Epikur, der Urskeptiker
gemeinfrei

In der heutigen Zeit werden einem die merkwürdigsten Theorien und Glaubenskonstrukte nur so um die Ohren gehauen. Da gibt es nicht nur zahlreiche moderne esoterische Konstrukte wie Homöopathie, Reiki, TCM und vieles mehr, sondern auch unzählige althergebrachte Überlieferungen wie bspw. Gottesglauben, Spiritualität, Spiritismus oder Telepathie. Kritisch denkende Menschen, die sich der kantschen Vernunftslogik verpflichtet fühlen und jede Merkwürdigkeit hinterfragen, sind jedoch inzwischen auf Anhieb ziemlich beurteilungssicher im Rahmen dessen, was sich innerhalb von Naturgesetzen bewegt oder bewegen kann und was nicht. Insofern betrachten sie solche esoterischen und gläubigen Konstrukte im Allgemeinen als SkeptikerInnen mit großer Skepsis und hinterfragen im Prinzip alles, was nicht von ihnen auf Anhieb im logischen Sinne verstanden wird bzw. nicht von den Vertretern der Konstrukte logisch erklärt werden werden kann.

Als SkeptikerInnen bezeichnen sich jedoch viele, vor allem aus der Esoterikszene, und deshalb stellt sich die Frage nach einen erkennbaren Unterschied zwischen rationalen SkeptikerInnen und den esoterischen (oder spirituellen) SkeptikerInnen, welche bspw. die gut belegten und fundierten wissenschaftlichen Erkenntnisse anzweifeln und die Ansicht vertreten, sie seien alleine aufgrund ihres Zweifels in Sachen Skepsis allen anderen SkeptikerInnen ebenbürtig.
Die Denkweise rationaler SkeptikerInnen richten sich jedoch nach bestimmten Kriterien, und eine dieser Kriterien ist die in der skeptischen Denkweise vorhandene und unabdingbare Vernunftslogik. Diese folgt im Prinzip aus der Aufforderung des Immanuel Kants, den eigenen Verstand mit Vernunft zu gebrauchen. Er hatte nämlich erkannt, dass es durchaus für jedermann möglich ist, in einem gewissen Rahmen Erkenntnisse durch Vernunft und Logik zu gewinnen. Diese Vernunftslogik ist es demzufolge auch, welche von vorne herein thematisch die Spreu vom Weizen trennt. Wenn man sich mit einem Thema auseinandersetzen und dieses kritisch hinterfragen möchte, dann kommt man nur dann zu vernünftigen und für jedermann nachvollziehbaren Ergebnissen, wenn sich die zu beurteilende Thematik von vorne herein erkennbar in bestehende (Natur-) Gesetze logisch einfügt. SkeptikerInnen müssen zwar nicht alle wissenschaftlichen Gesetzesmäßigkeiten kennen, aber sie sollten zumindest ein ungefähres Bild davon in sich tragen, was logisch möglich ist und was nicht. Insofern wäre etwa jemand mit der Behauptung, dass seine gekauften Gummibärchen in der Tüte mit ihm real sprechen, in jedem Falle etwas, was dem allgemeinen Verständnis von biologischen Gesetzmäßigkeiten und Naturgesetzen widerspricht, auch dann, wenn dies plötzlich zwanzig Menschen behaupten. Ebenso kann man getrost von Scharlatanerie ausgehen, wenn jemand von sich behauptet, er könne ohne Hilfsmittel die Schwerkraft ausser Kraft setzen. Diejenigen, die sich innerhalb einer vernünftigen Logik bewegen wissen sofort, dass diese Behauptung nur Unsinn sein kann. Selbst wenn es vor den Augen von SkeptikerInnen geschehen würde und diese sich nicht die Funktion erklären könnten, können sie sich sicher sein kann, dass es sich hierbei um einen völlig realen Trick handelt. Es wird in jedem Falle immer jemanden geben, der diesen Trick aufdeckt bzw.  als solchen entlarven kann.

Doppelspaltexperiment gemeinfrei

Das zweite Kriterium für skeptisches Denken ist der Wille, nicht nur eine Grundidee und ein mögliches Ergebnis zu akzeptieren, sondern auch den kompletten Weg dazwischen nachzuvollziehen. Im  schrittweisen Überprüfen der logischen Schlüssigkeit der einzelnen Komponenten von der Behauptung bis zum Ergebnis lassen sich ziemlich schnell unlogische oder fehlerhafte Konstrukte erkennen oder solche, die sich nicht in eine fortlaufende Erkenntnislogik einreihen. Gleichzeitig lernt man das Thema viel besser kennen und somit auch logisch verstehen.
Ein schönes Beispiel für eine solche nachvollziehbare Thematik war bei mir der frühe Versuch, die Ergebnisse des Doppelspaltexperiments zu verstehen. Dazu musste ich zuerst die technischen Details des Versuchsaufbaus kennen lernen und sprachliche Mißverständnisse beiseite räumen, bis ich die technischen Vorgänge in seinen Einzelheiten soweit verstanden hatte, dass ich die Ergebnisse akzeptieren konnte. Sicher ist es für einen Laien nicht unbedingt nötig (aber durchaus spannend), alle Einzelheiten zu verstehen, doch je mehr davon verstanden wird um so klarer (oder im Zweifel auch fragwürdiger) sind die Ergebnisse, auch wenn diese selbst – wie beim Doppelspaltexperiment – anderen Erkenntnissen widersprechen. Dennoch reicht zur Bewertung des Ganzen im Allgemeinen völlig aus, das Experiment auch durch seine stete Wiederholbarkeit mit immer gleichen Ergebnissen als real anzuerkennen.

