Ende November 1923 wurde sie in einem kleinen Dorf im bayerischen Norden geboren. Nach einer nicht unbedingt leichten Kindheit (wer hatte die damals auf dem Lande schon) und die durch einen grossdeutschmäuligen Psychopathen verursachten Kriegswirren im angeblich tausendjährigen Reich erlebte sie als junger Mensch die daraus resultierenden Entbehrungen und Hungersnöte nicht nur in harten Wintern.

1946 lernte sie ihren Mann kennen, einen schlesischen Flüchtling, der seine Heimat durch den von den deutschen Nazis angezettelten Krieg verloren und seine ebenfalls geflüchtete Familie in einem Nachbardorf unserer Mutter wiedergefunden hatte.
Die Hochzeit der beiden fand ein Jahr später in geliehenen Kleidern und Schuhen statt, und die Schuhe musste unser Vater, so wie mir berichtet wurde, noch während der Hochzeitsfestlichkeiten nach der standesamtlichen und kirchlichen Trauung wieder an den Schuhbesitzer zurück geben, da dieser selbst auf einer anderen Tanzveranstaltung als Musiker sein Geld verdienen musste.

Unsere Eltern mit meinem Bruder

Noch vor den wirtschaftswunderlichen Jahren zog die junge Familie  – mein Bruder war inzwischen geboren – in eine nordrhein-westfälische Großstadt, in der unser Vater eine feste Anstellung bei der Deutschen Bundesbahn erhielt. Sechs Jahre später und eher völlig ungeplant aber dann dennoch genauso mit Freude erwartet wie das erste Kind bekam unsere Mutter ihren zweiten Sohn – mich.

Eigentlich waren wir nach außen eher eine dieser typischen Nachkriegsfamilien im aufstrebenden Deutschland, doch es gab nach innen einige ungewohnte Auffälligkeiten, die uns als Nachkommen deshalb zuerst gar nicht auffielen, weil wir sie für selbstverständlich hielten. Da war zum einen dieses pure Selbstverständnis eines friedfertigen und zusammenhaltenden Familienlebens, das in einem stets authentisch wirkenden respekt- und liebevollen Umgang der Eltern untereinander seine Ursache hatte. Ihre Einstellungen zur Familie waren geprägt von einer völlig unauflöslichen und dennoch rational betrachteten Einheit zwischen allen engeren Familienmitgliedern. Das zeigte sich auch in dem Selbstverständnis, mit dem beide Elternteile ihre Schwiegertöchter schon vor der Hochzeit und später mit großer Freude und Liebe den Enkel in die Familie integrierten und dennoch gleichzeitig die Selbständigkeit der neuen Familien stets respektierten. „Das müssen sie selber wissen“ war zumeist der Standardspruch, wenn die Kinder anders als erwartet agierten. Diese für uns im Vergleich zu anderen Familien im eigenen Umfeld zunehmend als eher ungewöhnlich auffallende Selbstverständnis einer so klaren und zutiefst gefestigten und doch von Eigenständigkeit geprägten familiären Struktur lebte unsere Mutter auch über den Tod unseres Vaters hinaus, auf dessen Ableben sie allerdings zuerst mit gesundheitlichen Einbrüchen reagierte. Doch sie lebte nicht nur in der Hingabe an die Familie, sondern verstand sich durchaus selbst als vollwertiges Familienmitglied mit eigenem Leben und Wünschen und erholte sich nach dem Tod ihres Mannes wieder.

Noch viel auffälliger als die Selbstverständlichkeit des Familienlebens war jedoch, dass es nie wirklich Streit gab, weder zwischen den Eltern noch zwischen Eltern und Kindern. Zwar gab es durchaus Mißstimmigkeiten, vor allem in der Zeit, in der sich bei uns Kindern der typische Abnabelungsprozess bemerkbar machte, aber weder waren diese Auseinandersetzungen von Dauer noch war jemand in der Familie dauerhaft nachtragend, nicht einmal für fünf Minuten. Welche Mißstimmigkeiten sie selbst als Ehepaar ausgetragen haben blieb uns Kindern verborgen. Viele können es jedoch nicht gewesen sein, denn ihr lockerer familiärer und häufig humorvoller Umgang untereinander, der nie sarkastisch oder gar abwertend war, zeugte von eben dieser friedfertigen familiären Grundstimmung des Zusammenhalts, die wir als Kinder nie anders erlebten und später ob seiner Selbstverständlichkeit schätzen lernten. Wir haben unsere Eltern niemals in einer unterschwellig misslichen Stimmung erlebt, bei der wir hätten nachfragen müssen, was denn los sei.
Demzufolge erlebten wir unsere Mutter nie wirklich richtig verärgert oder gar zornig oder schreiend. Ganz selten war sie das, was man heute lapidar „sauer“ nennt, aber auch dieser Zustand verlor sich innerhalb von wenigen Minuten. Manchmal sagte sie etwas auf eine bestimmende Art und Weise, aber sie wurde nie laut dabei und jeder in der Familie wusste, dass sie sich gerade geärgert hatte.

Es gibt kaum Bilder, auf denen sie nicht lächelt

Unsere Mutter hatte einen eigenen Blick auf die Welt, den ich schlichtweg als neidlos und rational bezeichnen würde.  Zwei Eigenschaften, die sie eindeutig an uns weiter gegeben hat und damit sowohl uns als auch andere in ihrem Umfeld bis heute beeinflusste. Sie gilt deshalb nicht nur bei uns Kindern als echtes Vorbild für Verbundenheit, Zusammenhalt und Gelassenheit, sondern vor allem auch bei ihrem Patenkind, eine unserer Cousinen, mit der sie sich bis zuletzt ausgezeichnet verstand und die durch den externen Blickwinkel das tiefe familiäre Selbstverständnis unserer Mutter viel deutlicher sehen konnte als wir Kinder. Für uns war dies durch die familiäre Sozialisierung selbstverständlich, und wir realisierten demzufolge erst viel später, dass diese Einstellung in diesem Rahmen eher zu den Besonderheiten zu gehören schien.

Bis zum Schluss hat sie dieses familiäre Selbstverständnis, ihre Ruhe und Ausgeglichenheit, ihre Vorbildfunktion des ausgeglichenen Familienlebens und ihre Unaufgeregtheit beibehalten. Bis zum Schluss hatte sie das Glück, dieses familiäre Selbstverständnis bewusst zu leben und zu erleben. Sie wäre Ende November in diesem Jahr 90 Jahre alt geworden. Wir wissen, wussten und haben es nur allzu gerne verdrängt, dass sie das statistische Durchschnittsalter überschritten hatte und wir demzufolge mit einem Ableben in den folgenden Jahren zu rechnen hatten, auch wenn sie geistig fit und körperlich dem Alter entsprechend nur leicht beeinträchtigt war. Wir hatten das Glück, dass wir sie so lange erleben durften. Sie verstarb am frühen sonnigen Montagvormittag, am 1.07.2013, ohne leiden zu müssen.

Sie war eine großartige und souveräne Frau, Mutter, Großmutter und Patentante. Wir vermissen sie.

Unsere Mutter mit mir und meinem Bruder (im Hintergrund).
Alle Bilder: Nesselsetzer ©