Bild: Nesselsetzer ©

Wie meine verehrten LeserInnen sicherlich gemerkt haben war mein Blog bisher noch weitgehend im Ruhemodus. Der Tod unserer Mutter war auch trotz ihres relativ hohen Alters ein einschneidendes Ereignis und mein Kopf für andere Themen nicht frei. Wenn der letzte Elternteil stirbt verliert sich für die direkten Nachkommen völlig unabhängig vom Alter nicht nur die letzte reale Verbindung zur eigenen Kindheit. Es offenbart sich auch, dass wir „Kinder“ nun zu der nachrückenden Generation gehören, die bei einer möglichen und bisher glücklicherweise eingehaltenden Reihenfolge als nächste mit dem Sterben dran sind, auch wenn wir noch weit unter dem statistischen Lebenserwartungsdurchschnittsalter liegen.

Abgesehen davon ist die materielle Nachlese ebenso keine rein rationale Angelegenheit. Die anfänglichen Schwierigkeiten von meinem Bruder und mir, die Wohnung unserer Mutter gezielt aufzulösen, lassen sich kaum beschreiben. Wir saßen die ersten Tage nach ihrem Tod in ihrer Wohnung und verschafften uns zuerst einen Überblick über die Akten und den Inhalt der Schränke. Bei jedem der sehr gepflegten Textilien und Möbel war der Gedanke an eine Entsorgung erst einmal unerträglich. Zudem hatte unsere Mutter, die im 2. Weltkrieg Hunger gelitten und Armut erlebt hatte bis zu ihrem Tod eine für die Kriegsgeneration typische Wertschätzung des erarbeiteten Wohlstandes. Dazu zählte ganz besonders die in den wirtschaftswunderlichen Jahren gekaufte Wohnungsausstattung. Insofern hinterließ sie uns rundum gut gepflegte Möbel, darunter die aus den Anfängen der 70er Jahre stammende dunkle Wohnzimmereinrichtung in Schleiflack-Hochglanzlackierung, die meine Mutter auch nach dem Tod unseres Vaters im Andenken an ihn und in Anerkennung des erarbeiteten Nachkriegswohlstandes pflegte.

Der relativ lange Aufenthalt in der noch intakten Wohnung in den ersten Tagen nach ihrem Tod vermittelte mir eine gewisse Befriedigung, weil ich völlig bewusst auf diese Weise zumindest das Lebensumfeld unserer Mutter noch ein paar Tage geniessen und mich von dem Ort langsam verabschieden konnte, an dem ich in den letzten Jahren regelmäßig nach ihr gesehen und hin und wieder dort zu Abend gegessen hatte.
Gleichzeitig waren meinem Bruder und mir jedoch die Unlust an den nun zu treffenden Entsorgungsentscheidungen über die Wohnungsausstattung deutlich anzumerken und äußerte sich häufig in dem Wunsch, einfach zu flüchten (was wir natürlich nicht taten). Letztendlich jedoch waren wir beide der Ansicht, so viel wie möglich entweder selbst zu verwerten bzw. in andere Hände zur weiteren Nutzung zu übergeben. Da wir beide jedoch bereits eine komplette Wohnungseinrichtung haben, konnte zu dieser allenfalls Kleinigkeiten dazu gestellt werden. Große Dinge waren kaum aufnehmbar. Zusätzlich entsprach natürlich ein Teil der Möbel nicht mehr unbedingt den Vorstellungen einer modernen Wohnung, auch wenn diese noch so gut gepflegt wurden. Die Zeit ist eben vorbei und es ist trotzdem noch viel zu früh, um solche Möbel bereits als Antiquitäten zu bezeichnen. Glücklicherweise steht bei meinem Sohn ein Umzug in eine größere Wohnung in nächster Zeit an, so dass wir einige der ebenso vorhandenen zeitlosen Möbel sowie einen großen Teil des Hausrats ihm zur Lagerung übergeben konnten.
Was nicht unter uns oder in der Verwandtschaft aufgeteilt werden konnte, wurde – vor allem im Hinblick auf einige der Möbel und fast allen Textilien  – an bekannte Sozialeinrichtungen zur Weiternutzung durch Bedürftige gegeben oder anderweitig verschenkt. Letztendlich wurde ganz in unserem Sinne und in dem unserer Mutter nur wenig über Sperrmüll entsorgt.

Zuguterletzt muss ich mich nun von diversen Gewohnheiten verabschieden, die bisher in das Leben von uns Kindern als selbstverständlich integriert waren –  wie das erwähnte Nachsehen nach ihr oder das regelmäßige gemeinsame Fahren zum Einkaufsmarkt. Am deutlichsten aufgefallen ist mir jedoch die bisherige Gewohnheit, nach der Arbeit zuerst zu meiner Mutter zu fahren. Dazu musste ich nämlich an einer bestimmten Kreuzung rechts abbiegen, während ich – um zu meiner Wohnung zu fahren – an gleicher Kreuzung hätte links abbiegen müssen. Da ich in den letzten Jahren aber grundsätzlich nach der Arbeit immer erst bei unserer Mutter nach dem Rechten sah, fiel mir nun das Linksabbiegen zuerst enorm schwer. Ich hatte in den ersten Tagen stets das Gefühl, dass ich noch etwas vergessen hätte und auf dem falschen Weg wäre.
Es wird wohl noch einige Zeit bis zur vollständigen Umwandlung all dieser nun hinfälligen Gewohnheiten in bleibende Erinnerungen dauern. Aber es ist eine zwangsläufige und nötige Veränderung, gegen die ich mich nicht wehren werde. Denn der Blick in die Zukunft darf trotz aller Erinnerungen niemals durch Vergangenes verstellt werden, und seien diese Erinnerungen auch noch so liebevoll.