Der dritte hilfreiche Wegweiser zu einer seriösen Bewertung eines bestimmten Themas ist immer damit gegeben, dass die Ergebnisse von einer breiten wissenschaftlichen Masse getragen werden. Das bedeutet, dass die beteiligten WissenschaftlerInnen sich alle Mühe gegeben haben, die Ergebnisse des Experiments zu überprüfen (falsifizieren) und bis dato als beste und derzeit nicht widerlegbare Theorie in ihrem Ergebnis anzuerkennen. Das heisst weder, dass die Theorie in ihrer Endgültigkeit feststeht noch dass sie bereits in sich (ab)geschlossen ist. Deshalb bleiben Theorien in ihren Ergebnissen immer für Erweiterungen sowie Kritik, Vermutungen und Spekulationen offen, die aber in jedem Falle stets mit guten und einleuchtenden Argumenten begründet werden sollten. Ohne diese macht sich nämlich niemand aus der Wissenschaft die Mühe, Forschungsgelder zu beantragen und neue Versuchsaufbauten zu konstruieren. Eine reine Behauptung, die nicht logisch begründet oder nicht zumindest mit mathematischen Berechnungen untermauert werden kann ist schlichtweg ohne Inhalt und nicht wert, auf den Wahrheitsgehalt überprüft zu werden.

Logik – gemeinfrei

Damit ist der Weg des Skeptikers im Prinzip vorgezeichnet. Nicht nur eine Grundannahme und das Endergebnis sind als allein selig machende Erkenntnisse maßgebend, sondern der genaue logisch begründete Weg, der zu einem solchen Ergebnis führt. SkeptikerInnen hinterfragen im Zweifelsfall eben nicht nur Ergebnisse, sondern auch gleich alle Komponenten, die zu diesem Ergebnis führten und anhand derer auch gleich nachvollzogen werden kann, wie ein solches Ergebnis zustande kommt. Insofern sind SkeptikerInnen erst dann zufrieden, wenn eine Behauptung und das Ergebnis vom Anfang bis zum Ende mit den meisten nötigen Einzelheiten verstanden wurde und mit der entsprechenden Vernunftslogik nachvollzogen werden kann.
Und damit wird deutlich, was „echte“ SkeptikerInnen ausmacht. Skepsis heisst nämlich nicht nur, sich etwas kritisch anzuschauen oder eine Sache anzuzweifeln. Skepsis heisst vor allem, sich innerhalb der kantschen Vernunftslogik – die ausschliesslich rational sachlich begründet ist und niemals emotionale Komponenten enthält – zu bewegen und zu Schlüssigkeiten zu gelangen, die für jeden ebenso rational logisch denkenden Menschen nachvollziehbar sind.

Insofern unterscheiden sich solche SkeptikerInnen ganz massiv von esoterischen PseudoskeptikerInnen, die zwar gerne alles skeptisch betrachten, niemals aber auch nur eine zwingende Vernunftslogik anwenden, um zu einem klaren Ergebnis zu gelangen. Esoterische PseudoskeptikerInnen haben nämlich bis heute nicht verstanden, dass es keineswegs reicht, sich als SkeptikerIn zu bezeichnen und Theorien anzuzweifeln, ohne die Zweifel logisch zu begründen. Am Schlimmsten ist allerdings die nüchterne Erkenntnis, dass viele der PseudoskeptikerInnen die von ihnen angezweifelte Thematik überhaupt nicht verstehen oder verstehen wollen und die Gründe für ihre Zweifel demzufolge in krude und unlogische Verschwörungstheorien verlagern. Bis heute ist mir noch keine von den Möchtegern-SkeptikerInnen begegnet, welche auch nur eine einzige skeptisch sinnvolle und logische Schlussfolgerung hat ziehen können, die in irgendeiner Weise Bestand hatte. Für sie ist Skepsis im Großen und Ganzen ein rein emotionales Gefühl des Angstzweifelns, zum Teil antiwissenschaftliches Trotzverhalten gegen eine materialistische nichtspirituelle Wissenschaft zur esoterischen Rettung des eigenen Geistes vor der unendlichen Vereinsamung, ohne Hoffnung auf eine göttliche, spirituelle oder schwingende Verbindung zu einer übergeordneten Instanz. Es ist eine Art verzweifelter Ruf mit den Worten „is there anyboody out there“ ohne reale Antwort.