchen Zeitschriften ist demzufolge nichts weiter als das Spiegelbild der Intensivierung esoterischen Ausflusses einer sich in Unbildung und Unkenntnis suhlenden Gesellschaft. Hier ist es inzwischen gang und gäbe, wissenschaftliche Erkenntnisse als angeblich dogmatische oder glaubensähnliche Verkündigungen abzulehnen. Das geschieht selbst dann, wenn die Ablehnenden sich der Geräte bedienen, deren Funktionsweise auf genau diesen abgelehnten wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert. Im Gegenzug dazu verbreiten sich Unmengen an nutz- und wirkungslosen Kuriositäten wie Wünschelruten, Heilsteinen und geschütteltem Wasser, die allesamt keinerlei unmittelbare Wirkmechanismen aufweisen. Die Wünschelrute gehört übrigens neben der Homöopathie zu den sich am hartnäckigsten haltenden Unsinn seit Hunderten von Jahren.

Das scheint in den Redaktionen jedoch niemanden wirklich zu interessieren. Vielleicht liegt es tatsächlich daran, dass die Presse in den letzten Jahren nur noch verloren hat. Sie hat schon längst jegliche Legitimation eingebüßt, als vierte Instanz im Staat über politische oder gesellschaftliche Fehlentwicklungen zu berichten. Ihre Glaubwürdigkeit hat sie eingebüsst, weil sie sich vom politischen System hat korrumpieren lassen und selbst das politische System korrumpiert hat. Das ist bei der schon fast erpresserischen Lobbyarbeit um das LSR mehr als deutlich geworden. Es gilt als sicher, dass der deutsche Qualitätsjournalismus schon lange keiner mehr ist. Aber eines ist sicher. Verlassen kann sich auf den Wahrheitsgehalt eines Zeitungsberichts niemand mehr, denn wer so offensichtlich unkritisch über den „Beruf“ des Wünschelrutengängers schreibt, dem traue ich auch keine vernünftige Recherche bei wichtigeren Themen zu. Das bisschen Glaubwürdigkeit, welches vielleicht nach all den Aktionen noch übrig war, ist gänzlich verspielt. Und ist der Ruf erst ruiniert, schreibt es sich gänzlich ungeniert.