Die uns immer überdrüssiger werdende Bundeskanzlerin Angela Merkel wurde mit ihrer Bezeichnung des Internets als #Neuland zu recht mit Spott und Häme überzogen, denn sie zeigt damit deutlich, dass sie und ein großer Teil ihrer Generation das Internet trotz des inzwischen 20jährigen öffentlichen Bestehens noch lange nicht als Selbstverständlichkeit verinnerlicht haben. Gleichzeitig ist nicht nur sie, sondern auch ihr rückwärtsgewandter Innenminister Hans-Peter Friedrich der Ansicht, dass die Gefahr illegaler Umtriebe in dem inzwischen weltumspannenden Informationsaustauschnetz immens sein können und deshalb der Staat in der Tradition des preussischen Misstrauens gegenüber seinen Bürgern dieselben unter weitreichender Kontrolle halten muss.

Diese beiden Aussagen von Neuland und Gefahr sind nur auf den ersten Blick nicht miteinander verknüpft, tatsächlich jedoch sind sie das zwangsläufige Ergebnis einer überforderten Altersgeneration. In das gleiche Horn wie Merkel und Friedrich stößt nämlich auch der hannoverische Landesbischof Ralf Meister, der eine Breitseite auf die junge Generation mit den Worten feuerte, dass diejenigen, die sich über die Aussage der Bundeskanzlerin aufregen, lediglich nur auf ihren eigenen beschränkten Horizont verweisen würden. Gleichzeitig forderte er viel härtere Strafen für den „Missbrauch des Netzes“, auch wenn er im Hinblick auf die Flutkatastrophe auch das Positive am Netz sah (anscheinend weiss der Mann wirklich nicht, was sich im Netz abspielt…). Doch im Prinzip sieht er genauso wie Merkel und Friedrich das Netzwerk als zum Teil gefährliches und fremdgesteuertes Modell weltweiter Kommunikation, welches deutlich reguliert werden müsse und beklagt zudem noch das Fehlen eines direkten Gegenübers beim Posten (hä..?).

Das suspekte Netz gemeinfrei

Mit solchen Aussagen jedoch offenbart der im Jahre 1962 geborene Meister genauso wie Merkel (geb. 1954) und Friedrich (geb. 1957), dass sie auch geistig im Trend der bereits das 50ste Lebensjahr überschritten habenden Menschen liegen und somit inzwischen zu einer Generation gehören, die häufig – vor allem dann, wenn diejenigen auch noch zu den konservativen Traditionalisten gehören – neuen Dingen grundsätzlich suspekt gegenüber stehen und ob der Größe und der Vielfältigkeit des Internets schnell in den Bereich der Überforderung gelangen (früher nannte man solche Leute Spießer…). Dazu gehört nicht nur das Unbehagen ob der eigenen fehlenden Möglichkeit des Überblicks, sondern auch die tiefe Ahnungslosigkeit über mögliche Gefahren, die solche Netzwerke zwangsläufig mit sich bringen. Daraus kann die Vermutung abgeleitet werden, dass diese ältere Generation das Internet nicht nur weniger, sondern auch auf eine andere Art und Weise nutzt als die jüngeren Netzteilnehmer, denen der Umgang mit Internet und Daten inzwischen als völlig selbstverständlich erscheint.

In der Tat finden sich einige interessante Hinweise auf ein solches Verhalten der über 50jährigen. Die relativ grob nach Alter sortierte Statistik zur Internetnutzung weist bei den über 50jährigen immerhin schon eine Internetaktivität von 69% (über 65 nur noch 41%) aus. Von größerer Bedeutung sind hier jedoch die Fragen nach der Nutzdauer und Nutzungsart des Internets, und nach einer ausführlichen Statistik von Bitkom, in der 2011 nach der Nutzungsdauer gefragt wurde, sind nur noch 14% der über 50jährigen mehr als zwei Stunden täglich online, über 65jährige gar nur noch 9% (zum Vergleich: 14-29jährige 42%). Noch deutlicher wird das Altergefälle bei der Informationsbeschaffung. Während Fernseher, Radio und Zeitschriften (hier sind wohl gedruckte Zeitschriften gemeint) in allen Altersklassen ungefähr sich die Waage halten, sinkt doch die Nutzung des Internets zur Informationsbeschaffung mit zunehmendem Alter rapide ab. Insofern ist die Generation Merkel/Friedrich hier nur noch zu 46% vertreten, die über 65jährigen gar nur noch zu 18%. Und noch deutlicher wird dieser Alterseinbruch, wenn man wie hier auf die Nutzung von Internetgemeinschaften (Community) verweist, denn da liegen die über 50jährigen nur noch bei 5% (14-29jährige 33%).

