Traditionsreich gemeinfrei

Wenn jemand eine alte Tradition bewahren will, also etwa einen bestimmten Hut mit einer bestimmten Form zu bestimmten Anlässen trägt, dann ist dagegen nichts einzuwenden. Wenn dieser Traditionsbewahrer es gerne sehen würde, dass die vielleicht alte Familientradition von seinen Nachkommen weiter getragen wird, der schult sie im Tragen der Hüte. Wenn diese Nachkommen sich in dieser Tradition wohlfühlen, dann ist alles in Butter. Schlimm wird es jedoch, wenn die Nachkommen dazu gezwungen werden, obwohl sie den Sinn der Tradition gar nicht sehen oder gar für überflüssig halten, und noch viel schlimmer ist es, wenn der Traditionsbewahrer versucht, andere entweder per Gesetz und damit letztendlich auch mit Gewalt zu sinnlosen und rückständigenTraditionen zu zwingen.

Es gibt derzeit viele Traditionen, deren Bewahrer sich auf festzementierte traditionelle Weltbilder berufen und ansonsten keinerlei Argumente haben, warum diese völlig überflüssigen Traditionen überhaupt noch irgendeinen Wert haben. Natürlich kann ein jeder für sich eine Tradition bewahren, wenn er möchte, auch wenn sie noch so überflüssig ist. Das Schlimme daran ist jedoch, dass es hier vor allem um Werte geht, deren Einhaltung kaum noch jemandem einleuchten, ihre rückwärtsgewandten Bewahrer aber die Gesellschaft dazu zwingen möchte, ihre überflüssigen Traditionen einzuhalten und ihren hineingelogenen Wahrheitsstatus anzuerkennen.

Das ist zum Einen bei der seit mehr als 120 Jahren umkämpften und inzwischen zur Zufriedenheit der meisten Beteiligten gelungenen gesetzlichen Regelung zur Abtreibungspraxis der Fall, die von fundamentalistischen Christen bekämpft wird und die einen Rückschritt in die Praxis der Hinterhof-Engelmacher mit verblutenden Frauen auf dem Küchentisch erreichen wollen. Sie verstehen dies als Schutz des Lebens. Sie möchten weder das im Rahmen des Gesetzes gültige Selbstbestimmungsrecht der Frauen noch die soziale Indikation als Grund für eine Abtreibung akzeptieren. Vernunft spielt keine Rolle, lediglich der Glaube an die Existenz einer lebenschöpfenden Instanz führt zu der Einstellung, in einer Wahrheit zu agieren. Dass es in Wirklichkeit ein Agieren in Dummheit ist entgeht ihnen.

Zum Anderen ist die seit den 70er Jahren immer weiter zurückgedrängte idiotische Moralvorstellung gegen gleichgeschlechtliche Paare, die mit der Aufhebung der Bestrafung für homosexuelle Handlungen begann und bis heute zu einer gesellschaftlich akzeptierten Möglichkeit zu Partnerschaft und Kinderadoption geführt hat. Fundamentalistische Christen sind jedoch in sachlicher Unkenntnis oder Verweigerung der tatsächlichen natürlichen Begebenheiten der Ansicht, dass dies wider der Natur sei. Und auch trotz zahlreicher wissenschaftlicher Erkenntnisse sind sie der Ansicht, dass Homosexualität eine psychische Störung oder eine geistige Krankheit ist und heilbar sei. Ihre mehr als dümmliche moralische Einstellung halten sie für göttlich und wahr.

Meinungshoheit durchsetzen
gemeinfrei

Fundamentalistische Christen fühlen sich im Recht und sehen sich nicht als Fundamentalisten. Sie haben ein Buch, in dem alle wichtigen Wahrheiten hinein geschrieben sind. Dieses Buch ist barbarisch, denn es erzählt von einem Gotteslästerer, der von den Römern gefoltert und an das Kreuz genagelt wurde. Sie beten diesen Gotteslästerer an. In dem Buch wurde 56mal von Wahrheit gesprochen, deshalb ist es für sie uneingeschränkt wahr. Sie verstehen nicht, dass dieses Buch keinen Wahrheitsgehalt hat und für andere wertlos ist. Sie verstehen nicht, wieso es Menschen gibt, die nicht an Gott glauben und über christliche Rituale schmunzeln. Fundamentalistische Christen werden in der Gesellschaft abgelehnt oder ignoriert. Sie verstehen nicht, dass Gott die Gesellschaft dafür nicht bestraft.  Sie fühlen sich diskriminiert. Ihre eigenen diskriminierenden Aussagen bezeichnen sie als Meinungsfreiheit. Offene Ignoranz und Ablehnung, die Verhöhnung ihrer Religion, ihrer Symbole und ihres Gottes empfinden sie als Christenverfolgung. Fundamentalistische Christen pflegen den erfundenen Mythos von der Verfolgung der Christen ganz besonders intensiv.

Mit der Wahrheit über Abtreibung, Homosexualität, Verfolgung oder bei der Berufung auf ein altes inkonsistentes Buch nehmen es fundamentalistische Christen nicht so genau. Sie sind verkrustet, verblendet, rückständig und rückwärtsgewandt. Ihre Macht- und Bedeutungslosigkeit macht ihnen schwer zu schaffen. Sie wünschen eine Rückkehr zu alten verkrusteten Moralvorstellungen mit einer steten Indoktrination christlicher Lügenmoral – mit ihnen selbst als mächtige Bewahrer. Sie wollen den Fortschritt blockieren. Sie schalten Anzeigen. Sie wünschen einen gesetzlichen Schutz ihres Weltbildes. Sie werden ihn nicht bekommen. Sie verstehen nicht, warum Gott ihnen nicht hilft. Sie bleiben erfolglos.

Sie werden irgendwann gewalttätig.