Das wird vielen Anhängern von alten Traditionen nicht gefallen: Alois Glück, seines zeichens Vorsitzender des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, hat in einem Interview mit einem Radiosender (der aufgrund des LSR hier nicht mehr genannt wird) davon gesprochen, dass eine Argumentation, deren Begründung sich auf eine Tradition beruft, auf Dauer keinen Bestand hat. Das brachte mich auf die Idee, hier bei meinen treuen Leserinnen und Lesern einmal nachzufragen, welche der bekannten Traditionen denn überhaupt sinnvoll sind, und welche von denen letztendlich so notwendig sind, dass sie für bestimmte Lebensbereiche oder gar für die Gesellschaft absolut unverzichtbar sein könnten.

Vor einiger Zeit hatte ich ja bereits die Frage nach dem Sinn von Traditionen gestellt und den Wert derselben allgemein angezweifelt. Außerdem hatte ich die uneinheitliche und letztendlich vor allem die schwammige Klassifizierung bemängelt. Deshalb möchte ich hier auch keine Diskussion darüber führen, was jeder unter Tradition versteht. Für diese Fragestellung sei eine Tradition nur dann eine, wenn sich die Inhalte derselben nicht mehr verändern oder weiterentwickeln. Insofern ist  – als Beispiel – das Essen mit Messer und Gabel in dieser Hinsicht keine statische Tradition, weil bei einer Erfindung eines neuen oder besser zu handhabenden Bestecks dieses praktischerweise angewendet werden würde. Erst das Festhalten an dem alten Besteck trotz einer praktischeren Neuentwicklung würde dies zu einer überflüssigen Tradition werden lassen. Deshalb ist auch zu vernachlässigen, dass die Weitergabe dieser Form der Speisenbewältigung als Handlungsmuster an die nächste Generation eigentlich bereits als Tradition bezeichnet werden kann. Dennoch sehe ich hier eher, dass auf diese Art der Tradition letztendlich aus den obengenannten Gründen auch ganz gut verzichtet werden kann. Neben der erwähnten möglichen Neuentwicklung kann ja auch mit Fingern  oder Stäbchen gegessen werden. Aus diesem Grund ist das hier angeführte Beispiel des Essens mit Besteck keine notwendige Tradition im Sinne von unverzichtbar, und es taugt nicht einmal als traditionelle Vorlage für zivilisiertes Essverhalten oder als kulturelle Hochwertigkeit einer zivilisierten Gesellschaft, weil diese Wertigkeit mit anderen Tischsitten genauso zu erreichen wäre.

Es geht mir hier also darum Traditionen zu finden, die – vielleicht auch unbewusst – so stark  im alltäglichen Leben als Selbstverständlichkeit integriert sind, dass auf sie nicht mehr verzichtet werden kann. Deshalb stelle ich noch einmal ganz gezielt die folgenden ineinander übergreifenden Fragen:

  1. Welche  Tradition ist so unverzichtbar, dass deren Wegfall einen bestimmten Bereich des Lebens der Menschen in einer Gesellschaft wesentlich nachteilig verändern würde?
  2. Welche Tradition wird als notwendig für das alltägliche Leben gehalten oder erachtet?
  3. Welche Tradition wird als so sinnvoll gehalten, dass ihr Inhalt nicht oder nur geringfügig geändert werden darf oder sollte?

Ich bitte um rege Beteiligung in den Kommentaren!

Siehe auch:
Traditionelle Diskriminierung
Gewalt(ige) Rückständigkeiten
Die überflüssige Sonderstellung der Ehe
Tradition! Tradition! Tradition!

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