Emotionalität beim Gespräch auf beiden Seiten – gemeinfrei

Die für uns selbstverständliche Sprache ist nach einer Aussage des Neurowissenschaftlers Gerhard Roth der erste Intelligenzverstärker der Menschheit und hat dazu geführt, dass der gezielte Austausch von Informationen in hohem Maße vereinfacht wurde. Das geschah vor etwa 300.000 bis 100.000 Jahren, wobei die Entwicklung des Gaumens und Kehlkopfes zur Sprachfähigkeit nach heutigen Erkenntnissen zum letztgenannten Zeitpunkt abgeschlossen war. Auf welchem Wege die Sprache entstand ist weitgehendst unklar. Nach der Sprache folgte bekanntermaßen die Entwicklung der Schrift als zweiter Intelligenzverstärker sowie das noch sehr junge Internet als dritter, dessen Folgen für die Menschheit heute noch gar nicht abzusehen sind. 

Genauer betrachtet ist jedoch jede zwischenmenschliche Kommunikation mehr als nur das gesprochene oder geschriebene Wort. Hier werden nicht nur rein sachliche Informationen weitergegeben, sondern gleichzeitig – ausgenommen zumeist bei bewusst sachbezogenem fachlichen Austausch oder Disput – unzählige emotionale Signale transportiert. Diese sind nicht nur im persönlichen Verhalten, der Mimik oder im Klang der Stimmen der Informationssendenden zu finden, sondern auch in der Betonung bestimmter Wörter oder in der Kombination der Worte oder Satzteile. Deshalb können Emotionen auch dann übermittelt werden, wenn die Kommunikation nicht vis à vis, sondern etwa über Telefon oder schriftlich erfolgt.

Briefschreiber (Cicero) gemeinfrei

Briefe waren jedoch eine langwierige Angelegenheit und verlangten sowohl im richtigen Ton als auch in der Übermittlung des entsprechenden Gefühls eine ausgefeilte Formulierung, die zumeist nur den geübten Briefeschreibern vorbehalten waren. Doch die Kommunikationsmöglichkeiten haben sich seit dem Internet erheblich verändert. Die Erfindung emotionaler Ersatzzeichen war demzufolge nur eine Frage der Zeit, denn eine ausgereifte Formulierung ist seit Email und Co. den meisten Kommunizierenden schlichtweg zu mühselig. Zuerst entstanden die um 90° geneigt gelesenen Zeichensymbole (Emoticons) „:-)“ und später die wie hier in WordPress als symbolische Grafiken recht deutlichen Smileys 😆 . Mit Emoticons und Smileys können demzufolge auf einfache Weise die zum Satz gehörigen Emotionen stellvertretend übermittelt werden. Das Interessante daran ist jedoch, dass diese Symbole weltweit verstanden werden. Insofern ist die emotionale Kommunikation immer noch die einzige Sprache, die im großen und Ganzen – mit geringen Abweichungen in manchen Kulturkreisen – von jedem Menschen verstanden wird.

Nun stellt sich allerdings in besonderem Maße die Frage, warum der Mensch trotz seiner ausgeprägten Sprach- und Schriftfähigkeit überhaupt in verbalen oder schriftlichen Botschaften Emotionen übermittelt und im Gegenzug die Übermittlung emotionaler Zustände des Anderen erwartet. Diese Erwartungen sind sogar so verinnerlicht, dass eindeutig emotionslose Gespräche außerhalb beruflicher, etwa wissenschaftlicher, verwaltungstechnischer oder juristischer Fachgespräche, zumeist als unterkühlt, die emotionslose Schilderung zwischenmenschlicher oder besonders tragischer oder dramatischer Ereignisse gar als unangenehm gefühlskalt wahrgenommen werden, und oft werden in solchen Aussagen vom Empfänger Emotionen vermutet, die gar nicht vorhanden sind.

