Französische Katholiken sprechen in der Form des für fundamentalistische Ideologen üblichen Übertreibungsgejammers gleich dramatisch von „Christenverfolgung“ und „katholischem Rassismus“. Die in Frankreich bestehende Charta der Laizität, die bereits im Januar 2007 vom Hohen Rat der Integration (HCI) an die französische Regierung übergeben wurde, soll nun auch auf Kindergärten und Schulen ausgeweitet werden. So werden nach Ansicht der Regierung damit nicht nur frühzeitig unterschwellige Indoktrinationen und das Erlernen sexistischer Stereotypen im Kindergarten vermieden, sondern mit der neuen Regelung gleichzeitig in Schulen der Erhalt der freien sexuellen Orientierung über die Schulzeit hinaus gewährleistet.

Der Inhalt der Charta, die in jedem öffentlichen Gebäude aushängen sollte betont, dass trotz der Garantierung der Meinungsfreiheit das laizistische Prinzip die öffentlichen Einrichtungen zu einer strikten Neutralität verpflichtet. Das öffentliche Zeigen von religiösen Überzeugungen innerhalb von Schulen und Verwaltungen verstoße deshalb gegen diese Prinzipien. Nun soll diese gebotene Neutralität in die staatliche Grunderziehung durch die Vermittlung einer gendergerechten Sprache bereits im Kindergarten einfließen. In den Schulen soll dies dann erweitert und vertieft werden, indem bspw. in den Schulbüchern die unterschiedliche sexuelle Orientierung historischer Persönlichkeiten veröffentlicht wird. Somit wird den Menschen von klein auf in jeglicher Hinsicht der Zwang genommen, stereotype Vorgaben und überholte homophobe Traditionen aus dem eigenen sozialen, gesellschaftlichen oder religiösen Umfeld übernehmen zu müssen. Verantwortlich für diesen logischen Schritt zu einer toleranteren Gesellschaft ist der französische Philosoph und Bildungsminister Vincent Peillon, der öffentlich erklärt haben soll, dass mit der katholischen Kirche kein freies Land aufzubauen ist. Wie recht er doch hat.

Diese Erkenntnis jedoch scheint noch nicht weit verbreitet, schon gar nicht bei uns in Deutschland. Gerade die Möglichkeit zwischen den verschiedenen Formen des kulturellen Angebots frei wählen zu können setzt überhaupt erst einmal eine Vielzahl von Angeboten voraus, die gleichberechtigt nebeneinander existieren. Die Bewahrer von alten verkrusteten Strukturen und vermeintlich einzig wahren Traditionen sehen jedoch bereits ihren Untergang auf sich zukommen oder zumindest ihre Verkleinerung bis zur Bedeutungslosigkeit. Gerade den Religionen wird damit nämlich die Möglichkeit glücklicherweise genommen, Kindern im frühen Alter in eine traditionelle und möglicherweise unheilvolle Richtung zu indoktrinieren, die unabdingbar ist für eine lebenslange und stets unhinterfragte Treue gegenüber den zumeist völlig inkonsistenten religiösen Lehren. Diese Indoktrinationen sabotieren bereits ganz gezielt in der Entwicklung eines Menschen die Möglichkeit zur freien Wahl.
Zusätzlich bietet der Staat mit der neuen Regelung die Korrektur fehlerhafter kultureller Entwicklungen und Ungerechtigkeiten bspw. der fehlenden gesellschaftlichen Geschlechterneutralität ganz von selbst, also ohne selbst korrigierend eingreifen zu müssen, solange er lediglich die Neutralität wahrt. Insofern bleiben den Kindern in Frankreich zukünftig zumindest im sensiblen Alter religiöse, kulturelle und moralische Irrwege wie die übelst diskriminierende Homophobie in der katholischen Lehre im Großen und Ganzen erspart.

Das Witzige an der Kritik der französischen Katholiken am Bildungsminister ist jedoch, dass die katholische Kirche und ihre indoktrinierten Vertreter auf keinen Fall ihr eigenes sexualrassistisches Gedankengut bezüglich LGBT [Lesben, Gay, Bisexuelle und Transsexuelle] aufgeben wollen, während sie lautstark den Regierungsmitgliedern katholischen Rassismus vorwerfen. Es steht aber ausser Frage, dass das Festhalten an sexualrassistischen Äußerungen über kurz oder lang dazu führen wird, diese gerichtlich zu bewerten und zu bestrafen. Dann nämlich hört dieser üble homophobe Schwachsinn von selbst auf, trotz aller idiotischer und verstaubter Traditionen.

Erstaunlicherweise ist von dieser „Charta der Laiztität“ in Deutschland kaum etwas zu lesen, obwohl Frankreich schon häufiger den Vorstoß zur Europäisierung der Charta gewagt hat. Davon zeugen die immer wiederkehrenden Debatten sowohl in Frankreich als auch in Brüssel. Doch im Prinzip sind sich die Fachleute darüber durchaus im Klaren, dass sich eine gewachsene laizistische Struktur wie in Frankreich nicht so leicht auf andere Länder übetragen läßt. Gerade Deutschland ist von einem laizistischen Staat weiter entfernt als Pluto von der Erde. Zwar geht die allgemeine Religiosität rapide zurück, von einem europäischen Laizismus ist hier aber überhaupt nichts zu spüren. Verwaltung und Regierung sind hier keineswegs religionsneutral, sondern bekanntermaßen nach wie vor tief mit den völlig überflüssigen kirchlichen Strukturen verwoben. Das zeigen nicht nur die unseligen Diskussionen um Religionssymbole in Klassenzimmern oder in Verwaltungsgebäuden, sondern auch die immense finanzielle Verquickung kirchlicher Einrichtungen mit dem Staat. Laizistische Neutralität geht anders. Zusätzlich werden homophobe Äußerungen im Rahmen von religiösen Bezügen immer noch weitläufig von Staats wegen geduldet. Sie sind jedoch auch hier im Sinne des Diskriminierungsgesetzes eindeutig Straftaten.

Es gilt als sicher, dass die abnehmende Religiosität in Deutschland, die zunehmende Europäisierung sowie der zunehmende Atheismus auch hier den Laizismus voran schreiten läßt. Doch eine gesetzliche Einführung desselben wie in Frankreich dürfte im Hinblick auf ein laizistisch völlig rückständiges Deutschland noch eine sehr lange Zeit auf sich warten lassen. Vor allem dann, wenn wie kürzlich geschehen ein aus der Kirche längst ausgetretener Politiker vor seiner Kandidatur zum Bundeskanzler vorsichtshalber wieder in die Kirche eintritt. Es hätte ja Stimmen kosten können…

Nachtrag: Steinbrück ist tatsächlich nicht wie von mir fälschlicherweise vermutet und von einigen Medien verbreitet vor seiner Kanzlerkandidatur in die Kirche eingetreten, sondern bereits 2005.  Siehe hierzu auch diesen Wikipedia-Eintrag. Danke an Juliette für den Hinweis.