Bisher traten sie durchweg durch die Bank selbstbewusst auf. Bisher waren ihre Stimmen gewichtig wenn auch häufig nicht nur unwichtig, sondern auch noch völlig falsch, aber es wurde auf sie gehört und ihren göttlichen Ratschlägen gelauscht. Es ist die Rede von jenen kirchlichen Amtsträgern, vom Priester bis zum Papst, deren Worte so mächtig waren, dass PolitikerInnen heute noch vor Gott ihren Amtseid ablegen, Kruzifixe in öffentlichen Räumen verteidigen und homophobe Äußerungen im Sinne der Kirche verbreiten, trotz gegenteiliger Gesetzgebung in Form von Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsgesetzen. Und bisher galt das von ihnen ausgesprochene Wort „kirchenfeindlich“ einem Bann gleich, welches jenen entgegen geschleudert wurde, die sich in Kritik gegenüber des 2000jährigen kirchlichen Machtungetüms übten.

Doch das Wort „kirchenfeindlich“ ist inzwischen durch seinen inflationären Gebrauch schon fast zu einer Auszeichnung für Andersdenkende verkommen. Die BewahrerInnen des christlichen Abendlandes in den entsprechenden Kirchen, egal ob katholisch oder evangelisch – und hier vor allem die zunehmenden christlichen Splittergruppen mit fundamentalistischen oder gar radikalen Tendenzen –  bezeichnet mit dem Wort inzwischen jede Verneinung religiösen Denkens oder die Abneigung gegenüber der christlichen Religion überhaupt. Damit wird jegliche Kirchenkritik umgehend in die Schublade „gefährliche Feinde“ gelegt und Religionskritisierende als aggressive Menschen diskreditiert. Gleichzeitig begeben sich die Kirchen und ihre Splittergruppen durch diese versuchte Klassifizierung in eine zutiefst erbärmliche Opferrolle, um die Angreifbarkeit der eigenen auch fundamentalistischen oder gar radikalen Ansichten zu vermindern und mit dem Finger auf die angeblich bösen dogmatisch-säkularen Menschen deuten zu können.

David Hume, erster säkularer Humanist gemeinfrei

So gelten nach Ansicht kirchlicher Verbände grundsätzlich alle säkularen Vereinigungen als kirchenfeindlich, und dazu gehören alle humanistischen Verbände. Das wurde auch deutlich bei dem weltanschaulichen Streit um die Trägerschaft der Berliner MUT Gesellschaft für Gesundheit mbH, eine Tochterunternehmung der Ärztekammer, welcher die Räumlichkeiten der Obdachlosen-Ambulanz am Ostbahnhof gekündigt wurde. Als Begründung wurde angegeben, dass die Zielsetzung des neuen Trägervereins Humanistischer Verband Deutschland (HVD) weltanschaulich nicht mit der evangelischen Kirche übereinstimmen würde. So sei die evangelische Kirche der Ansicht, dass das Zurückdrängen der kirchlichen Dominanz in der Gesellschaft durch solche Verbände kirchenfeindlich sei. Ebenso wurde die Kritik, die durch die Ablehnung einer vergewaltigten jungen Frau in Kölner Krankenhäusern unter kirchlicher Trägerschaft laut wurde von einschlägigen christlichen Organen als kirchenfeindliche Medienkampagne bezeichnet. Und je nach Lust und Laune halten verschiedene christliche PolitikerInnen mal die eine (evangelischer Arbeitskreis der CSU in Oberfranken die Piratenpartei) oder die andere Partei für kirchenfeindlich oder sprechen ihnen kirchenfeindliche Tendenzen zu. Manche sind gar der Ansicht, dass es eine Geisteskrankheit sei, wenn sich jemand verbal massiv gegen die Kirche stellt. Und selbst meine eher harmlosen kritischen Artikel zum Thema Kirche wurde in anderen religiös angehauchten Blogs bereits als Zeugnis eines persönlichen Feldzuges gegen die Kirche angesehen.

