Wahlkampfbeobachter
gemeinfrei

In diesem Jahr bekomme ich anders als bisher zunehmend den Eindruck, es handelt sich bei diesem Bundestagswahlkampf eher um eine Art PolitikerInnenmikado. Wer sich zuerst bewegt oder zu laut äußert hat verloren. Dabei geht es  hierbei vorwiegend um zwei völlig altbekannte, aber anscheinend völlig gelangweilte und/oder langweilige WahlkämpferInnen. Besser gesagt um zwei im Wahlkampf anwesende PolitikerInnen. Also zumindest um zwei, die den Anschein erwecken, als würden sie im Wahlkampf um Stimmen kämpfen. Oder zumindest so tun, als würden sie … ok, lassen wir das. In jedem Falle beruft sich die Kanzlerin darauf, alles ganz toll gemacht zu haben. Was das sein soll, sagt sie lieber nicht. Ab und zu spricht sie auch von tollgemachten Dingen, die eher und eigentlich schlecht für das Volk sind. Aber das ist eben Politik. Etwas, was gründlich in die Hose gegangen ist, kann in der Politik als voller Erfolg verkauft werden. Geht alles und fällt kaum auf.

Der andere Wahlkämpfer jedoch, seines Zeichens Peer Steinbrück in seiner Eigenschaft als Kanzlerkandidat der SPD, nutzt diese Steilvorlage von hochgradig inhaltsleerem Gewäsch der Kanzlerin überhaupt nicht aus. Fällt ihm im Traum nicht ein. Stattdessen ist er ob der merkelschen Unzuverlässigkeitsbewertung seiner Partei und seiner Genossen tief beleidigt. So verfällt Steinbrück umgehend zitternd in ein Mimimi-Gejammer, statt einen seiner bissigen und brüskierenden Klartextsprüche abzuschiessen. Doch die spontan geäußerten Spitzen sind wohl von seinem Wahlkampfteam als schädlich bewertet. Deshalb muss er dieselben sich im Wahlkampf verkneifen. Der Arme. Und das, obwohl gerade diese Klartextpfeilspitzen in fröhlicher Eintracht Witziges und Wahres miteinander vereinten – wie die damalige Bezeichnung der beiden letzten Italienwahl-Gewinner als Clowns,

Als ich seinerzeit in den anfänglichen Tagen meines Blogs Steinbrücks Vorlesung zur Situation der Finanzkrise einstellte, war ich von dessen Kompetenz und Witz überzeugt. Auch mein Vergleich Steinbrücks mit seinem politischen Ziehvater Helmut Schmidt, auch Schmidt Schnauze genannt, zeugte anfänglich noch von der Hoffnung, der Wahlkampf 2013 könnte spannend werden. Doch das zahnlose Genuschel von Merkel und Brüderle und die Klagen der Bürger in dem SPD-Wahlspot ausgerechnet über die Folgen der von Schröder durchgesetzten Agenda 2010 reissen nun wirklich keinen der Zuhörer aus dem Sessel. Die sind eher schneller als sonst eingeschlafen. Die Grünen dagegen halten sich seit ihrem idiotischen Schneckenplagenfilm eher auffällig ruhig, ebenso ruhig wie die CDU. Jede weitere Bewegung oder Äußerung könnte Stimmen kosten.

Dafür geben sich andere Parteien reichlich Mühe, bis zur Wahl mit Pauken und Trompeten in die abgrundtiefe Bedeutungslosigkeit oder Lächerlichkeit zu fallen. Bei den Piraten stellt sich zwangsläufig die Frage, ob es die Partei überhaupt noch gibt. Nichts zu hören, nichts zu sehen. Dagegen hat sich die unwählbare und rechtslastige AFD (Alternative für Deutschland) entschieden, sich selbst die Krone der Lächerlichkeit aufzusetzen. Sie hat nämlich den Jungen Piraten (wenigstens die leben noch!) aufgrund der in einem Flyer stehenden Behauptung, die AFD sei rassistisch und homophob, eine einstweilige Verfügung mit einer angedrohten Schadensforderung von 20.000€ geschickt. Politik geht jedoch anders. Man stelle sich nur den möglichen nächsten Schritt einer solchen Partei bei der Behauptung vor, sie sei unwählbar. Das kann man, wenn man will, auch in der Politik als eine falsche Tatsachenbehauptung auslegen, solange sie zur Wahl zugelassen ist. Diese Behauptung könnte mit einer einstweiligen Verfügung beantwortet werden, in der gleichzeitig der Schaden von 48 entgangenen Bundeskanzlergehältern nebst Pensionsansprüchen daraus geltend gemacht werden würde.  Politik geht wirklich anders. Echt jetzt! O tempola, o moles <-(chinesische Weisheit).

In jedem Fall aber ist dieser Bundestagswahlkampf eine ziemlicher Wahlkrampf. Die Wahlkämpfer scheinen lustlos und die Politiker lediglich getragen von dem Willen, die lästigen Auftritte hinter sich zu bringen. Schliesslich muss man sich danach 4 Jahre lang nicht mehr mit dem blöden gemeinen Volk auseinander setzen und ist im finanziell reich ausgestatteten Politikersessel gut aufgehoben Insofern wird sich in Deutschland auch in den kommenden Jahren nichts ändern, trotz Genuschel und vermeintlich zahnloser Oma/Opa-Mentalität. Dieser Wahlkampf ist so derart zum Einschlafen, dass ich sicherlich auch die Wahlen verschlafen werde. Aber das macht nichts. Es gibt ja immer noch keinen Grund, wählen zu gehen.

Siehe auch
Wahlwerbung zum Weglaufen
Konsequente Inhaltsleere von politischen Nullen
Peer Steinbrücks Klartextsticheleien
Peer Steinbrück hält öffentliche Vorlesung