Emotionen, die wir mit den Säugetieren teilen: Aggressiver Affe – gemeinfrei

Im Prinzip ist das deshalb verständlich, weil der Mensch mit dem Interpretieren von emotionalen Zuständen wichtige Lebensbereiche abdeckt, bspw. die Bedürfnisse des Nachwuchses erfüllt. Säuglinge sind aufgrund des noch nicht voll ausgebildeten Gehirns bekanntermaßen nicht in der Lage, Wünsche und Bedürfnisse verbal zu äußern und kommunizieren mit der Umwelt rein emotional. Ebenso sind einige späteren Ereignisse im Leben eines Menschen vorwiegend emotional gesteuert, etwa das Verlieben zum Zweck der Fortpflanzung oder die Aggressivität zur Verteidigung der eigenen Existenz. Doch auch darüber hinaus ist die vollumfänglich funktionierende emotionale Kommunikation – die wir im Übrigen mit allen Säugetieren teilen – eine allumfassende Sprache der Menschheit. Das zeigen vor allem alte und fast textlose Stummfilme, in denen Handlungen und Emotionen ausschließlich über Gebärden und Mimik der Schauspieler zum Publikum transportiert und von demselben nahezu lückenlos und weltweit verstanden wird.

Mit dem Erlernen der verbalen Sprache und seiner ausgiebigen Nutzung ist jedoch ein großer Teil der emotionalen Kommunikationsübermittlung eigentlich unnötig geworden und häufig sogar eher störend als nützlich. Das zeigen vor allem verschiedene Schlägereien sogar in Parlamenten, denen eine Diskussion über Sachfragen vorausging und unterschwellige oder offene emotionale Botschaften bis zur Eskalation übermittelt wurden. Auch in Kommentarsträngen von Blogs lassen sich solche Eskalationen häufig beobachten, in denen am Ende nur noch emotionale Einwürfe und kaum sachthemenbezogene Argumente geboten werden.
Ganz besonders in Partnerschaften sind rationale und emotionslose Problemlösungen bei Beziehungsschwierigkeiten wesentlich seltener anzutreffen als emotionale Auseinandersetzungen, die häufig zu einem Bruch und zum Ende der Beziehung führen. Und eine der schlimmsten Auswüchse emotionaler Abartigkeiten sind emotionale Erpressungen, mit denen weitreichende Zielsetzungen bis hin zur völligen emotionalen Abhängigkeit der Erpressten erreicht werden können.

Schlägerei im Congress gemeinfrei

Warum also fällt es den Menschen so schwer, sich in einer Kommunikation seiner Emotionen zu enthalten? Und warum nutzt der Mensch nicht das intelligente und wesentlich energiesparendere Modell des logischen Verstandes zum klaren und emotionsarmen Austausch von Informationen? Vielleicht hat Antonio R. Damasio recht mit der Aussage, dass Emotionen grundsätzlich „kein Luxus, sondern ein komplexes Hilfsmittel im Daseinskampf„, sind, der jederzeit stattfindet und mit dem der eigentlich gar nicht so zivilisierte Mensch sich auch seine eigene Existenz und Macht verteidigt und sichert. Und auch nach einer Theorie Richard Dawkins sind Emotionen letztendlich ein reines Mittel zum Zweck, um „die Überlebenschancen der Gene und ihrer Kopien zu verbessern.“ Konsequenterweise ist Dawkins demzufolge der Ansicht, dass die „vermeintliche Alternative einer Verhaltenssteuerung durch Intelligenz steht und fällt mit dem Nachweis der Einflüsse der Emotionen auf diese Intelligenz“ (Wiki: Emotionale Verhaltenssteuerung). Doch was wäre, wenn tatsächlich der Teil der emotionalen Möglichkeiten, die sich stets innerhalb der Kommunikation als unvorteilhaft erweisen, einfach wegfallen würde?

