Der Anteil der Christen in der Bevölkerung ist seit vielen Jahren stetig rückläufig. Der Mitgliederschwund der beiden christlichen Hauptkirchen und ihrer mehr als zweihundert Splittergruppen in Form von freichristlichen Kirchen oder evangelikalen Zusammenschlüssen mit häufig fundamentalistischen Tendenzen sind demzufolge enorm. Der zunehmende Wohlstand in den wirtschaftswunderlichen Nachkriegsjahren und das langsame Vergessen oder Verdrängen der Grausamkeiten des zweiten Weltkrieges hat dazu geführt, dass in einer durchschnittlichen Großstadtpfarrei schon Ende der 60er Jahre an Wochentagen kaum mehr als fünf Senioren an den morgendlichen Gottesdiensten teilnahmen. Dieser Trend verstärkte sich zunehmend durch das Wegsterben der älteren Generation, so dass durchaus manche Gottesdienste pflichtgemäß ganz ohne Publikum durchgeführt wurden.

Aus so manchen Skandalen der christlichen Kirchen erfolgten enorme Austrittswellen, und zu den schlimmsten der dort aufgedeckten Skandale gehörte die erschreckend große Anzahl an sexuellen Mißbräuchen von Minderjährigen. Insofern ist der massive Trend, den christlichen Religionen den Rücken zu kehren nicht verborgen geblieben, vor allem nicht den mitschrumpfenden christlichen Splittergruppen, bei denen die zunehmende Unglaubwürdigkeit des Christentums für massive Panik sorgt.

Gleichzeitig mit dem Christentum verlieren nämlich auch sämtliche erzkonservativen und moralischen Traditionsregeln inzwischen völlig ihre gesellschaftliche Bedeutung, und schon heute interessiert sich kaum noch jemand für den tatsächlichen Inhalt der zehn Gebote, die letztendlich in ihrer Gesamtheit nicht nur ausgedient haben, sondern zudem völlig weltfremd in Bezug auf Recht und Besitzstand längst auf den politischen Scheiterhaufen der Geschichte gehören. Da nützt auch die durch viele Wiederholungen nicht richtiger werdende Behauptung des EKD nichts, dass die Werteordnung der westlichen Gesellschaft angeblich darauf basieren würde. Dass dies nicht so ist, kann hier nachgelesen werden.

Insofern ergibt sich aus all den Faktoren eine massive und zu recht entstandene gesellschaftliche Einflußarmut nach einer 2000jährigen christlichen Geschichte, die eine breite Blutspur über den gesamten Erdball hinterlassen hat. Dieser gewaltigen Spur der Ausbeutung, der Drohungen und der blutigen Macht gegenüber dem Volk,  der ausgeprägten weltweiten Machtspiele mit blutigen Kreuzzügen und der gefolterten Scheiterhaufenopfer wurde erst durch die längst überfällige Säkularisierung Einhalt geboten. Und selbst da wurden die Machtspielchen noch bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg weitergeführt, bis die gesellschaftliche Modernisierung ihnen jegliche Macht geraubt hat.

Goldenes Kalb – gemeinfrei

Doch diese massiv blutige Geschichte des Christentums ist ein schwerer Makel im konservativ fundamentalistischen Getriebe. Wer den Tanz um das goldene Kalb der eigenen moralischen Unfehlbarkeit laut und verbindlich tanzen möchte fällt schneller als erwartet über den immens großen Scherbenhaufen der christlichen Geschichte. Insofern scheitern die Tänzer stets an der eigenen Glaubwürdigkeit, denn gerade deren wieder aufkeimende christliche Fundamentalismus galt schon immer in der Geschichte als fruchtbarer Boden christlichen Machtmißbrauchs und tödlicher Verfolgung Andersdenkender.

Aus diesem Grund bleibt unseren fundamentalistischen Helden nichts weiter übrig, als massivst gegen die eigene Geschichte vorzugehen und diese strikt umzudeuten und mit dem massiven Schönschreiben historischer barbarischer und mörderischer Ereignisse völlig bewusst und vorsätzlich zu fälschen. Das geschieht in dem Glauben, dass ihre eigenen Anhänger sowieso im Durchschnitt historisch ungebildet sind oder ungenaues Halbwissen besitzen und demzufolge Kritik aus den eigenen Reihen kaum oder nur vereinzelt zu erwarten ist. Tatsächlich ist bspw. in der Esoterik das Aufbinden von Bären an leichtgläubige Menschen bei mehr als der Hälfte der Gesellschaft erfolgreich. Da ist es doch sicherlich ein leichtes, ihnen gleich noch den Bären vom harmlosen Christen aufzubinden.

Das Schlimme daran jedoch ist, dass die zunehmend als neue Erkenntnisse verkauften geschichtshistorischen Fälschungen etwa der Hexenprozesse, bei denen nach einer Buchrezension die Frauen angeblich selbst schuld an ihrer Verurteilung und Vernichtung hatten, der Kreuzzüge, die in der neuen tendenziösen Deutung als reine Notwehr verschwafelt propagiert werden sowie der massiv beworbene Mythos einer angeblichen Christenverfolgung Öl in das Feuer menschenverachtender christlicher Fundamentalisten und Fanatiker gießt.

Zu diesem Öl kann auch die Dramatisierung „verfolgter“ Christen durch die Leiterin des „Dokumentationsarchivs der Intoleranz gegen und Diskriminierung von Christen in Europa“ gezählt werden, die in 800 Fällen von Intoleranz und Diskriminierung in westlichen EU-Staaten gesprochen hat. Abgesehen davon, dass diese Zahl auf die Gesamtbevölkerung Westeuropas gesehen eine verschwindend geringe ist (alleine auf Deutschland gerechnet wäre das nur 0,001%), fallen neben anderen Intoleranzen auch der staatlich verordnete Sexualkundeunterricht, welcher „den Kindern gegen den Willen der Eltern aufgezwungen wird“ sowie „dienstlich erzwungene“ Handlungen von Pflegekräften, die gegen ihr christliches Gewissen verstoßen, unter Intoleranzen und Diskriminierungen. Zuguterletzt werden auch noch die angeblichen Diskriminierungen aufgeführt, die ihnen von europäischen Gesetzgebern angetan werden. Ganz ehrlich – da kommen mir doch gleich die Tränen.

Das alles dient nur dem Zweck, sowohl eine Revision der blutigen christlichen Geschichte durchzuführen, um sich als fundamentalistischer Christ im Licht des Gutmenschen baden zu können oder wie in den Fällen der dramatisierten Verfolgungen und Diskriminierungen als schützenswerte Religionsfigur zu positionieren. Es hat in den christlichen Kirchen eben eine 2000jährige Tradition, einer gefälschten und angeblichen Wahrheit mit der eigenen Deutung auf die Sprünge zu helfen. Realitäten sind im Christentum verpönt und gelten als diskriminierend. Dass dabei nicht nur fundamentalistische Christen lügen wie gedruckt interessiert sie nicht einmal bei der Beichte.