Insofern ist es nicht verwunderlich, dass die Kirchen und christlichen Verbände mit ihrer verlorenen Macht und dem massiv abgenommenen Einfluss auf die Gesellschaft inzwischen genauso reagieren wie Menschen, die am ungewollten Ende einer Beziehung stehen und mit emotionalen Erpressungen versuchen zu retten, was noch zu retten ist. Insofern ist der Begriff „kirchenfeindlich“ nicht sehr weit weg von den Streitvorwürfen einer sich abzeichnenden endenden Beziehung, in der sich eine Seite zumeist als Opfer sieht und alle emotionalen Register zieht, um dem anderen ein emotionales schlechtes Gewissen bezüglich seiner Trennungsgründe hinterher zu werfen. Vor dem Hintergrund einer Kirche, die in ihrer 2000jährigen Geschichte konstruktive Kritik innerhalb des Systems stets nur bedingt zuließ und argwöhnisch betrachte, gleichzeitig Kritik am ganzen System jedoch immer als ausgesprochen feindseligen Akt mit rigorosen und häufig unmenschlichen Methoden unterdrückte, erscheint die Bewertung der Motivation von Religions- und Kirchenkritisierenden als „kirchenfeindlich“ wie eine letzte Anmaßung nach dem Motto „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“. Tatsächlich aber ist es ein letztes Aufbäumen in einer zelebrierten Opferrolle im Jammertal einer angeblich unterdrückten Christenminderheit. Und genau aus diesem Grund geht diese Opferrolle seit einiger Zeit einher mit einer Kampagne zum Thema angeblich unterdrückter und verfolgter Christen. Hierfür werden Beispiele aus anderen Ländern genommen, in denen Christen aus eigenen politisch begründeten Motiven heraus einer Verfolgung ausgesetzt sind. Ausgeblendet werden aber dabei die massiven Verfolgungen nichtchristlicher Menschen in der Kirchengeschichte und die heutigen Verfolgungen andersdenkender Menschen durch Christen. In Wirklichkeit nämlich ist eine massive Christenverfolgung nichts weiter als ein Mythos, dem sich die Christen zur Verstärkung der Opferrolle bedienen, und sogar deutsche PolitikerInnen fallen auf diesen Unsinn herein.

Kein Unterschied:
Kirche und Currywurst
gemeinfrei

Die Kirche wandelt sich zu einer Vereinigung, in welcher der zunehmend massive Ausschluss aus der Mitte der Gesellschaft, die Zurückdrängung aus Politik und Bildung und der inzwischen vollständige Ausschluss aus der Wissenschaft zu einem zunehmend angeblichen Opferdasein führt und vermehrt die Schuld dafür in kirchenfeindlichen Tendenzen zu suchen pflegt.  Doch tatsächlich ist es gar keine Zurückdrängung durch kirchenfeindliche Tendenzen, sondern schlichtweg der fortlaufende und durch autoritären Starrsinn selbstverschuldete Verfall einer Weltkirche, welche den meisten Menschen nichts mehr sagt oder in dem Glauben an die Existenz einer übergeordneten Instanz keinerlei Bedeutung mehr sehen. Die Kirche, die den Menschen die Welt erklärt hat gibt es nicht mehr. Das haben andere übernommen, und durch die zunehmende Bildung und einem freien Internet wird den Kirchen noch weiter zur Bedeutungslosigkeit verholfen. Insofern ist der Vorwurf der Kirchen, sie sei einer Kirchenfeindlichkeit ausgesetzt und fühle sich verfolgt genauso trotzig und verfehlt wie der Vorwurf eines nachlässigen Pommesbudenbesitzers  mit zunehmend ungenießbarer Currywurst, seine ausbleibenden und kritisierenden Kunden seien alle currywurstfeindlich.

Siehe auch:

Auf zunehmend tönernen Füßen
Praktizierte Todsünden
Fränkische Bischöfe verbieten Kritik
Naturwissenschaft vs. Religion – der Unterschied und die selbstverschuldete Verdrängung
Naturwissenschaft vs. Religion II – die Unvereinbarkeit und der Lückengott
Naturwissenschaft vs. Religion III – Die Unvereinbarkeit als Vorteil
Der Vatikan und sein gefordertes Recht auf Diskriminierung
Zwingt religiöse Moralapostel endlich zur Rechtstreue!
Christliche Kirchen wehren sich gegen ihre zunehmende Bedeutungungslosigkeit
Erzbischof Schick verlangt erneut Blasphemie-Verbot
Schrecklich christliche Bischöfe
Rückwärtsgewandte Katholikenbischöfe
Facepalm des Monats – Schick und die Gotteslästerung
Erzbischof Schick, gottverdammte Teilchen und die Schöpfung im Labor