Eine Ahnung davon vermittelt die Kommunikation mit Menschen, die sich in Gesprächen voll und ganz auf der Sachebene bewegen. Das ist teilweise bei hochbegabten Asperger-AutistInnen der Fall, bei denen einige durchweg völlig umfassend rational und sachbezogen kommunizieren. In Gesprächen vermitteln sie selbst neben dem Sachthema keine emotionale Komponenten, wie sie in dem Kommunikationsquadrat nach Schulz von Thun aufgeschlüsselt sind. Gleichzeitig erkennen sie ebenso nicht intuitiv die Übermittlung emotionaler Komponenten durch andere. Ausnahmen sind erlerntes Erkennen und die Bestimmung der Emotionen des Gegenübers auf rationalem Weg, was Betroffene jedoch als anstrengend beschreiben. Und selbst in Bezug auf eigene Kinder, deren Emotionen sie ebenso nicht erkennen können, müssen ersatzweise rational erstellte programmatische Abläufe benutzt werden, um das Überleben des Nachwuchses sichern.

Gespräche mit solchen hochbegabten Asperger-AutistInnen sind jedoch zumeist bestechend logisch und auf das Wesentliche, nämlich auf die zu besprechende Sache reduziert. Mißverständnisse entstehen lediglich durch logische Fehlschlüsse und lassen ansonsten keinen Platz für persönliche Betroffenheiten. Das Interessante daran ist, dass selbst emotionale Themen rein rational abgehandelt und nach logischen Gesichtspunkten geklärt werden. Eine emotionale Eskalation findet nicht statt. Recht haben ist keine persönliche Option, sondern das Ergebnis logisch sauberer Schlüsse. Emotional heikle Themen existieren im Prinzip nicht.

Verschiedene emotionale Zustände – gemeinfrei

Das funktioniert in seiner idealen Form allerdings nur entweder zwischen Menschen mit gleichen Symptomen oder bei solchen, die sich bewusst auf den Zustand der emotionslosen Inhalte einlassen können. Dies ist sicherlich der Fall in den genannten Fachgebieten von Wissenschaft, Verwaltung und Justiz, in denen es rein um Sachthemen geht und Informationen auf rein rationaler Basis übermittelt werden. Im durchschnittlich zwischenmenschlichen Bereich jedoch ist eine solch rationale Diskussionsweise kaum denkbar, ohne nicht umgehend zu den gefühlskalten Menschen gezählt zu werden, denn zu einer rein rationalen Diskussion zählt auch immer eine gewisse rücksichtslose Offenheit. Insofern fallen Menschen mit puren rationalen Aussagen zumeist schnell auf.

In der Tat wäre jedoch eine gewisse gefühllose Denkweise (was nicht mit fehlender Empathie zu verwechseln ist) in der Gesprächskultur eine erstrebenswerte Angelegenheit. Doch dies ist kaum machbar, weder in der Politik noch im zwischenmenschlichen Bereich, obwohl dies unbestreitbar einige große Vorteile für eine Gesellschaft hätte, denn die meisten Entscheidungen in der Geschichte der Menschheit waren und sind bis heute nicht ausschliesslich von logischen und rationalen Gesichtspunkten geleitet, sondern von persönlichen, moralischen, wirtschaftlichen, wahltaktischen oder schlichtweg idiotischen Interessen unter Vernachlässigung zumeist unangenehmer Komponenten oder sozial abträglicher Strukturen. Emotionale Entscheidungen haben in der Geschichte nicht nur zu großen Kriegen geführt, sondern auch zu Hexenverbrennungen und Holocaust, zu Lynchjustiz und Massaker. Und selbst im preussischen Reich sind rationale Entscheidungen trotz des Einflusses des Urvaters der Vernunftslogik, Immanuel Kant, auf das bestehende Herrschaftssystem eher rar geblieben. Insofern hat Eduard V. Eckardt mit seinem Satz recht: „So lange Emotionen existieren, kann es keine perfekte Welt geben.“