Jubel dem Kaiser – gemeinfrei

Manchmal fällt mir beim morgendlichen Duschen spontan und unerwartet ein Gedanke oder eine Frage ein, bei dem ich mich wundere, dass ich mich das bisher noch nie gefragt habe. Normalerweise ist dann mein erster Weg nach dem Duschen der zum Computer, aber da ich gestern keine Zeit zum Suchen und noch schnell etwas außer Haus zu erledigen hatte, schrieb ich mir lediglich das Stichwort ‚Jubelphänomen‘ auf einen Zettel. Zurückgekehrt machte ich mich auf die Suche und fand zu meinem Erstaunen auch nach der Eingabe von mehreren verschiedenen Kombinationen von Suchwörtern tatsächlich so gut wie nichts von dem, was ich zu finden erhofft hatte. Sogar das ansonsten allwissende Wikipedia verweigerte die Auskunft. Der Jubel hat keinen eigenen Eintrag.

Zwar fand ich viele Seiten, auf denen das Wort ‚Jubel‘ oder ‚jubeln‘ vorkam, aber es verwies nie auf das, was ich suchte. Beim Duschen stellte ich mir nämlich speziell die Frage, warum Menschen anderen Menschen zujubeln. Mir persönlich sind solche Formen der Anerkennungsäußerungen im Prinzip völlig fremd. Sicher kenne ich das Jubeln und Applaudieren in Konzerten gleich welcher Art, vor allem dann, wenn die Interpreten ihr musikalisches Programm besonders gut und beeindruckend vorgetragen haben und dafür mit frenetischem Jubelapplaus belohnt werden. Auch kann ich die überschäumende und in wahre Jubelorgien ausartende Freude von den Fans eines Fußballvereins bei einem gewonnenen Fussballspiel oder gar der Verleihung eines Pokals im Prinzip durchaus verstehen, auch wenn ich selbst dem Fussballfieber gegenüber absolut immun bin. Sicherlich wird es weitere solcher Beispiele geben, in denen für eine erbrachte Leistung dieselbe vom Publikum bejubelt wird, vor allem im Sport. Und letztendlich kann ich auch gerade noch den erleichterten Jubelempfang verstehen, den man damals dem amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy bereitet hatte. Die damaligen Ängste der Bevölkerung gerade in Berlin gegenüber der eher unberechenbaren Politik des Ostblocks mögen auf Kennedy den Wunsch nach einem Erlöser projiziert haben. Insofern mag Kennedy unter dem Eindruck bejubelt worden sein, dass endlich nun der Retter (von was auch immer) eingetroffen sei.

Allerdings verstehe ich etwas überhaupt nicht, und ich würde das auch nie selbst tun, nämlich mich mit unzähligen Menschen auf die Strasse stellen, um etwa den Blick auf ein Prinzenpaar mit frischgeborenem Kind oder auf eine kutschenfahrende Monarchin zu erhaschen und diesen Menschen dann zuzujubeln. Ebenso fremd ist mir der Gedanke, mich bei Staatsbesuchen an den Strassenrand zu stellen und womöglich noch mit irgendeiner Landesflagge in der Hand dem Staatsgast hinterher zu jubeln. Vor allem dann nicht, wenn die politischen Leistungen des zu Bejubelnden auch noch völlig unterirdisch sind, wie etwa bei dem damaligen amerikanischen Präsidenten George W. Bush,  der auf Einladung von Merkel zum Grillen in Deutschland erschien.
Auch in diesem Zusammenhang in Erinnerung geblieben ist der seinerzeit völlig abgestürzte Glamourheld und Verteidigungsminister Guttenberg, dessen Auftritte auf dem Höhepunkt seiner kurzen Karriere nahezu höfisch für blanke Selbstverständlichkeiten bejubelt wurden und dessen treue Anhängerschaft nach seinem tiefen Fall sich auf eine so kleine Menge reduzierte, dass dieselbe von der Anzahl der Spötter übertroffen wurde. Was also hat ein solcher Jubel eigentlich zu bedeuten? Warum wird ihnen zugejubelt, obwohl doch inzwischen fast alle unserer politischen Führungsspitzen schon länger in ihren Leistungen ziemlich begrenzt sind und häufig kaum noch das Selbstverständliche erreichen?

Sicherlich gehörte in der Vergangenheit zu Zeiten von Fürsten, Königen und Kaisern das Jubeln des Volkes und somit die Anerkennung des Herrschers zu einer sklavischen Symbiose von beiden Seiten, denn das Volk war von den Erfolgen und Wohltaten seines Herrschers abhängig und dieser wiederum von der durch Jubel ausgedrückten Anerkennung, die zum Teil auch noch wie derzeit in Nordkorea zu einer Pflichtübung verkam. Doch wofür stellt sich heutzutage und ausserhalb solcher Witzdiktaturen jemand an den Strassenrand und jubelt irgendwelchen MonarchInnen oder PolitikerInnen zu? Was sind die Beweggründe und welche Psychologie steckt dahinter?

Das Internet konnte mir die Zusammenhänge nicht beantworten, auch wenn ich beim Suchen gelernt habe, dass Jubelposen zumindest im Sport genetisch bedingt sind. Vielleicht ist das Bedürfnis, irgendwelchen bekannten Persönlichkeiten vom Strassenrand aus zu bejubeln ebenso aus der Zeit der Fürsten und Könige genetisch vererbt. Mir scheint, dass sich bis jetzt noch niemand ausführlich mit dem Phänomen des Jubels auseinander gesetzt hat, denn es ist nirgends beschrieben. Deshalb geht meine Frage an die PsychologInnen unter euch oder an andere Kenner des Fachs. Hat überhaupt schon einmal irgend jemand etwas über dieses Thema geschrieben? Kennt sich jemand mit dem Thema aus oder kann mir jemand eine Webseite oder ein pdf-paper zu diesem Thema empfehlen?

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