Der eingebildete Weg in das Jenseits – gemeinfrei

Seit ein paar Tagen kursiert in den Nachrichten eine Forschungsarbeit mit Ratten, die den neurophysiologischen Zustand eines sterbenden Gehirns untersucht hat. In den entsprechenden Versuchen wurde bei Ratten die Blutzufuhr zum Gehirn unterbunden und somit ein klinischer Tod durch Herzstillstand oder -infarkt simuliert. Dabei kam es innerhalb von 30 Sekunden in dem nicht durchbluteten Gehirn zu einer hochgradigen Synchronisation der Hirnaktivitäten,  die extrem stark anstiegen. NeurowissenschaftlerInnen sind schon länger davon ausgegangen, dass es sich bei den bekannten Nahtod-Phänomenen mit dem typischen klassischen Licht am Ende des Tunnels oder anderen beeindruckenden Visionen um reine psychophysiologische Abwehrmechanismen oder um Halluzinationen handelt.

Dazu passt auch der vor mehreren Monaten veröffentlichte Report, in dem davon berichtet wird, dass Nahtoderlebnisse wesentlich intensiver und realer wahrgenommen werden als biografische Ereignisse des eigenen bisherigen Lebens. Rund fünf Monate vor der jetzigen Veröffentlichung wurde dort bereits eine jetzt bestätigte Einschätzung über Nahtoderlebnisse abgegeben. Dort hiess es: „“Situationen, in denen Menschen Nahtoderfahrungen machen, versetzten das Gehirn in ein absolutes Chaos“, so die Forscher. „Physiologische und pharmakologische Mechanismen werden vollständig gestört, verschärft oder reduziert. Einige frühere Studien bestimmter Komponenten von Nahtoderfahrungen – etwa die außerkörperliche Wahrnehmung – kommen zu dem Schluss, dass diese durch Fehlfunktionen der Temporär- und Partiallappen erklärt werden können“ (Quelle).

Gerade die außerkörperlichen Erfahrungen werden häufig als Beweis für ein echtes Nahtoderlebnis mit Trennung von Körper und Geist gehalten. Tatsächlich jedoch sind externe Beobachtungen keine Seltenheit. Beispielsweise können in fast jedem Traum-Forum Berichte über Träume mit externen Betrachtungen des eigenen Ichs gelesen werden, und auch in Gedächtnisexperimenten sehen Menschen sich selbst häufig aus einer externen Perspektive. „Sich selber von außen zu sehen, ist prinzipiell nichts völlig Ungewöhnliches! Bittet man Leute darum, sich an einen Schwimmbadbesuch zu erinnern, geben etwa 80% von ihnen an, dass sie sich selbst dabei vom Beckenrand aus im Wasser beobachten. Eine mentale Ansicht der eigenen Person von außen zu erstellen, ist eine normale Leistungsfunktion jener Hirnzentren, die multiperspektivisch arbeiten! In Gefahrensituationen greift das Hirn mitunter auf diese Möglichkeit zurück“ (Quelle)

Darauf aufbauend ist man mit den neuen Studien nun den Einschätzungen der Nahtoderlebnisse als reine banale Gehirnfunktion statt eines Übergangs in eine göttliche Welt  anhand der Experimente mit den Ratten näher gekommen. Dass ein Gehirn trotz fehlender Durchblutung noch eine Zeitlang aktiv bleibt ist im Prinzip nicht neu: „Wir hatten zwar einige Aktivitäten im sterbenden Gehirn erwartet und vorhergesagt“, so der an der Studie beteiligte Neurochirurg Dr. George Mashour, „doch wir waren von dem hohen Grad dieser Aktivität überrascht. (…) Tatsächlich fanden wir zahlreiche elektrische Signaturen im Nahtodzustand, wie wir sie bislang eigentlich nur vom Wachzustand her kannten. Dies legt nahe, dass das Gehirn also auch im Zustand der frühen Phase des klinischen Todes zu hochgradig organisierter elektrischer Aktivität fähig ist.„(Quelle)

Dass solche Ergebnisse irgendwann zu erwarten waren und sich damit zunehmend die gewünschte Verbindung zu einer Spiritualität oder zu religionstypischen Orten wie Jenseits oder Paradies als Hirngespinste im Sinne des Wortes entpuppen wurde von vielen Wissenschaftlern vorhergesagt. Auch das Phänomen mystischer und göttlicher Visionen von allerlei heilig gesprochener Persönlichkeiten in der katholischen Kirchen sind inzwischen allesamt  – soweit Berichte über die Vorgänge überliefert sind – als Fehlfunktionen des Gehirns zumeist in Verbindung mit Schläfenlappenepilepsie beschrieben. Diese Zustände inklusive der dabei manchmal göttlichen Visionen können sogar im Versuchslabor künstlich erzeugt werden.

