Wahlurne – gibt es in allen politischen Farben – gemeinfrei

Ich weiss nicht, wie es euch so ergeht, aber beim Thema Wahlkampf taucht bei mir zuerst die Frage auf: welcher Wahlkampf? War da was?
Natürlich sind die inzwischen zunehmenden Wahlplakate am Strassenrand und an den Laternenpfählen nicht zu übersehen, und hier und da kann man vermehrt geschäftige Menschen aus den politischen Ortsvereinen beim Anbringen solcher Plakate beobachten. Die darauf enthaltenen Bilder und Texte sind jedoch so eindringlich uninteressant gestaltet, dass ich mich an keines wirklich erinnern kann. Sogar das überdimensional wuchtige bayerische CSU-Plakat zur Landtagswahl am 15. September (huch, schon in vier Wochen) musste ich mir erst erneut im Internet anschauen, weil im Vorbeifahren nichts von dessen Inhalt im Gedächtnis geblieben ist. Die Inhaltsleere des Plakates gleicht der Inhaltsleere der werbenden Partei, und da ist die CSU keine Ausnahme.

Dem mautenden Horst Seehofer mißlingt unübersehbar auf dem Plakat mit dem Slogan „Unser Ministerpräsident“ (wohl in Anlehnung an Johannes Raus Werbeslogan der 80er Jahre mit „Wir in Nordrhein-Westfalen“) die eher arrogant und abstoßend wirkende Zwangsumarmungspolitik einer siegesgewissen Partei. Dagegen fällt Udes Plakat von der SPD mit dem in der Hand und wie bei allen Politikern nicht im Hirn gehaltene Wort nur deshalb auf, weil er mit seiner Kampagne in der Internetgemeinde deswegen bereits ordentlich verspottet wurde. Aber auch negative Werbung ist Werbung.
Die hessische SPD dagegen glänzt mit einem sinnentleerten WIR auf den Plakaten. Diese haben wohl nicht mitbekommen, dass selbst bei eingefleischten SPD-Anhängern bei dieser inzwischen völlig abgedroschenen Rau´schen emotionalen Wählervereinnahmung der Blutdruck steigt und dieselben über das intensive Parteifarbenrot hinaus im Gesicht dunkelrot anlaufen. Da war doch die damalige personenbezogene Werbung mit Schäfer-Gümbel richtig sympathisch, allein schon wegen seiner freundlich-humorigen Erscheinung.

An strategischer Ahnungslosigkeit ist dagegen kaum zu unterbieten, dass Peer Steinbrück sich auf seinen Wahlplakaten zur Bundestagswahl nicht selbst abbilden läßt, sondern eindeutige Wahlkampfhilfe für seine Gegner betreibt. Haben die für diesen Schwachsinn Verantwortlichen einmal darüber nachgedacht, was ein vorbeifahrender Autofahrer in dem kurzen Moment des Vorbeifahrens eigentlich sieht? Genau, er sieht nämlich die politischen Akteure der anderen Parteien in netter Runde mit irgendwelchen weiteren Nullnummern. Die bleiben ihm im Gedächtnis, da Dank Steinbrücks Wahlkampf nun an fast jeder Laterne Merkel und Co hängen werden, und ob die Vorbeifahrenden je dazu kommen, den Unterschied der Plakate im entsprechenden Text zu entdecken ist mehr als zweifelhaft. Dagegen wird Steinbrück visuell gar nicht mehr wahrgenommen. Die Kampagne ist so unterirdisch, dass es schon fast ein Glück ist, wenn der Anblick des inzwischen handzahmen SPD-Kandidaten uns erspart bleibt.

Dabei lief es für die SPD zu Beginn viel besser. Steinbrück ließ ursprünglich durch seine aneckenden Klartextsprüche in der Tradition von Schmidt Schnauze aufhorchen und Gutes für andere Themen erhoffen. Leider hat er sich nach seinen Clownaussagen über die italienischen Wahlsieger dem Shitstorm gebeugt und ist zu einem lammfrommen Gewäschpolitiker verkommen, auch wenn er die Aussage selbst nicht zurück genommen hat. Sein Klartext wurde zunehmend zu verkümmerten Mini-Nebelkerzen, dafür läßt er sich neuerdings auf Zeitungsverlage ein, die genauso wie er auf dem absteigenden Ast sitzen. Peer Steinbrück hat bedauerlicherweise seine Talente und seine spitze Zunge in diesem Wahlkampf schlichtweg unterdrückt, sich den unfähigen Wahlkampfstrategen gebeugt und dabei seine Authentizität verloren, die ihn ursprünglich als Politiker mit weitreichendem Sachverstand ausgezeichnet haben.

Aus diesem Grund wird das Stimmenverhältnis der beiden großen Volksparteien bleiben wie bisher, denn von der Bundeskanzlerin und politischen Führungsnull (die mit der Alternativlos-Macke) habe ich mangels Präsenz noch gar kein Wahlplakat übersehen können. Macht die CDU überhaupt Wahlkampf? Wahrscheinlich hat sie den auch gar nicht nötig. Und außerdem erledigt das ja bereits die SPD für sie.

Selbst die von mir in letzter Zeit so deftig gerschmähten und heftig beschimpften grünen Ökofetischisten fallen mir am Strassenrand nur durch ihre auf den Plakaten unvermeidliche Plastik-Sonnenblume auf. Weder kann ich mich an die abgedruckten grünen Gesichter noch an irgendwelche eventuell vorhandenen Aussagen erinnern. Aber das ist ja auch nicht nötig, wenn Wahlplakate nur noch mit aussagekräftigen Nullkommanichts bestückt werden. Immerhin bleiben die Grünen jedoch durch ihren nachhaltigen Ökoterrorismus auf andere Art und Weise in Erinnerung, auch wenn das nicht gerade als wahlstimmenfördernd verstanden werden kann.

All die anderen und zumeist nichtssagenden kleinen Parteien fallen zum Glück überhaupt nicht auf. Noch mehr präsentierte Luftblasenleere wäre auch kaum noch zu ertragen. Insofern tritt nicht einmal der damalige Hoffnungsträger Piratenpartei in Erscheinung, in der die Mitglieder inzwischen und anscheinend vollständig nur noch mit sich selbst beschäftigt sind.

Wem also gebe ich am 22. September meine Stimme? Ich werde meinen Stimmzettel in die Tonne im Bild oben versenken, und wer mir nun erzählen will, dass dies eine verschenkte Stimme für die Gegenpartei sei: Ja genau! Ich sage euch aber nicht, an wen ich die Stimme verschenken werde. 😉