Vogelfrei und gemeinfrei

Was haben wir nicht alles schon von Gegebenheiten oder gar ausgemachten Bedrohungen hören oder lesen müssen, von denen eine bestimmte Interessengruppe oder Partei die Menschheit oder speziell die Deutschen befreien wollte. Das grausamste solcher Begehren war der Wunsch der Nazis nach einem judenfreien Deutschland. Dazu sollte es noch „zigeunerfrei“, nichtarierfrei, sozifrei, kommunistenfrei, zersetzungsfrei, verräterfrei, ungehorsamsfrei und überhaupt ausländerfrei werden. Die Bündelung der Forderungen hat jedoch dazu geführt, dass Millionen Menschen umgebracht und somit Deutschland fast menschlichkeitsfrei wurde. Tatsächlich frei wurden die Deutschen ab der genullten Stunde dann eher von dem Wahnsinn des arischen Übermenschen in ihren Köpfen, und einige der Köpfe konnten nach dem Krieg nur mit dem nötigen alliierten Nachdruck nazifrei werden.

Anscheinend sind solche Forderungen nach entsprechenden Totalbefreiungen –  von was auch immer –  in seiner stets unerbittlichen und manchmal auch unmenschlichen Radikalität ein Grundzug des menschlichen Wesens, um sich vermeintliche Gefahren vom Leib zu halten. Gleich nach dem Krieg gab es demzufolge erneut die ersten neuen oder alten Aussagen über diverse Wünsche zu einer angebliche Befreiung. Die Rufe von diversen Ewiggestrigen nach einem ausländerfreien Deutschland haben bis zum heutigen Tag nie aufgehört, aber in der zunehmenden Europäisierung werden deren Ausfälle zumindest politisch bis auf wenige Ausnahmen von niemandem mehr wirklich ernst genommen. Doch was in all den Jahren seit der Gründung der Bundesrepublik sonst noch an Befreiungen gefordert wurden, läßt sich gar nicht vollständig aufschreiben, ohne den Rahmen der für mich üblichen Artikellänge zu sprengen.

So ist wohl jedem noch die Forderung nach einem atomwaffenfreien Deutschland in Erinnerung. Entsprechende Protestaktionen gab es seit 1957. Zwar sind dieselben in den letzten Jahren mangels Feindbild abgeebbt, Atomwaffen sind jedoch bis heute in Deutschland stationiert. Und ob wir sie wirklich ganz abbauen lassen sollten ist nach wie vor zweifelhaft. Dagegen wird der Forderung nach einem atomkraftwerksfreien Deutschland inzwischen nachgegeben, obwohl die Restlaufzeiten noch sehr lange sind.

Uralt ist auch die immer wiederkehrende Forderung nach autofreien Städten oder Innenstädten. Es gibt sogar Projekte für autofreies Wohnen. Anfang der 80er Jahre forderte die Alternative Liste sogar ein autofreies Berlin. Manche in Alsfeld wünschen, dass die gesamte Stadt lkwfrei wird. Wie schwachsinnig solche einseitigen Forderungen in einer durch und durch mobilisierten und konsumierenden Gesellschaft sind scheint sich den Forderern nicht zu erschließen.

Dem Begehren nach rauchfreien öffentlichen Bereichen wird zunehmend stattgegeben. Seit neuestem steht auch das Rauchen in den eigenen vier Wänden auf dem Spiel, und es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis die Forderungen nach einem rauchfreien Deutschland lauter werden. Solche Auswüchse werden jedoch auf Dauer keinen Bestand haben, weil sie zu sehr in die Privatsphäre des einzelnen Menschen eingreifen. Wir wissen aus der Geschichte, wohin dies führt.

Den ideologisch verblendeten Grünen haben wir zu verdanken, dass Deutschland fast gentechnikfrei ist. Zusätzlich soll die Bevölkerung in Sachen Gentechnik wie bereits in Niedersachsen initiiert nun auch noch konsequent bildungsfrei werden. Der Schaden sowohl für die deutsche Forschung als auch für die Wirtschaft ist noch gar nicht abzusehen, aber in jedem Falle nachhaltig und kann durchaus mit dem Fall Lyssenko verglichen werden. Seit neuestem fordern dieselben Ökoterroristen einen fleischfreien Donnerstag, vielleicht demnächst auch fleischfreie Mietshäuser…

Käse und andere Milchproduklte müssen zunehmend laktosefrei sein. Kalorienbomben sollten zumindest sahnefrei sein, am besten jedoch ganz kalorienfrei. Wobei man sich fragt, warum nicht gleich ein ernährungsfreies Leben gefordert wird, das spart immerhin immens Energie und Tierleben. Am besten fragt man in Foren herum, wie man sich ernährungsfrei ernähren kann.

Bioprodukte müssen pestizidfrei sein. Dafür enthalten sie vermehrt Keime, manchmal auch tödliche. Aber immerhin können Bioprodukte über die Biotonne rückstandfrei entsorgt werden.

Nahverkehrszüge sind inzwischen zum Teil alkoholfrei, und an manchen besonderen Tagen verkehren einige der Fahrgäste in Zügen weltweit hosen- und rockfrei.

Wohnungen werden manchmal nur noch vermietet, wenn die neuen Mieter katzen- oder hundefrei sind, ab und zu müssen sie auch kinderfrei sein. Dazu passend werben inzwischen manche Cafés und Restaurants damit, kinderfrei zu sein.

Ein neuer Trend ist inzwischen die auch in Europa angekommene Forderung, die voreheliche Zeit sexfrei zu halten.

Vielleicht auch daraus resultiert der Wunsch einiger älterer Politiker aus konservativen Kreisen, häufig CSU-Politiker, dass das Internet pornofrei sein müsse, in diesem Fall zumindest für Jugendliche.

Eine merkwürdig unterirdische alternative Partei fordert, dass Deutschland eurofrei wird. Vielleicht fordert ja demnächst noch jemand, dass Europa deutschlandfrei oder Deutschland europafrei wird. Diese Forderungen sind allesamt völlig intelligenzfrei, aber keineswegs egoismusfrei.

Tägliche Druckerzeugnisse werden auf öffentlichem Druck hin zunehmend brustfrei, und ein Bericht über garantiert unterhosenfrei hat mich eher verwirrt.

Manche Vereine sind vollständig religionsfrei und fordern einen solchen religionsfreien Staat. Ganz zum Bedauern der katholischen Religion blieb einer der Vereine trotz eines Verstosses gegen das Feiertagsgesetz bußgeldfrei.

Landesbank, Kirchen und die Linken sollen politikfrei werden, letztere nur am Wochenende, wogegen gleichzeitig fussballfrei für manche eine mittlere Katastrophe bedeutet.

Merkwürdigerweise sind aber die wirklich wichtigen Forderungen bisher gänzlich unterblieben. Lediglich in einem Antrag der Partei DIE LINKE aus dem Rheingau-Taunus-Kreis möchte denselben armutsfrei gestalten. Dagegen möchten manch andere gerne die Städte nur deshalb armutsfrei halten, weil der Anblick für Reiche unangenehm ist.

Übrigens: Der Grünen-Politiker Giegold wollte vor drei Jahren die schwarz-gelbe Koalition rückstandsfrei entsorgen, ich möchte das wiederum heute mit den Grünen machen. Ansonsten benötige ich keine Totalbefreiungen, deswegen ist dieser Beitrag ganz bewusst nicht ironiefrei.

Einen haben wir noch: Im Schwarzwald werden die Strassen hin und wieder kuhfrei gemeldet. 😉