Gefährliches Internet gemeinfrei

Das Internet ist also gerade für diese Generation der ab 50jährigen aufwärts nicht unbedingt selbstverständlich, und genau dieser Querschnitt spiegelt sich in unseren Politikern wider, die in der Blütezeit ihrer politischen Karriere nun verblüfft und verängstigt auf das Neuland Internet schauen und einen Komplex an unbeherrschbaren und verschlungenen Kommunikationswegen erkennen. Die unbändige Datenaustauschgeschwindigkeit macht ihnen genauso Angst wie die unkontrollierbare Flut an Daten, die weltweit hin und her geschaufelt werden, ohne dass sie noch in der Lage zu sein scheinen, steuernd oder gar mit gezielten Gesetzen einzugreifen. Und selbst die gewünschte Überwachung zur Einhaltung möglicher Gesetze im Netz ist bei weitem nicht in dem Maße gegeben und in seiner Fülle fast völlig unmöglich. Nicht umsonst wurde in den letzten Jahren der Ruf nach strikten Regelungen des Internets immer lauter, und auch Friedrichs inzwischen verblichene aber längst nicht aufgegebene Forderung zur Aufhebung der Anonymität für Nutzer und Blogger ist dieser tiefen Angst vor dem Höllenschlund des fauchenden Internets geschuldet.

Insofern ist es kein Wunder, dass gerade die ältere Generationen das Netzwerk in seiner Eigenschaft als weltumspannendes und ständig wachsendes Freiheitsknäuel in tiefer Sorge vor einem gesellschaftlichen Entwicklungsumbruch völlig mißtrauisch beäugen und seiner Zügellosigkeit auch im Hinblick auf den Verfall von Sitten, Recht und Ordnung Einhalt gebieten möchten. Doch das ist längst nicht mehr möglich, und in ihrer Hilflosigkeit und völligen Überforderung ob der immensen Datenflut greifen sie auf hoffnungslos zu überfüllende Festplattenspeicher durch maßlose Totalüberwachung zurück, um der Lage immer noch nicht Herr zu werden, so wie es in den USA derzeit mit dem aufgeflogenen und von Keith Alexander (geb. 1951) mit Zähnen und Klauen verteidigten Prism geschehen ist. Da wird großspurig auf angebliche große Erfolge bezüglich der Verhinderung von angeblichen terroristischen Angriffen verwiesen. Doch Prism ist nichts weiter als eine elende und immens teure Totgeburt zum Datensammeln, ein Spielzeug für verängstigte alternde Spießer, denen das Internet als #Neuland suspekt geblieben ist. Aber wenigstens können sie  mit ihrem eigentlich völlig sinnlosen Massenspeicherspiel ein wenig den Traum von Überwachung und Kontrolle träumen, den sie in Wirklichkeit niemals wieder erlangen können. Die Datenflut ist ein Datentsunami, der jedes Rückhaltebecken im Nu überfordern wird, und die Welle wird täglich höher.

Doch auch Merkel und ihr sich im Namen aller Deutschen bei Prism bedankender diensthabender Innenminister Friedrich – wofür der sich den Hashtag #HansWurstFriedrich auf Twitter redlich verdient hat – wollen mit der amerikanischen Altersdemenzangst gleichziehen und das äußerst beängstigende und bedrohliche Neuland namens Internet mit einer ähnlich strukturierten Überwachungsstrategie hier in Deutschland unter Kontrolle bringen. Dazu sind sie gerne bereit, 100 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen, um vor allem die jüngere Generation in ihrer lauschigen digitalen Revolution abzuhören und zu überwachen, denn das Internet birgt ja unglaublich viele schreckliche Gefahren. Ganz besonders jedoch birgt es die Gefahr der aus ihrer völligen und verängstigten Ahnungslosigkeit heraus entstehenden Regulierungswut älterer PolitikerInnen, deren Aussterben nach Max Planck der einzige wahre Weg ist (2.Absatz), um Neues zu etablieren. Und er meinte damit sicher nicht nur die offenen Gegner, sondern auch diejenigen, denen #Neuland welcher Art auch immer stets suspekt geblieben ist…