Philosophie – gemeinfrei

Der österreichische Wissenschaftler Jörg Wipplinger von dem sehenswerten Videoblog „diewahrheit.at“ hat mit einem hier am Ende des Artikels eingebetteten polemischen Kurzvideo unter dem Titel „Philosophie ist dumm„, in dem er teils ironisch herbe Kritik an dem Stillstand und dem Mißbrauch dieser Disziplin übt, die philosophischen Gemüter erregt. Wipplinger hat jedoch meiner Ansicht nach recht, denn auch ich habe mich hin und wieder aus den gleichen Gründen in einigen meiner Artikel recht abfällig über die Philosophie geäußert. So bezeichne ich sie öfters gerne als eine Ansammlung heiß zelebrierter Luftblasen, denen sich auch so wertgeschätzte Philosophen wie Immanuel Kant neben den nützlichen Kernaussagen hin und wieder hingegeben haben.

Bei manchen der heutigen jüngeren Philosophen dagegen habe ich eher den Eindruck, dass deren philosophischen Konstrukte zumeist in einen Wust von Fremdwörtern untergehen, um vor allem im „konstruktiven Konstruktivismus„[Wipplinger] konstruktiv verbal zu masturbieren konstruktivieren. Manche der Älteren unter ihnen verschwenden jedoch lieber ihre restliche Lebenszeit in Angst vor einer möglichen aber unerwünschten Totalauflösung ihrer Existenz durch den herannahenden unausweichlichen Tod mit dem philosophischen Zurechtbiegen eines religiösen Konstruktes, mit dem sie zum etwa 10.000sten Mal Gott als Schöpfer zu beweisen versuchen, obwohl schon 9.999 Versuche gescheitert sind und auch dieser wieder vollends in die Hose ging. Da brauchen Skeptische nicht einmal die Begründungen genau zu lesen, denn es ist und bleibt unmöglich, solche Begründungen logisch und widerspruchsfrei zu belegen. Als Gedankenkonstrukte taugen sie genauso wenig wie ähnlich gerichtete Plapperereien von denen, die mit dem Festhalten an altreligiös-disziplinierenden Werten schlichtweg nur noch nerven.

Das Problem der heutigen Philosophie ist jedoch, dass sie kaum noch im echten Fortschrittsdenken öffentlich zu großen gesellschaftlichen oder politischen Themen Stellung nimmt und sich zumeist nur noch dann bemerkbar macht, wenn alte Werte wie der Rückhalt der christlichen Religionen in der Gesellschaft deutlich schwinden, oder wenn – wie oben beschrieben – ein gutbegründetes und doch fundamentloses Konstrukt für postmortale Existenzen benötigt wird. Auch zu ethischen Problemen ist von den Philosophen wenig bis nichts mehr zu vernehmen ausgenommen wiederum religiöser oder rückwärtsgewandter Kram, der jedoch kaum noch ernst genommen werden kann.
Aus diesem Grund habe ich vor einiger Zeit schon in einem meiner Artikel nachgefragt, wo denn unsere intellektuellen Denker geblieben sind. Ein eigenständiges philosophisches Vordenkerprofil wie etwa das des Australiers Peter Singer ist selten und in seiner Schärfe vor allem in Deutschland ziemlich ungeliebt. Die heutigen Intellektuellen gehen ansonsten im Mainstream unter oder haben uns nicht wirklich etwas wichtiges zu sagen. Deshalb ist das Ansehen der Philosophen und die öffentliche Aufmerksamkeit gegenüber der Philosophie derzeit gleich Null, zumal sie sich inzwischen auch gänzlich von den Naturwissenschaften abgespalten hat und in einem losgelösten Schwebezustand nur noch in sich selbst 0der mit der Religion agiert. Die geistig regen Aktivitäten eines Kants und Poppers sind vorbei, und die philosophischen Reste sind entweder in der Versenkung untergetaucht oder verlieren sich im Zelebrieren der berühmten heißen Luftblasen ohne tatsächlichen Sinn und Zweck. Derzeit sorgen die meisten Philosophen lediglich dafür, den historischen Faden nicht zu verlieren. Der früher vorhandene Rückhalt in den Naturwissenschaften existiert nicht mehr, die Naturwissenschaften sind erwachsen geworden, denn „so richtig Sinn macht Nachdenken erst, wenn die Ergebnisse des Denkprozesses systematisch an der Wirklichkeit getestet werden„[Wipplinger].

Zusätzlich ist die Philosophie zu einem Gebilde verkommen, das in ausbeuterischer Weise dazu benutzt wird, jegliche Art von esoterischem Plunder oder religiösen Existenzberechtigungen zu begründen, und vor allem dafür werden gerne philosophische Ergüsse heran gezogen, die eigentlich schon längst mumifiziert in irgendwelchen Gruften verschimmeln sollten. An diesem Mißbrauch ist auch die Philosophie zum Teil selbst schuld, denn sich macht sich in ihrer arroganten Selbstüberschätzung nicht einmal die Mühe, sich von solchen Strömungen zu distanzieren. Insofern hat Wipplinger mit seiner wohl eher ironisch gemeinten Aussage schon ein wenig damit recht, dass die Philosophie sich derzeit wohl am meisten selbst überschätzt.  Und am schlimmsten sind dann noch die Menschen, welche die alten philosophischen Ergüsse in unpassenden Momenten benutzen, um einem Gesprächsteilnehmer  verstaubte Philosophenzitate um die Ohren zu hauen.

Experimentelle Philosophie gemeinfrei

Ob man die Philosophie heute noch als eine Wissenschaft betrachten mag bleibt jedem selbst überlassen, zumindest ist sie entgegen der völlig unwissenschaftlichen Theologie ergebnisoffen. Doch letztendlich ist eine der Begründungen einleuchtend, die der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch in einem Beitrag erwähnt hat, nämlich dass eine Disziplin erst dann Wissenschaft ist, wenn sie die Wirklichkeit abbildet und sich mathematisch beschreiben läßt. Zumindest von letzterem ist die Philosophie jedoch weit entfernt.

Gleichwohl fühlen sich einige PhilosophInnen extrem auf den Schlips getreten, wenn ihre Disziplin auf diese Art und Weise kritisiert wird. Sie reagieren darauf wie auf eine Majestätsbeleidung, wie gerade in Bezug auf das Wipplinger-Video bei Astrodicticum Simplex in den Kommentarspalten teilweise abgelesen werden kann. Die derzeitige gesellschaftliche Mißachtung der Philosophie und vor allem die Benennung als inzwischen völlig überschätzte Disziplin schlägt sich in manchen zornigen Ausbrüchen nieder. Den Freunden der Philosophie wird dabei jedoch schmerzlich bewusst, dass der Sockel, auf dem die Disziplin einst stand eher zu einem Loch geworden ist, in dem es sich vortrefflich versinken läßt. Natürlich wird sich die Philosophie wieder davon erholen, aber dazu müssen sich ihre Ergebnisse wieder viel mehr an der Realität orientieren, denn die Denkweise der Menschen ändert sich nicht nur in religiöser, sondern auch in philosophischer Hinsicht, nämlich weit weg von unsichtbaren und nicht fassbaren Göttern. Da bietet sogar die Esoterik etwas mehr, nämlich Erfahrungen, wenn auch trügerische.

Hier nun das ca. dreiminütige Video von Jörg Wipplinger:

Direktlink zum Youtube-Video

Siehe auch:
Energetik – das esoterische Kind der Philosophie
Lästerliche Fundsachen II
Wissenschaftler, Intellektuelle, Politiker, Helden, wo seid ihr nur?