Zu einer künstlichen Erzeugung ohne tatsächliche Todesgefahr reicht es bei der Forschung über Nahtoderlebnisse bisher noch nicht. Aber es stellt sich natürlich die Frage, wie beeindruckend real denn solche Halluzinationen sein müssen, wenn sogar manche Neurowissenschaftler ihren eigenen chaotischen Zuständen im Gehirn auf den Leim gehen und diese trotz fundiertem Wissen und wissenschaftlich erklärbaren Mechanismen für real halten. Interessant ist auch, dass gerade in diesem sensiblen und noch stark religiös besetztem Bereich bei vielen die sachliche Vernunft auszusetzen scheint und die religiöse Konditionierung durchschlägt. So auch bei einer Gruppe von Wissenschaftern, die ganz unwissenschaftlich den Autoren eines Skeptikerbeitrags zum Thema Nahtoderfahrung nahelegen wollten, sie mögen doch die Wissenschaftlichkeit erweitern und die visionären Erzählungen als reale Begebenheiten in ihre Studien einbauen. Die Antwort der Autoren fiel jedoch erwartungsgemäß wissenschaftlich nüchtern aus. Trotz aller Kritik „hätten weder sie noch andere Forscher „bislang überzeugende Beweise für Nahtoderfahrungen vorgelegt, die dem, was man bereits über das Gehirn wisse, widersprechen.„(Quelle)

Letztendlich bleibt demzufolge nur noch die Frage, warum das Gehirn sich solche eher verschwenderischen Aktivitäten leistet und in Gefahrensituationen in Gang setzt. Vermutet wird, dass Nahtoderlebnisse biologisch deshalb sinnvoll sein können, weil sie zum einen dem Körper helfen, in Extremsituationen überlebensfähig zu bleiben und in einer entsprechenden Situation mit einem zu erwartenden tödlichen Ausgang schlichtweg Panik und Entsetzen lindern. Insofern wird hin und wieder davon berichtet, dass manche verschütteten und unter der Schneelast verstorbenen Lawinenopfer recht häufig mit einem äußerst zufriedenem Gesichtsausdruck gefunden wurden.

Nahtoderlebnisse als reiner Selbstzweck, als Selbstschutz vor Panik und Entsetzen, um Ressourcen für ein mögliches Überleben zu schonen oder um im Angesicht des Todes sich die restlichen Sekunden ein wenig schöner zu machen. In jedem Falle hat die Evolution sogar für die Zeit des Sterbens eine praktische Lösung gefunden, um die Biologie und die Psyche ruhig zu halten. Ein angenehmer Gedanke. Mir persönlich ist es nämlich völlig egal, dass es kein Hinübergleiten in eine andere Welt oder gar in ein Paradies geben wird. Hauptsache, ich muss mich in der Zeit des Sterbens bis zum endgültigen Tod nicht aufregen. 😉

Siehe auch:
Nahtod-Erlebnisse, Telepathie und außerkörperliche Erfahrungen
Gott im Gehirn
Wann begegne ich mir selbst? Das Ich im Spiel der Neuronen
Die Banalität mystischer Visionen
Gott und Wissenschaft – Nahtodes-Erlebnisse – ein Blick ins Jenseits?
Grenzwissenschaft-aktuell – Nahtoderfahrungen: Forscher weisen erstmals Bewusstseinssignale im sterbenden Gehirn nach
Grenzwissenschaft-aktuell – Psycho-physiologische Studie zeigt: Erinnerungen an Nahtoderlebnisse sind realer als die an fiktive und reale Erfahrungen
Grenzwissenschaft-aktuell – Wissenschaftler kritisieren Skeptiker-Artikel zu Nahtoderfahrungen

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